Regionales
Sozialverband: Ende des Zivildienstes droht
Schon jetzt immer weniger besetzte Stellen - Verkürzung auf sechs Monate wohl ab August
Chemnitz. Immer weniger junge Männer leisten in den Mitgliedsorganisationen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Zivildienst. In allen seinen Organisationen zählte der Verband im November 2009 bundesweit 15.000 "Zivis". Nach Angaben am Donnerstag auf Anfrage der "Freien Presse" sind es aktuell nur noch 12.000. Der Paritätische ist der größte Dachverband im Sozial- und Gesundheitsbereich. Insgesamt leisteten laut zuständigem Bundesamt im Februar 2010 bundesweit noch rund 76.000 Männer Zivildienst.
Bereits im November, als die Koalition aus Union und FDP erstmals angekündigt hatte, Wehr- und Zivildienst ab 2011 von bisher neun auf sechs Monate zu verkürzen, sah der Bundesgeschäftsführer des Sozialverbandes, Ulrich Schneider, den "Anfang vom Ende des Zivildienstes" eingeläutet, weil ein vernünftiger Einsatz in Sozialeinrichtungen nicht mehr möglich sei. Die Ankündigung von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), die Verkürzung des Wehrdienstes solle bereits ab Oktober greifen, die für den Zivildienst sogar ab August, hat die Debatte neu entfacht.
Verbandschef Schneider befürchtet den Komplettausstieg vieler Mitgliedsverbände aus dem System, das über Jahrzehnte eine wichtige Stütze der sozialen Bereiche gewesen sei. Einige Sozialverbände verzichten bereits weitgehend auf Zivildienstleistende. Der Chemnitzer Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der vor fünf Jahren in den Bereichen Krankentransport und Altenpflege noch 30 Zivildienstleistende im Einsatz hatte, beschäftigt inzwischen nur noch vier. Und auch diese Stellen würden perspektivisch wohl nicht mehr besetzt, sagte Geschäftsführerin Christine Enderlein am Donnerstag. Sie kritisiert, dass durch die Dienstzeitverkürzung entstehende Missverhältnis zwischen Einarbeitungsaufwand und Nutzen. Bei sechs Monaten Dienstzeit wären Zivildienstleistende nach Abzug der nötigen Schulung höchstens noch vier Monate einsetzbar, sagt sie. "Es geht doch um die Arbeit mit Menschen. Gerade für die älteren Betreuten ist es nicht zumutbar, dass ständig die Gesichter wechseln", so Enderlein. Der Chemnitzer ASB setzt jetzt auf Freiwillige, die ein soziales Jahr leisten. Derzeit sind fünf von ihnen im Einsatz. Am Städtischen Klinikum Chemnitz sind von 85 Zivildienststellen nur noch 31 besetzt. Auch das Klinikum wirbt nach eigenen Angaben verstärkt um Helfer im Sozialen Jahr.
In der Regierung gibt es bisher keine klare Linie im Umgang mit dem Problem. Man sei sich noch nicht einig über eine Anschlusslösung, erklärte am Donnerstag der Bundesbeauftragte für Zivildienst, Jens Kreuter. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hatte Sympathien für den Wunsch der Sozialverbände erkennen lassen, einen anschließenden freiwilligen Dienst vom Bund fördern zu lassen. Die FDP hat jedoch Einspruch erhoben.
Von Jens Eumann
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