Das Buch Cristina Zehrfeld: "Die Metropole Oelsnitz". Chemnitzer Verlag. 160 Seiten. 13,50 Euro. ISBN 978-3-937025-08-7. Erhältlich in den Geschäftsstellen der "Freien Presse".Vom Höchsten und Allerhöchsten
Oelsnitz ist das Dresden des Erzgebirges! Meint zumindest die Autorin Cristina Zehrfeld - und sie muss es wissen, denn sie lebt dort. Sie hat eine wunderbar verrückte Stadtgeschichte geschrieben: klug und verschmitzt, faktenreich und voller Vermutungen. Hier ein Auszug.
Weitsicht und Geduld sind städteplanerische Tugenden, deren Bedeutung kaum hoch genug eingeschätzt werden kann. Während der politische Horizont vielerorts nicht über eine Wahlperiode hinausreicht, hat Oelsnitz in diesem Punkt wirklich Großes geleistet.
Als Stadt im Vorerzgebirge hatte Oelsnitz früher ein Trauma: Wir gehörten irgendwie ein bisschen zum Erzgebirge, aber wir hatten keinen richtigen Berg. Umgeben von Hügelland, gab es nirgends eine Stelle, an die ein schöner Aussichtsturm gepasst hätte. So etwas ist für einen Vorerzgebirger eine Tragödie gigantischen Ausmaßes!
Natürlich hatten wir trotzdem fantastische Anhöhen. Die höchste natürliche Erhebung von Oelsnitz liegt 482 Meter über dem Meeresspiegel und trägt ganz zu Recht den schönen Namen Heiterer Blick. Früher war dieser noch viel heiterer und beliebter als heute. Zu der Zeit nämlich, als der "Heitere Blick" noch die ebenda befindliche Gaststätte bezeichnete. 1852 erbaut, 1906 abgebrannt und 1907 neu errichtet, war dieses Anwesen nicht ohne Bedeutung. Es wurde zeitweise als Erzgebirgsvereinsheim genutzt und deshalb vom Oberoelsnitzer Kurt Friedrich volksbedichtet. "Uff der hächsten Spitz, nu iech sogs une Witz, hot dr Arzgebirgsverein sei Heim; denn in 'Heitern Blick', do is mit viel Geschick ene 'Hutz'nstub' gewurn fein ..." und so weiter. Es ist vielleicht nicht der ganz große Wurf, aber immerhin. Einen kleinen Nachteil hat diese wunderbare Anhöhe leider: Sie ist nur ein weitgeschwungener Hügel am Rande des Oelsnitzer Hoheitsgebietes. Hartgesottene Stadterkunder werden sich den schönen Ausblick trotzdem nicht entgehen lassen, denn man muss für diesen Genuss nicht unbedingt aus dem Auto aussteigen.
Wenn man aussteigt, wird man mit einem schönen Blick auf Oelsnitz belohnt und (!!!) man sieht von dieser höchsten natürlichen Erhebung die allerhöchste Erhebung von Oelsnitz. Es ist eine nicht natürliche Erhebung, die von langer Hand geplant und in Szene gesetzt wurde: die Deutschlandschachthalde.
Die Deutschlandschachthalde erreicht auf dem höchsten Punkt des Haldenplateaus 486,81 Meter über Normalnull. Es ist damit der wirklich und tatsächlich höchste Berg von Oelsnitz. Aufgeschüttet wurde er, weil Oelsnitz eine sehr besucherfreundliche Stadt ist: Wir wollten unbedingt eine schöne Aussichtsplattform in der Nähe des Stadtzentrums. Solche hochfliegenden Pläne gehen ja auch schnell den Bach hinunter. Freilich, in Dubai werden schon mal ganze Inseln aufgeschüttet. Woran solche Prestigeprojekte aber oft scheitern: Es sind zu hohe Kosten für ein bisschen Luxus.
Oelsnitz war da geschickter. Offiziell haben wir nur Kohle abgebaut. Zum Wohle aller! Und dabei schlau verschwiegen, dass die damit einhergehende Aufschüttung einzig und allein der Errichtung eines Hausberges dient, der künftig als Ausflugsziel und besondere Attraktion dienen soll. Stattdessen haben offiziell alle sehr bedauert, dass beim Kohleabbau so entsetzlich viel Abraum entsteht, und ganz, ganz uneigennützig haben wir in Kauf genommen, dass der böse, böse Abfall in unmittelbarer Zentrumsnähe, direkt hinter der Kirche aufgetürmt wird.
Um die hohe Geheimhaltungsstufe dieses Tourismusprojektes zu sichern, musste das Ganze natürlich sehr langfristig angelegt werden. Ab 1871 wurde zunächst ganz zaghaft zwischen Hofjägergasse und Friedhof mit dem Anlegen des Berges begonnen. Ab 1935 wurde eine Kabelkrananlage errichtet. Es sollte ja ein richtiger Berg werden. Richtung Buchwald wurde also nun mit dem Aufschütten einer Hochhalde begonnen. Ein schwieriges Unterfangen, bei dem es 1959 zu einer Havarie kam, weil ein Gegenturm umgefallen war. Trotzdem wurde noch bis Mitte der 1960er-Jahre um jeden Meter gerungen, um dem Himmel ein bisschen näher zu kommen. Als der Berg endlich die gewünschte Form hatte und die Haldenbeschickung eingestellt werden konnte, wurde die Förderung auf dem dazugehörigen Deutschlandschacht eingestellt. Binnen weniger Jahrzehnte war der Berg begrünt. Als i-Tüpfelchen wurde im Jahr 2000 auf dem obersten Plateau ein sechsunddreißig Meter hoher Aussichtsturm eingeweiht. Doch dank der Entstehung ist unser Hausberg nicht nur für Touristen interessant, sondern mehr noch für Geologen, Fossilienjäger, Pfadfinder und Mineralogen. Mit etwas Glück findet man Steine mit 300 Millionen Jahre alten Pflanzenabdrücken. Atacamit in leuchtend grünem Glanz, Hämatit von stahlgrau-metallisch bis schwarz und Lesukit in Gelborange bis Gelbbraun gehören zu den reichlich einem Dutzend auf der Deutschlandschachthalde gefundenen Mineralien.
Die Aufschüttung des Hausberges ist nicht ganz folgenlos geblieben: Aufgrund von Bodensenkungen, dank derer Oelsnitz heute mancherorts über siebzehn Meter tiefer liegt als vordem, wirkt die Deutschlandschachthalde noch höher. Außerdem hat die Senkung die rauen Bergwinde verringert und das Klima deutlich milder und verträglicher werden lassen. Tja, jeder ist seines Glückes Schmied, und zum Glück einer Stadt gehören ein gemäßigtes Klima und ein Hausberg als Aushängeschild: Hollywood hat den Mount Lee, Rio de Janeiro hat den Zuckerhut, und Oelsnitz hat dank bewundernswerter Weitsicht und Geduld die Deutschlandschachthalde.