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Netzgeflüster: Coole Krise
Hören Sie das? Hören Sie's brummen? Dieses dumpfe, bedrohliche, tieftönende Brummen? Es ist kein kurzes, stockendes brumm-brumm-brumm. Nein, nein. Es ist eher ein langes, ein gedehntes bruuuummmm-bruuuummmm, bruuuummmm. Woher das kommt? Von der Börse! Dort, wo zuletzt der Bär los war - finanztechnisch betrachtet. Die Anleger haben sich einen solchen aufbinden lassen, weil sie vom rechten Kurs abgekommen sind.
Derlei Ungemach verlangt nach Trost. Gut möglich, dass einer wie Johannes Kreidler Trostspender sein kann. Der Komponist hat den Finanzmärkten gewissermaßen einen Bärendienst erwiesen. Früher, da behaupteten Börsenberichterstatter ja immer nur, in einem Kurs liege Musike drin. Mit Kreidler hat jetzt endlich mal einer den Beweis angetreten und ein Kursbuch der Börsentalfahrt komponiert. Motto: Krise klingt cool.
Im Prinzip unternahm der Berliner dabei nichts anderes, als Aktienkursen Töne zuzuordnen: hohe Töne für hohe Kurse, tiefe Töne für tiefe Kurse. Das Ergebnis heißt charts music. Wo gutgläubige Anleger in den vergangenen Monaten notenbündelweise Geld an der Börse verzockt haben, geben Kreidlers Notenbündel diesen Verlusten nun ein tönendes Gewand. Möglich macht's das Microsoft-Programm Songsmith, mit dem selbst Laien Musik arrangieren können. Wenn also jemand im allgemeinen Wehklagen über die Finanzkrise behauptet, von den Kursen an den Märkten könne er ein Lied singen, ist das nicht gelogen.
Und wie es sich anhört, das zeigt Johannes Kreidler auf seiner Homepage. Akustisch untermalt von den Songsmith-Arrangements sieht man die Aktienkurse von Lehman Brothers, General Motors und Co. fröhlich in den Keller rauschen. Da fiepen Flöten in die Flaute, fiedeln Violinen ins Verhängnis, klimpern Klaviere in die Krise, dass es eine wahre Freude ist.
Damit es nicht ganz so einseitig ausfällt, zeigt Kreidler auch, wie es klingt, wenn's aufwärts geht - unter anderem anhand des Kurses von Waffenproduzent Heckler & Koch. Wenigstens bei denen läuft es derzeit bombig. Weil das Geschäft brummt - nicht der Bär.
Zweifelsohne ist Kreidlers Idee ausbaufähig. Schließlich lassen sich deutlich mehr Kurse vertonen, als der Komponist in seinem dreiminütigen Webvideo zeigt. Das schreit also geradezu nach einem umfassenden Gesamtkunstwerk, das auf CD veröffentlicht werden muss. Einen passenden Titel gäbe es schon: "Der große Börsenkrach".
Von Ronny Strobel

Erschienen am 11.02.2009