Regionales
Jüdische Gemeinde Chemnitz feiert 125-jähriges Bestehen
Steigende Mitgliedszahlen durch Zuzug aus dem Osten
Chemnitz (ddp-lsc). Mit Festwochen vom 12. Oktober bis 19. November begeht die Jüdische Gemeinde Chemnitz ihr 125-jähriges Bestehen. Für den langjährigen Vorsitzenden Siegmund Rotstein ist mit dieser langen Tradition ein kleines Wunder verbunden. Das begann nach 1990 mit dem Zuzug aus dem Osten: Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die dort ihren Glauben nicht praktizieren konnten, wählten die Ausreise nach Deutschland. Sie schlossen sich der Gemeinde in Chemnitz an, die damals fast totgesagt war und dadurch zu neuem Leben erweckt wurde.
Aus den 12 Mitgliedern um die Wendezeit sind mittlerweile mehr als 650 geworden. "Damals konnte man nicht mehr von einem eigenständigen jüdischen Leben sprechen. Doch Juden haben viel zur Entwicklung von Chemnitz beigetragen. Eine solche Gemeinde durfte nicht untergehen", sagt der 84-Jährige. Bau und Einweihung der neuen Synagoge 2002 seien entscheidend für die Wiederbelebung gewesen. "Wenn die Leute keine Möglichkeit gehabt hätten, sich zu entfalten, wären sie weggeblieben", ist Rotstein überzeugt.
"Zwei Hände reichen, um die Einheimischen zu zählen", sagt Gemeindevorsitzende Ruth Röcher, die aus Israel stammt und lange in Westdeutschland lebte. Damit unterscheide sich Chemnitz nicht wesentlich von anderen jüdischen Gemeinden in Deutschland. Einige seien auch durch Einwanderer neu gegründet worden.
"Trotz riesiger Brüche in der Nazizeit wie auch in der DDR ist hier Kontinuität da", betont Röcher. Diese Kontinuität gelte es zu wahren. "So wollen wir mit unserem Jubiläum zeigen, das wir da sind: Für uns selbst, indem wir uns mit der Geschichte vertraut machen, und nach außen, indem wir zeigen, wer wir sind." Zuallererst seien die 125 Jahre ein Grund, stolz zu sein und zu feiern - da sei es völlig egal, ob einheimisch oder zugewandert.
Rotstein ist einer der letzten noch lebenden Chemnitzer Juden, die den Holocaust überlebt haben und in die Stadt zurückgekehrt sind. Er erinnert sich an eine zu seiner Kinderzeit sehr aktive Gemeinde mit vielen Vereinen und Sozialleistungen. "Es gab viele reiche Juden in Chemnitz", sagt Rotstein. Die Ärmeren - wie seine Familie - seien vielfältig unterstützt worden, mit Lebensmittelgutscheinen oder Geschenken für die Kinder. Stolz der liberalen Gemeinde war die Synagoge auf dem Kaßberg, die der 13-Jährige im November 1938 brennen sah. Die orthodoxen Juden gingen in ihren eigenen Betsaal; es gab eine sogenannte Mikwe für das rituelle Bad, ein Altersheim, einen Kindergarten und einen Friedhof.
In ihrer Blütezeit vor der NS-Diktatur hatte die Chemnitzer Gemeinde rund 3500 Mitglieder. Schon damals sorgten sogenannte Ostjuden für einen Zuwachs, zuerst nach deren Ausweisung aus Leipzig und Dresden im Jahr 1914 und später durch Zuzug in den 20er Jahren. Ansehen im Wirtschaftsleben genoss insbesondere eine Reihe von Textilunternehmern. Gleichwohl machten erfolgreiche Unternehmer, Kaufleute und Freiberufler als Kunstfreunde und mit bürgerschaftlichem Engagement von sich reden.
So weit ist die "neue" Gemeinde noch lange nicht. Viele ehemalige Sowjetbürger sind als Sozialhilfeempfänger gekommen. "Einige haben aufgrund ihres Berufs oder ihrer Geschicklichkeit einen festen Platz in der deutschen Gesellschaft, beispielsweise Ärzte und Künstler. Aber Mäzene können sie nicht sein", sagt Röcher. Bis zur Integration der meisten Zuzügler werde es ein bis zwei Generationen brauchen.
Dabei ist Integration zweigleisig zu verstehen - in das jüdische Leben und in die Gesellschaft. Die Gemeinde leistet dabei Beachtliches neben der Religionsvermittlung, von Deutschkursen für die Älteren über Frauenverein, Unterstützungsverein für Alte und Kranke oder Sportgruppen bis zur Mitgestaltung der Tage der jüdischen Kultur. Dieses Jahr soll ein jüdischer Kindergarten gegründet werden. "Wichtigste Aufgabe ist die Erhaltung jüdischen Lebens in Chemnitz für die Zukunft", sagt die Gemeindevorsitzende und ist sich darin einig mit ihrem Vorgänger Rotstein.
(ddp)
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