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Arbeit statt Schule: Kinder auf einem Markt in Kabul.

Foto: Erik Marquardt

Nachrichten aus den zwei Welten von Kabul

Wie sicher ist Afghanistan? Der Fotograf und Politiker Erik Marquardt hat das Land besucht, in das Deutschland nun Flüchtlinge abschiebt. Was er sah, ist erschütternd.

Von Oliver Hach
erschienen am 09.03.2017

Chemnitz. Auf der "Zombie-Brücke" in Kabul hocken Männer, die wie Greise aussehen, und rauchen Opium. Kinder, die in der Schule sein sollten, schieben Schubkarren; in Gangs organisiert rangeln sie um Handlangeraufträge auf einem Wochenmarkt. Andere schippen in der Dämmerung für einen Tageslohn von ein, zwei Euro den Müll von den Straßenrändern oder betteln vor Moscheen; Erwachsene wühlen in der Gosse nach Essbarem. An Straßenecken stehen Vermummte auf Pickups mit Maschinengewehren - schwer bewaffnete Sicherheitskräfte sind in Kabul allgegenwärtig.

Erik Marquardt hat diese Szenen mit der Kamera festgehalten. Der 29-jährige Fotograf und Politiker der Grünen war im Januar für zwei Wochen in Afghanistan. Am Dienstagabend schilderte er im Chemnitzer Club "Weltecho", was er dort erlebte.

"Wer es sich leisten kann, lebt hinter hohen Mauern" - so beschreibt Marquardt den Alltag in Kabul. Tatsächlich bestehe die Stadt aus zwei Welten: einem hermetisch abgeriegelten Viertel für Diplomaten und Regierung und dem großen Rest in einer der - wegen des Flüchtlingszuzugs - am schnellsten wachsenden Städte der Welt mit inzwischen wohl sechs Millionen Einwohnern, die immer wieder Ziel von Terroranschlägen ist. "Mit Hubschraubern werden die Ausländer vom Flughafen ins Botschaftsgelände geflogen", berichtet Marquardt. Er traf den Briten George Cunningham, den EU-Vertreter in Afghanistan. "Der sitzt in der gesicherten Botschaft und lässt sich berichten, was draußen passiert", so der Grünen- Politiker. Tatsächlich habe keiner mehr den Überblick, wie es in weiten Teilen des Landes aussehe.

Der junge Mann aus Berlin indes reiste auch nach Mazar-e Scharif, wo die Taliban im November vergangenen Jahres das deutsche Konsulat in die Luft sprengten. Obwohl sich die Deutschen längst ins Bundeswehrcamp Marmal zurückzogen, werde die Ruine noch immer von afghanischen Sicherheitskräften bewacht, berichtet er. Die Männer dort erhielten Drohanrufe von den Taliban und fürchteten um ihr Leben.

Erik Marquardt - Fotograf und Mitglied im Parteirat der Grünen

Foto: Ingo Wagner/dpa

In einem Flüchtlingscamp traf Marquardt 250 Familien, die bei Temperaturen im zweistelligen Minusbereich in Zelten hausten. An Plastikkanistern, gefüllt mit heißem Wasser, wärmten sich die Kinder die Hände. Kranke würden nicht behandelt, sondern nur Kriegsverletzte. Die Menschen, so berichtet er, besäßen kein Land, hätten keine Perspektive. Aus Verzweiflung habe man ihnen Hühner gekauft, aber die Lage sei insgesamt hoffnungslos. "Wir konnten ihnen nicht helfen."

In dem von internationalen Experten erstellten Weltfriedensindex war Afghanistan 2016 das viertgefährlichste Land der Welt. Im Februar stoppte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz seine Arbeit in Afghanistan, nachdem sechs einheimische Mitarbeiter erschossen wurden. In einem UNHCR-Bericht vom Dezember 2016 heißt es, die Lage sei "volatil"; es gebe keine "sicheren" und "unsicheren" Gebiete.

Zur selben Zeit begannen deutsche Behörden erstmals abgelehnte Asylbewerber nach Afghanistan abzuschieben. Auch Sachsen, wo nach Angaben der Landesdirektion derzeit 263 vollziehbar ausreisepflichtige afghanische Staatsbürger leben, ist grundsätzlich dazu bereit.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte die Entscheidung mit den Worten begründet, die afghanische Zivilbevölkerung sei zwar Opfer, nicht aber Ziel von Terroranschlägen. Erik Marquardt hält das für zynisch. Und für die Menschen spiele es auch keine Rolle, ob sie durch Krieg, Terror, Unterernährung oder fehlende medizinische Versorgung sterben.

Wenige Stunden nach Marquardts Auftritt in Chemnitz kamen am Mittwoch erneut schlimme Nachrichten aus Kabul: Im abgeriegelten Diplomatenviertel stürmten am Morgen Bewaffnete ein Militärkrankenhaus. Einer der Täter, die sich als Ärzte verkleidet hatten, sprengte sich in die Luft, es gab schwere Feuergefechte, mehrere Todesopfer und Dutzende Verletzte. Die IS-Terrormiliz bekannte sich zu dem Angriff.

 
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