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Schostakowitsch in der Scheune

Festival im sächsischen Gohrisch erinnert an den Besuch des russischen Komponisten vor 50 Jahren

Gohrisch (ddp-lsc). Die Scheune am Ortsrand von Gohrisch ist leer. Obwohl die Ernte in vollem Gang ist, wird auch in den nächsten Wochen kein Stroh eingelagert. Statt dessen wird der Zweckbau aus Betonplatten bald zu einem provisorischen Konzertsaal umgestaltet, in dem Musikliebhaber aus ganz Deutschland und dem Ausland drei spektakuläre Aufführungen von Werken des sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch erleben sollen. Die 45 Meter lange Halle, die einer Agrargenossenschaft gehört, ist der wichtigste Spielort der ersten Schostakowitsch-Tage. Sie finden vom 10. bis 12. September in dem kleinen sächsischen Kurort statt.

Anlass für das Festival ist ein Aufenthalt des Komponisten in Gohrisch vor genau 50 Jahren, sagt Mitorganisator Lutz Ryback. Schostakowitsch sei für die Dreharbeiten an dem Film "Fünf Tage - fünf Nächte" in die DDR gekommen und habe in der Sächsischen Schweiz in einem Gästehaus des Ministerrates gewohnt, das heute ein Hotel beherbergt.

Die Atmosphäre in dem Luftkurort empfand der Komponist als sehr fruchtbar: In Briefen pries er die Gegend als "unerhört schön" und sprach von "schöpferischen Arbeitsbedingungen". Er schrieb aber nicht wie vorgesehen die Filmmusik, sondern das Streichquartett Nr. 8 in c-Moll, eines seiner bekanntesten und anrührendsten Werke.

Gohrisch hat damit einen Platz in der Musikgeschichte erhalten: Jenes Opus 110 sei "das einzige Stück, das Schostakowitsch überhaupt außerhalb der Sowjetunion komponierte", sagt Tobias Niederschlag, Konzertdramaturg bei der Dresdner Staatskapelle. Musiker des renommierten Orchesters seien auf das diesjährige Jubiläum aufmerksam geworden und hätten dieses würdigen wollen.

Im Juni 2009 gründete sich unter Mitwirkung der Gemeinde ein Verein, der in einer vergleichsweise kurzen Zeit das Festival organisierte. Dieses sei "das Einzige, das ausschließlich Schostakowitsch gewidmet ist", sagt Niederschlag, der die künstlerische Leitung übernahm. Auf dem Programm stehen an drei Abenden zwischen 10. und 12. September das Streichquartett und weitere Kammermusikstücke.

Den Schostakowitsch-Liebhabern bietet sich dennoch erstmals die Möglichkeit, das nach Ansicht Niederschlags persönlichste Werk des 1975 verstorbenen Komponisten am Entstehungsort zu erleben. In dem Streichquartett, das mit den Tönen D, Es, C und H und damit den Initialen seines Autors beginnt, verarbeitete dieser vermutlich seine bedrückenden Erfahrungen in der Stalin-Zeit, sagt Niederschlag. Wegen dieser habe sich Schostakowitsch um 1960 in einer "existenziell bedrückenden Situation" befunden. Die räumliche Distanz zur Heimat habe es ihm wohl erlaubt, diese Eindrücke zu Musik zu formen.

Aufgeführt werden das Quartett und weitere Werke eines der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts unter denkwürdigen Umständen - in der Scheune. "Es ist der größte verfügbare Raum im Ort", begründet Ryback die Wahl. Die Musiker der Staatskapelle sähen den Konzerten, bei denen sie ohne Honorar auftreten und lediglich ein "Frackgeld" erhalten, sehr erwartungsvoll entgegen.

Zum Festival werden unter anderem die Witwe des Komponisten, Irina Schostakowitsch, renommierte Forscher wie dessen Biograf Krzysztof Meyer sowie der Dirigent Rudolf Barschai erwartet, der das Streichquartett Nr. 8 mit Zustimmung des Komponisten zu einer Kammersymphonie umarbeitete und für deren Aufführung nun erstmals die Dresdner Staatskapelle dirigieren wird.

Sechs Wochen vor Beginn des Festivals seien bereits rund die Hälfte aller Tickets verkauft oder reserviert, sagt Niederschlag. Er hofft, dass nicht nur Musikfreunde aus Hamburg oder Dresden in die Konzertscheune kommen, sondern auch Interessenten aus Gohrisch selbst.

In dem Kurort verbindet man mit dem Festival nicht zuletzt die Hoffnung auf mehr Besucher. "Wir wollen zeigen, dass man hier nicht nur wandern und Rad fahren kann", sagt Lutz Ryback. Immerhin sind an den drei Festivaltagen Ryback zufolge alle Betten ausgebucht. Gäste könnten aber auch in Nachbarorten oder in Dresden absteigen.

ddp

 
erschienen am 30.07.2010
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