Chemnitz

"Chemnitz ähnelt einem Schlaganfall-Patienten"

Miterfinder des Slogans "Stadt der Moderne" sieht die Kommune am Scheideweg - Erste Leserreaktionen


Chemnitz. Es sind provokante Thesen, mit denen der Miterfinder des Slogans "Stadt der Moderne", Jens Kassner, den Zustand seiner Heimatstadt beschreibt. "Im Moment ähnelt Chemnitz einem Schlaganfall-Patienten", sagte der promovierte Kunsthistoriker bei einem wissenschaftlichen Kolloquium am Mittwochabend an der TU. Ansatz der Diagnose sei der "weit gehende Ausfall der rechten Hirnhälfte", den Kassner Chemnitz attestiert. Dies habe zu einer "partiellen Lähmung" geführt.

Ausgangspunkt der These ist das so genannte Hemisphärenmodell, das die Funktionsweise des Gehirns beschreibt. Demnach ist die linke Hirnhälfte beim Menschen für Logik, Rationalität und Analyse zuständig, während die rechte eher für Gefühl, Kreativität und Intuition verantwortlich ist. Chemnitz leidet laut Kassner an einer massiven Schwäche von Subkultur. Dies stehe in einem krassen Gegensatz zur wirtschaftlich-technischen Modernität der Stadt. Folgen seien das Fehlen von Nachwuchs in fast allen Kunstsparten und ein Manko an allgemeiner Lebensqualität.

Als Ausweg aus dem Dilemma verordnet der 48-Jährige der Stadt quasi eine Kulturrevolution von oben: Wie schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts sollte die Stadtverwaltung eine "energische Stärkung der kulturellen Modernisierung, also der Rechtshirnfunktion" vorantreiben. Zwischen 1900 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges hatten die Stadtväter Museum und Opernhaus sowie mehr als zwei Dutzend Schulen neu errichten lassen. Für Gegenwart und Zukunft hat Kassner nun einen bunten Strauß an Vorschlägen zusammengestellt, um Chemnitz einen ähnlichen kulturellen Aufschwung zu verleihen wie damals (siehe Kasten).

Möglichen Kritikern seiner Thesen versucht er gleich vorab den Wind aus den Segeln zu nehmen. Natürlich sei ein auf der Hand liegendes Gegenargument seiner Visionen der Umstand, dass manche der Punkte mit Bundesgesetzen kollidierten. Aber, so Kassner, auch die Pioniere der industriellen Revolution in Chemnitz hätten durch permanente Grenzüberschreitung Ausnahmeprivilegien erwirkt. Eine Antwort auf die Frage, wie all das, was er vorschlägt, finanziert werden könnte, bleibt er aber schuldig.

Sollte der kulturelle Ruck ausbleiben, zeichnet Kassner ein düsteres Bild von der Zukunft der Stadt. Dann bleibe der Moderne-Begriff aus dem Image-Slogan ausschließlich rückwärtsgewandt. Das Chemnitz der Zukunft beschränke sich auf Werte wie Sicherheit, Ordnung und Ruhe. Kassners Fazit: Diese Perspektive sei durchaus mehrheitsfähig und entspreche der tatsächlichen Entwicklung der Stadt in den vergangenen Jahren.

Kassners Visionen

Um Kreativität und Subkultur in Chemnitz zu stärken, hat Jens Kassner folgende Visionen:

  • Aufbau vielfältiger Möglichkeiten musischer Bildung, auch auf Hochschulniveau.

  • Die Schaffung eines Zentrums für Produktkultur, das sich über das Design hinaus mit der Gestaltung, Philosophie und Ethik von Dingen beschäftigen soll.

  • Die Etablierung eines Gründerzentrums für Kreativberufe.

  • Die schrittweise Einführung des Bürgerhaushaltes.

  • Die Verschlankung der Polizeiverordnung auf ein Minimum.

  • Die Freigabe von ungenutzten Flächen für die gemeinschaftliche Bewirtschaftung.

  • Einen zeitlich befristeten Probelauf für ein bedingungsloses Grundeinkommen.



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Reaktionen:

Die provokanten Thesen des Leipziger Kunsthistorikers Jens Kassner ("Freie Presse" vom vergangenen Freitag) haben eine Flut an Leserreaktionen ausgelöst. Der gebürtige Chemnitzer hatte seiner Heimatstadt ein Defizit an Subkultur bescheinigt; seine Analyse gipfelte im Satz, die Stadt gleiche einem halbseitig gelähmten Schlaganfallpatienten, weil Intuition, Gefühl und Kreativität in der Stadt fehlten.

