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Megaparty in Kostrzyn ohne Angst vor Massenpanik
Haltestelle Woodstock lockt auch viele Besucher aus Deutschland nach Polen
Kostrzyn (ddp). Mit einem beherzten Griff packt Dorota den jungen Mann unter den Achseln und zieht ihn unter einen Baum. Im Schatten angelangt, benetzt die 23-Jährige das völlig verdreckte Gesicht des Mannes mit Wasser. Allmählich wieder bei Sinnen, rappelt sich der Mittdreißiger auf. Er wisse nicht, wie lange er schon in der Sonne gelegen hat, stammelt er. Dann bedankt er sich artig bei Dorota und verschwindet im Meer von Tausenden Zelten. Es ist Alltag bei der Haltestelle Woodstock, dem größtem nichtkommerziellen Festival der Welt im polnischen Grenzort Kostrzyn, das am Freitag begonnen hat.
"Meist sind es Betrunkene, die zusammenbrechen und dann einfach in der prallen Sonne liegen bleiben. Wir sprechen sie dann an oder bringen sie in Sicherheit", sagt Dorota aus dem südpolnischen Czestochowa, die zum dritten Mal bei der Haltestelle als Helferin dabei ist und täglich rund 60 solcher Fälle zu versorgen hat.
Schwerwiegendere Notfälle könnten Dorota und die rund 1000 freiwilligen Helfer von der "Pokojowy Patrol" (Friedenskommando) ohnehin nicht verarzten. Lediglich ein paar Pflaster haben die Helfer in ihren kleinen roten Gurtbeuteln. Riechsalz und Wasser komplettieren das Notfallset. Gegen eine plötzlich ausbrechende Massenpanik wie bei der Loveparade in Duisburg wäre das zu wenig. Allerdings rechnet auch niemand mit einem derartigen Unglück.
"Das Gelände ist weitläufig und wir setzen zudem auf Prävention durch Aufklärung", sagt Dorota. So werden Besucher auf mögliche Gefahren hingewiesen, stets ist ein Ansprechpartner des Friedenskommandos für die Besucher auf dem Gelände erreichbar. Zum Festival sind nach Schätzungen der Polizei rund 350 000 Besucher gekommen, darunter etwa 15 000 bis 20 000 Musikfans aus Deutschland.
Duisburg ist bei den Festivalgästen fast kein Thema. Er habe von der Massenpanik und dem Tod von 21 Menschen in den Nachrichten gehört, sagt der 32-jährige Piotr aus Warschau. Auch sei ihm etwas mulmig bei dem Gedanken, dass so etwas in Kostrzyn passieren könnte. Vom fast schon traditionellen Besuch des Festivals haben er und seine Freunde sich aber nicht abhalten lassen. "In Duisburg war das ein einziger Moment, in dem Panik ausgebrochen ist. Das war eine Verkettung von unglücklichen Umständen, die sich so wohl nicht wiederholt", sagt er.
Auch die polnische Polizei, die mit 500 Beamten rund um das Festivalgelände im Einsatz ist, sieht für das polnische Megaevent keine Gefahren. "Das Festival läuft wie immer ruhig und friedlich ab", sagt ein entspannt an seinem Fahrzeug lehnender Polizist, während der Besucherstrom unablässig an ihm vorbei in Richtung Festivalgelände zieht. Auch habe er schon größere Menschenmassen zu bewältigen gehabt. "In diesem Jahr sind es nach unseren Schätzungen nur 350 000. Das ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich weniger", betont der Beamte.
Dennoch geht Duisburg nicht spurlos an Kostrzyn vorüber. Als Reaktion auf die Ereignisse in der Ruhrstadt wurden den Besuchern einige Vorsichtsmaßnahmen verordnet. So ist der Genuss von hochprozentigem Alkohol wie Wodka erstmals auf dem gesamten Gelände verboten. Und vor der Bühne, wo mehrere Dutzend Bands und Einzelkünstler fast drei Tage lang nonstop Musik machen, darf trotz der immer präsenten Staubwolken nicht einmal mehr Bier getrunken werden.
Ernsthaft durchsetzen kann diese Regeln allerdings niemand. "Wir beobachten den Verkehr nach angetrunkenen Autofahrern, mehr geht gar nicht", sagt der Polizist. Und die Friedenspatrouille auf dem Festivalgelände lässt die Besuchermassen ungestört gewähren. "Wenn wir jemanden mit einem Bierglas vor der Bühne sehen, gehen wir auf ihn zu und weisen ihn auf die Regeln hin", sagt Dorota. Mehr sei dann auch nicht möglich.
ddp