Volkmar Kircheis aus Brand-Erbisdorf ist einer der Künstler beim Herbstsalon auf Schloss Augustusburg.
Foto: Fabian Mattern
Rundgang und Kreuzgang
"Raumblick-Traumblick" verheißt der 5. Chemnitzer Herbstsalon der Kunst auf dem Haferboden der Augustusburg
Augustusburg. auf dem Haferboden der Augustusburg ist der Raumblick eingebaut - schönste Balkenkonstruktion. Dass er zum Traumblick erleuchtet wird, ist der "Laterne" zu verdanken, dem Kunstverein, der aller zwei Jahre den Chemnitzer Herbstsalon der Kunst ins Licht rückt. Zum fünften Mal nun und 103 Künstlerinnen und Künstler aus Sachsen haben ihre Arbeiten heraufgebracht auf die Burg. Der alphabetischen Reihe nach hat jeder seinen Platz zwischen den Balken bekommen - das ist die einzige Regieanweisung. Claudia Antal ist kein Anfang, Matthias Zwarg kein Ende, nur in der Reihenfolge des Katalogs. Ihre Arbeiten indes hätten gut zusammentreffen können: Antals Tuschzeichnungen "Faces" und Zwargs Skulpturengruppe sind in ihrer illusionslosen Physiognomie jenseits der Facebook-Wirklichkeit, die sich in der Kunst zunehmend herausbildet, verwandt.
Im Raumblick also ist der Traumblick erst aufzufinden - im modernen Sprachgebrauch hieße es wohl: zu fokussieren. Eine Aufforderung dazu gibt Gudrun Höritzsch einem ihrer Bilder gleich mit. "Irgendwo zwischen Bitterfeld und Scharfenstein" taucht die untergehende rosarote Sonne die Landschaft in ein ebensolches Licht, ein helles Mädchen blickt versonnen, suchend, hinein ins Land. Traumblick wie Raumblick, und Fritz Schönfelder stellt in seinem Geleitwort die gewichtige Frage: wie leicht sollte ein Traum sein, damit er nicht als schwer gilt? In seiner Collage "Zwerg III" ist Kleinwüchsigkeit nur Schein, es ist eine Schrumpfung. Die Plastik "Amerikanischer Zwerg IV" ist von gleichem Kaliber. Dieser Zwerg ist gefährdet, Vorsicht, heißt es, nicht werfen: "Handle with care". Dieser Traum wiegt schwer. Auch deshalb, weil sich wenige Künstler, die hier ausstellen, auf zeitkritische Themen einlassen. Ganz in dieser Nähe von Fritz Schönfelder hält sich nur noch Uwe Schwarz auf. Er hat eine ganze Wand zur Verfügung und das ist im Ganzen und im Einzelnen wie eine Collage. Kleinplastiken im Zentrum, menschliche Musterhaltungen, devot auf den Knieen liegend, mühsam kletternd, Siegerpose. Dazu die gestickten Sprüche, verwandelte Schein-Euros wie ehemals in seiner Täuscher-Bank. In der Täuschung scheint die Wirklichkeit auf, durch Verdrehung kommen Tatsachen auf die richtige Seite.
Fragen der Existenz und an die Existenz wie bei Gudrun Höritzsch drängen sich in der Ausstellung nicht nach vorn, aber sie sind unübersehbar, unüberhörbar wie bei Raimund Friedrichs ereignisreichen Collagen. Ihren eigenen Rhythmus tragen Arbeiten der angewandten Kunst in die Blickfolge ein. Holz, Textil, Keramik sind verführerische Stoffe, aus der handwerklich fundierten Beherrschung heraus zum Bildhaften zu finden. Dorothea Linke hat schöne Felslandschaften malerisch aus keramischen Elementen gestaltet, Evelyn Sachse setzt Wachsreservetechnik für den Zusammenbau ihrer Bilder ein, blockhafte Strukturen auf leichter Seide - ein reizvolles Zusammenspiel. Ingeborg Mende zeigt ihre Bilder in Federwebtechnik, die sie aus alten Vorbildern mühsam rekonstruierte und inzwischen perfekt beherrscht.
Ein besonderer Blickfang führt zu einer Stele, die Karl Clauss Dietel präsentiert - systemreich geordnete Fotos seiner Gestaltungsarbeit. Der Titel ist beziehungsvoll: "Sächsisch Landbrot - Konkretes aus zwei Jahrzehnten". Und hier sind Erinnerungsblicke im Salon kein Traum von der Gestalt der Dinge. Es gibt sie.
Ausstellung 5. Chemnitzer Herbstsalon auf dem Haferboden der Augustusburg. Bis 31. Oktober, täglich 11 bis 17 Uhr.