Hagen Kunze, Autor Hagen Kunze, Autor

Foto: privat

Richard Wagner auf der Couch

Der Musikwissenschaftler Hagen Kunze hat ein Büchlein über den Komponisten geschrieben - und seine Vorurteile revidiert

"Der Musenkuss. Richard Wagner und die Frauen" ist wahrscheinlich das kleinste Buch, das zum 200. Geburtstag von Richard Wagner zur Buchmesse erscheint. Dafür ist es sehr gehaltvoll. Der Autor Hagen Kunze lebt in Döbeln, ist Musikwissenschaftler, war Dramaturg am Mittelsächsischen Theater und hat selbst eine neue Sicht auf Wagner gewonnen. Warum, verriet er Marianne Schultz.

Freie Presse: Warum ist das Buch so klein? Wagner und die Frauen hätten doch ein größeres Format verdient?

Hagen Kunze: Das Büchlein ist Teil der Minibuchreihe, die es schon zu DDR-Zeiten gab. Sie hat regelrechte Sammler. Zugleich ist es mein viertes Buch in diesem Format, nach einer Bach-Biografie, einem Buch über die Liebe von Clara und Robert Schumann und einem musikalischen Stadtrundgang durch Leipzig.

Freie Presse: Was hat Sie zu diesem Buch angeregt, wie sind Sie vorgegangen?

Hagen Kunze: Die Idee wurde im letzten Jahr auf der Buchmesse geboren, geschrieben habe ich daran parallel zu einer Schrift für das Gewandhaus-Magazin. Mir war es wichtig, den bekannten Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz hinzuzuziehen. Und so kam Richard Wagner auf die Couch. Ich las aus Wagners selbstverfasster Biografie, und Maaz hat ihn analysiert. Natürlich war mir vorher klar, dass Wagner Narzisst war. Deutlich wurde vor allem, dass der frühe Verzicht auf die Nähe seiner Mutter ihn Zeit seines Lebens nach Mutterersatz, nach Liebe und Nähe suchen ließ. Mit den Frauen an seiner Seite hat er einen großartigen künstlerischen Prozess in Gang gesetzt. Einen zweiten Ansatz habe ich mit modernen Medien gefunden. Ich habe per Facebook Frauen von heute gebeten, mir zu schreiben, wie sie Musen reflektieren. Ich war überrascht über die große, ernsthafte Resonanz.

Freie Presse: Zeitlebens findet Wagner großartige Frauen, Minna Planer, Mathilde Wesendonck, Cosima von Bülow, dazu eine ansehnliche Reihe anderer Schutzgöttinnen. Was war ihm des Pudels Kern?

Hagen Kunze: Wagner ging es nicht um Frauen fürs Bett, ich möchte sogar bezweifeln, das Mathilde Wesendonck ihn körperlich liebte - dazu hat sie ihre Ehe viel zu ernst genommen. Ich glaube, er suchte zeitlebens die Muse, die er zum Lebensprinzip erhob, die ihn zu künstlerischen Höchstleistungen anregte. Zeitlebens wird er von ihnen umsorgt, beschützt und inspiriert.

Hagen Kunze: "Der Musenkuss. Richard Wagner und die Frauen", 128 Seiten, Buchverlag für die Frau, 5,00 Euro, ISBN: 978-3-89798-384-7

Freie Presse: Sie selbst sprechen auch vom notorischen Frauenhelden und Schuldenmacher. War Ihnen Wagner sympathisch?

Hagen Kunze: Drastisch gesagt, nein, zunächst. Es scheint unlogisch, dass er einerseits Anarchist war, auf Barrikaden kämpfte, andererseits Schulden machte, ungeniert Geldgeschenke annahm. Vielmehr interessiert mich aber, warum er eine solche Anziehungskraft ausübte.

Freie Presse: Und das wäre?

Hagen Kunze: Er hat eindeutig seine Umwelt fasziniert, er war der Meister der Zukunft, des Fortschritts. Die Radikalität, mit der er Althergebrachtes infrage stellte, erhob ihn zum Abgott. Nicht nur Frauen waren von ihm fasziniert, auch Männer wollten von ihm lernen: Bruckner, Grieg, der junge Gustav Mahler.

Freie Presse: Haben Sie Ihre Vorurteile während der Recherche revidieren können?

Hagen Kunze: Ich glaube schon. Bei ihm muss man vieles betrachten, was ihn so werden ließ. Er hat Vater und Stiefvater sehr zeitig verloren, er lebte oft in extremer Armut, er musste sich durchbeißen, er fühlte Neid, was für narzisstisch veranlagte Menschen typisch ist. Trotz widrigster Umstände schaffte er es in Paris, seinen "Holländer" zu komponieren. Und das ist einfach großartig. Und jede seiner folgenden Opern hat etwas mit seinem Frauenbild zu tun. In Minna Planer fand er viele Jahre nicht nur die Geliebte, sondern auch die Mütterliche. In Cosima findet er sogar das Idealbild einer Frau.

Freie Presse: Der Titel zeigt Cosima und Richard. Sie schaut zu ihm herauf, er blickt wohlwollend auf sie herab - heute ein Unding!

Hagen Kunze: Für ihn war die Frau die Dienende, er steht gütig über ihr. Cosima war seine Idealfrau. Als Judith Gautier im 63-Jährigen noch Gefühle weckt, ihn zur Blumenmädchenszene im "Parsifal" inspiriert, glühende Briefe schreibt, er bei der Gautier Stoffe und Parfüm bestellt, kommt Cosima dahinter. Er bricht das Verhältnis auf ihren Wunsch ab. Als er in Venedig stirbt, ist Cosima an seiner Seite.

Freie Presse: Gibt es überhaupt etwas Unerforschtes im Leben Wagners?

Hagen Kunze: Es kommt immer neues Wissen hinzu. Man weiß, dass er revolutionär dachte, dass er in seinem "Ring" die Anarchie als Utopie postulierte, während Karl Marx sein Kapital schrieb - beides Analysen der Macht des Geldes. Offen ist für mich wieder die Frage, wo sein Geburtshaus steht. Ich nehme mir das Recht zu spekulieren, dass er nicht im militärisch besetzten Leipzig am Brühl geboren wurde, sondern auf dem Landsitz der Familie in Stötteritz. Wenige Wochen später ist die Mutter allein zur Kur nach Teplitz gefahren, auch hier gibt es Fragen: Wie brachte sie das Kind mehrfach durch feindliche Linien kurz vor der Völkerschlacht bei Leipzig? Blieb der kleine Richard bei einer Amme? Es muss vermutet werden.

►Zum Buchmesse-Spezial

 

 
erschienen am 14.03.2013
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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