"Stadt fehlt der kreative Blick"

Die Diagnose stimmt. Chemnitz fehlt der kreative Blick auf die Stadtentwicklung. Die grünen Zäune als Ergebnis des Stadtumbauprozesses/ Abrisses zeigen den Mangel an Fantasie deutlich. Die Thesen sind gut bis auf eine: es darf niemals ein bedingungsloses Grundeinkommen geben. Das ist die Subventionierung des Nichtstun. Am Beispiel des Grünpflegekonzeptes wird es deutlich, die Stadt Chemnitz hat kein Geld für die Unterhaltung der Parks und Gärten, bezahlt aber den Leuten Geld ohne Gegenleistung (Sozialhilfe). Wenn Grundeinkommen, dann mit Bedingungen. Das Beispiel aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts wird sicher kein Modell für unsere Probleme sein. Damals ist die Kultur, natürlich auch dank weitsichtiger Politiker, mit abgefallen, weil die Wirtschaft brummte. Heute ist das Geld knapp. Deshalb zurück zum Ursprung: Die Wirtschaft muss funktionieren. Wir müssen unsere Potenziale nutzen, die Kräfte bündeln. Nehmen wir uns die Freiheit, die Impulse von Herrn Kassner umzusetzen. Außer uns, den Bürgern der Stadt Chemnitz wird es niemand machen.

Kay Kaden, via E-Mail

"Herr Kassner hat recht"

Herr Kassner beschreibt den Ist-Zustand von Chemnitz sehr drastisch. Aber er hat natürlich recht! Doch Visionen sind das eine, die Realität etwas anderes. Um etwas positiv zu verändern, bedarf es unkonventioneller Herangehensweisen. 80 Prozent der Chemnitzer würde es gefallen, wenn sich etwas tun würde. Aber viele sind depressiv, glauben nicht, etwas bewirken zu können. "Macht mal!" so ihre Worte an die Aktiven. Und die sehen sich Dummheit, Desinteresse und Lobbyismus gegenüber. Das bedingungslose Grundeinkommen in der Stadt der Moderne als Vorreiter für eine Entwicklung, die ohnehin nicht aufzuhalten ist - ja, das wäre es doch!

Günter Sobeck, via E-Mail

"Gibt auch andere Meinungen"

Es mag ja sein, dass Herr Kassner seine Sicht der Dinge hat. Aber zum Glück gibt es auch andere Meinungen, die nicht gerade in der Minderheit sind. Wenn ich in meinem Bekanntenkreis herumfrage, stehen Dinge wie Ruhe, Ordnung und Sicherheit durchaus für Lebensqualität in einer Stadt. Ich jedenfalls möchte in keiner Stadt leben, die für ihre Unordnung und Unsicherheit und ihren Lärm bekannt ist.

Hannelore Jungnickel, Gablenz

"Mehr auf junge Leute hören"

Endlich kommt zur Sprache, was viele denken und fast jeder täglich spürt: Diese Stadt ist grau und langweilig. Neue Vorschläge werden systematisch denunziert und kleingeredet. Dabei sind die Chancen groß, wenn doch endlich mehr auf junge Menschen gehört würde, die sich am kulturellen Puls der Zeit befinden. Die Abwanderung junger, kreativer Menschen schreitet unaufhörlich voran, was sich zum Beispiel am Experimentellen Karree zeigt. Seit langer Zeit versuchen Jugendliche, ein niederschwelliges kulturelles Zentrum zu schaffen, doch die Stadt unterstützt dieses Vorhaben in keiner Weise und lässt sich sämtliche Entscheidungen von der GGG diktieren. Sollte sich in Sachen lebenswerte Stadt nicht langsam etwas tun, wird die Bevölkerungszahl weiter bergab gehen, und es wird noch mehr und mehr Abriss geben müssen. Stattdessen sollte man progressiv an diese Entwicklung herangehen und auch zu einem gewissen Teil Kontrolle abgeben, um Kreativität entfalten zu lassen.

Michael Spiegler, via E-Mail

"Kampf um ,kreative Köpfe‘"

Herrn Kassner kann ich nur zu diesen Aussagen beglückwünschen. Diese Thesen sollten die Stadtverordneten, die Oberbürgermeisterin und vor allem die Chemnitzer Bevölkerung wachrütteln. Aufbauend auf den positiven kulturellen Kernen Opernhaus, Weltecho und Kunstsammlungen, um nur einige zu nennen, sollte Chemnitz den Kampf um die "kreativen Köpfe" nicht aufgeben.

