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Als "Parade of Progress" (Parade des Fortschritts) tourten die General-Motors-Futurliner ab Anfang der 1940er-Jahre durch die USA. In über 250 Städten machten sie Halt, wo über 11 Millionen Menschen sie sahen.

Foto: Getty Images/Archiv

Die Nummer 7: Wie ein verschollen geglaubter Oldtimer-Bus nach Thüringen kam

12 futuristische Busse baute General Motors vor mehr als 80 Jahren. Während einige Exemplare mittlerweile zu den teuersten Oldtimern der Welt zählen, war ein "Futurliner" nicht mehr auffindbar. Bis jetzt.

Von Grit Strietzel
erschienen am 20.04.2017

Ilmenau. Marek Schramm sitzt in einem gemütlichen Ledersessel. Vor ihm eine Tasse Kaffee. Wohnzimmer-Atmosphäre. Doch der Platz dieses Interviews ist ein ganz außergewöhnlicher. Denn Marek Schramm sitzt in seinem Futurliner Nummer 7 - einem futuristischen Bus, den General Motors in den 1930er-Jahren baute und zu Präsentationszwecken durch die USA touren ließ. "Es ist mein wahr gewordener Traum", sagt der 48-jährige Ilmenauer. Und wenn er die Geschichte von diesem Oldtimer erzählt, dann scheint es schon mehr als verrückt, dass einer der teuersten Oldtimer der Welt nun in Thüringen steht.

Alte Autos sind die Leidenschaft von Schramm. Einen Porsche 550 und einen BMW 507 nennt er sein Eigen; Oldtimer-Liebhaber bekommen bei diesen Fahrzeugen feuchte Augen. Auch ein Golf I mit Elektroantrieb steht in seiner Werkstatt. "Den haben die schon in den 1980er-Jahren gebaut", freut sich Schramm. Immerhin könnte man sofort mit dem voll funktionsfähigen Auto 40 Kilometer fahren, bevor die Batterie wieder geladen werden müsste. Marek Schramm ist also ein Mensch, der auf seltene Fahrzeuge abfährt. Und so war es nur eine Frage der Zeit, dass er mit einem Jenaer Oldtimerhändler in Kontakt kam. Die Leute von Chrome-Cars hatten schon einmal für Furore gesorgt, als sie den Futurliner Nummer 9 in den USA entdeckten, nach Deutschland holten und selbst behielten. "Ich hab' denen gesagt, ruft mich an, wenn ihr wieder so ein Ding auftreibt." Doch innerlich zweifelte Marek Schramm: "Wie wahrscheinlich war das schon?" Nur zwölf dieser Busse wurden je von General Motors gebaut - von neun weiß man, was aus ihnen geworden ist.

Es wird noch dauern, bis Marek Schramm seinen Futurliner fahren kann. Doch irgendwann rollte er aus der Garage.

Foto: Arifoto Ug/dpa

Doch das Handy von Marek Schramm klingelte - Ende 2016. Die Leute von Chrome-Cars waren dran. "Wir haben noch einen Futurliner gefunden, willst du ihn?", lautete die Botschaft. "Ich musste mich sofort entscheiden, ohne auch nur ein Foto gesehen zu haben", erinnert sich Schramm. Er griff zu, wohl wissend, dass der Bus nicht im besten Zustand sein würde. Doch was er nicht ahnte: Schon bald würde die seit Jahrzehnten als verschollen geltende Nummer 7 in seiner Halle in Thüringen stehen.

Die Geschichte seines Busses klingt unglaublich. Die Nummer 7 tourte noch bis 1953 unter dem Titel "Out of the muddle" ("Raus aus dem Schlamm") durch die USA und zeigte an einem riesigen Modell die Entwicklung moderner Städte, die perspektivisch mit Staus zu kämpfen hätten. Das Display mit mehr als 1000 Gebäuden und 1500 Plastikautos sowie Lastwagen wurde seitlich am Futurliner ausgeklappt und verdeutlichte den Menschen das steigende Verkehrsaufkommen. Das Modell steht heute im GM-Museum.

11 Millionen Menschen in 250 Städten sahen die "Parade of Progress" mit den typischen Bussen. 1956 stellte General Motors die "Parade des Fortschritts", wie die Präsentationstour genannt wurde, ein. Es entstanden andere Informationswege.

Der zehn Meter lange Oldtimer wird restauriert. "Red Elephants" (rote Elefanten) wurden die 12 Showbusse von GM auch genannt, die bis 1956 durch die USA tourten und neue Produkte sowie Technologien vorstellten.

Foto: Grit Strietzel

Marek Schramm hat eine Vision. "Ich will, dass der Futurliner wieder fährt und genau so aussieht, wie damals." Und er ist jemand, der immer an seinen Träumen festhält. Schon als Jugendlicher wollte er mit 16 Jahren der DDR den Rücken kehren. Sein erster Fluchtversuch über Budapest scheiterte, er wurde gefasst. Das Abitur durfte er nach dem Vorfall nicht mehr machen, er lernte Werkzeugmacher. Auch beim zweiten Versuch, dem Staat zu entfliehen, wurde er gefasst und kam - mittlerweile volljährig - ins Gefängnis wegen Republikflucht. Ende 1988 - kurz vor seinem 20. Geburtstag - durfte er in den Westen ausreisen und kam später wieder in die Heimat zurück. Heute wohnt er in Ilmenau, handelt mit Immobilien und sammelt Oldtimer.

Wie lang die Restaurierung dauert? "Drei, vielleicht vier Jahre. Ich weiß es nicht", sagt er. Doch das spielt auch keine Rolle. Schritt für Schritt wird zunächst die noch vorhandene Technik ausgebaut. Die Deckenlampen in der Nummer 7 strahlen noch. Auch die originale Flutlichtanlage ist da. Sogar einen eigenen Generator besaßen die Futurliner, um Strom fürs Licht zu liefern. Was der Futurliner Nummer 7 gekostet hat, bleibt sein Geheimnis. Nur eines verrät Marek Schramm: "2006 wurde einer für über vier Millionen Dollar versteigert." Ein Scheich aus Katar schickte ihm schon per Mail ein Kaufangebot. Doch Marek Schramm sieht das anders: "Das war Liebe auf den ersten Blick. Den geb' ich nicht mehr her."

Ab 1960 war der Futurliner 7 noch als Servicefahrzeug eines Rennsport-Teams im Einsatz, bevor der Bus 1964 mangels Sprit auf einem Schrottplatz mitten im Nirgendwo landete. 20 Jahre später kaufte ein Restaurant-Betreiber dem Schrotthändler das Gefährt ab und stellte es hinter sein Haus. Er wollte eine Salatbar in dem Bus einrichten. Doch dazu kam es nie. Der Gastronom ließ den ungenutzten Futurliner, der jahrelang unter einem Wellblechdach im Garten stand, 2005 vom nächsten Schrotthändler abschleppen und dort blieb er unentdeckt bis 2016.

Auf den ersten Blick scheint das 10 Meter lange Gefährt nur ein Haufen angerostetes Blech zu sein, doch sitzt man unter dem gewölbten Dach, dann inspiriert die Form von Designlegende Harley Earl sofort. Die bauchige Form mit den großen, nach außen aufklappbaren Seitenwänden gibt den Blick frei.

 
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