Robert Storch, Dresden

"Spricht mir aus dem Herzen"

Die Ideen von Herrn Kassner sind großartige Visionen, die mir aus dem Herzen sprechen. Genau im (sub)-kulturellen Bereich liegt der Mangel, der die Stadt so farblos erscheinen lässt. Ich persönlich sehe - nach sieben Jahren in Chemnitz - immer noch wenig Freiraum und Anreiz, mich mit meiner Familie in der Stadt zu bewegen und zu entfalten. Auch würde die Realisierung dieser ungewöhnlichen Maßnahmen Ausdruck einer Toleranz sein, die einer Großstadt wie Chemnitz gut zu Gesicht stehen würde und auf die ihre Bewohner sichtlich stolz sein dürften. All das muss wachsen und braucht viel Zeit, aber auch einen Impuls von "oben". Ich dachte, Lebensqualität durch Subkultur wachse in einer Großstadt von selber, doch darauf haben wir lange vergeblich gewartet. Jens Kassners Diagnose samt Therapievorschlag könnte ein Schlüssel und eine Lösung für diese Bewegungslosigkeit sein. Deshalb erscheint mir eine "Kulturrevolution von oben" als ein probates Mittel, diesen gefährlichen Missstand zu beheben.

Friderike Harder, via E-Mail

"Mit Erfolgen wuchern"

Chemnitz muss mit seinen Erfolgen wuchern, die beim Aufbau der Stadt in den letzten 20 Jahren erzielt wurden, um den Anforderungen einer "Stadt der Moderne" gerecht zu werden. Da sind die Vorschläge von Jens Kassner ein interessanter Beitrag, einen rückwärtsgewandten Prozess der Entwicklung der Stadt zu stoppen. Betrachten wir unser Stadtzentrum, dann lässt sich feststellen, dass sich ein Flair vor allem im Rathausbereich herausgebildet hat. Ein Eigenleben führen dagegen solche Bereiche wie der Theaterplatz, die Strukturen der TU, die Situation um die Markthalle und vor allen Dingen das Kulturzentrum Tietz mit dem Moritzhof.

Daraus ergeben sich Fragen:

1. Lassen sich das Tietz und der Moritzhof besser an das Innenstadtleben anbinden, wenn der fließende Autoverkehr künftig über eine veränderte Moritzstraße geleitet wird? Ein Stück Bahnhofstraße müsste dann zu Grün- und Parkflächen umfunktioniert werden.

2. Können leer stehende Bürogebäude im direkten Stadtzentrum der TU in ihren Besitz übertragen werden? Ein nicht zu unterschätzender Vorteil entsteht, wenn die Studenten der Technischen Hochschule das Stadtbild mit prägen.

3. Lässt sich der Theaterplatz besser nutzen, wenn über die gesamte Breite des Platzes eine Treppenanlage zum Verweilen und Mitfeiern einlädt und geeigneten Platz zum Aufstellen der Schillingschen Figuren schafft?

4. Gelingt es, einen Autobus in ständiger Stadtrundfahrt zu organisieren, der sich in anderen Städten schon bewährt, wenn man es schafft, Einkaufsinteressen mit touristischen Zielen und öffentlichen Gebäuden zu verbinden?

Derartige Fragen lassen sich beliebig weiter fortsetzen. Chemnitz muss sich als eine Stadt der Erneuerung präsentieren, die anstehende Herausforderungen meistert.

Fritz Rößner, Architekt, Grüna

"Belebte Stadt ist erwünscht"

Der Beitrag "Chemnitz ähnelt einem Schlaganfall-Patienten" bringt es auf den Punkt. Bin ich in Köln oder Dresden, dann scheint das Leben bis in die Nacht hinein auf Straßen und Plätzen stattzufinden. Und was ist mit den Chemnitzern los? Hier sitzt nach Geschäftsschluss jeder lieber in seinen vier Wänden vor dem Fernseher. Die Einwohner wünschen sich eine belebte Stadt, das zeigen Veranstaltungen wie Stadtfest, Weihnachtsmarkt und Modenacht. Herr Kassner hat für mich schon gute Visionen. Wenn etwas davon Realität wird, kommt womöglich auch mehr Leben in die Innenstadt.

Marion Hoffmann, Helbersdorf



Von Swen Uhlig

Erschienen am 03.11.2009


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