Chemnitz
"Gnadengesuch" für Markersdorfer Brücke
Landesamt für Denkmalpflege prüft bis Dienstag Erhalt der ersten Eisenbeton-Rahmenbrücke Deutschlands
Sie wollen die einzigartige Brücke in Markersdorf retten: Denkmalpfleger Stefan W. Krieg-von Hößlin, Brückenbau-Spezialist Martin Tasche, Michael Streetz vom Landesamt für Denkmalpflege, Eisenbahn-Vereinschef Robin Helmert und Dieter Pommer, Ur-Enkel des Erbauers (von links).A. Truxa
Markersdorf. Noch drei Tage bleiben dem Landesamt für Denkmalpflege, um die älteste noch bestehende Eisenbeton-Rahmenbrücke Deutschlands in Markersdorf zu retten. Denn am Dienstag soll das 110 Jahre alte Bauwerk, das als Pionier auf dem Gebiet des Eisenbetonbaus gilt, abgerissen werden. Am Freitag wurde die B 107 asphaltiert, ab Montag rollt der Verkehr geradlinig zum Knotenpunkt B 107/S 241, ohne die so genannte Bahnnase, wie die Brücke genannt wird, queren zu müssen. Ab Dienstag soll der Beton-Koloss abgetragen werden.
Der Eisenbahnverein hatte ein "Gnadengesuch" an Bundespräsident Christian Wulff geschrieben. Daraufhin kam es zum letzten Rettungsversuch mit Denkmalschutz-Experten, Eisenbahn-Freunden und Nachfahren des einstigen Erbauers der Brücke, die nach dem französischen Bauingenieur François Hennebique benannt wurde, der 1894 erstmals Brücken aus Stahlbeton konstruieren ließ. Die Markersdorfer Bahnbrücke war im Jahr 1900 von der Leipziger Baufirma Max Pommer errichtet worden. Mit der Stilllegung der Bahnverbindung 2003 wurde sie überflüssig.
"Der Abriss kann gestoppt werden", sagte Michael Streetz von Landesamt für Denkmalpflege, "wenn wir bis Dienstag einen Eigentümer für das berühmte Bauwerk finden". Der Kauf könnte zum symbolischen Preis geschehen. Für die Sanierungskosten von rund 40.000 Euro, so ergaben erste Berechnungen, gäbe es mehrere Optionen: Die Sanierungskosten könnten mit den Abrisskosten verrechnet werden oder es fänden sich Sponsoren. Allerdings müssten zuständige Ministerien in Dresden und das Straßenbauamt Chemnitz als Träger des Knotenumbaus zustimmen. Streetz versprach, sich dafür bis Dienstag einzusetzen. Denn er musste eingestehen, dass nach der Wende bei einer Schnellerfassung der technischen Denkmale in Sachsen die Bedeutung der Brücke nicht erkannt worden sei. Deshalb sei das Bauwerk nicht in die Liste mit 6000 technischen Denkmalen aufgenommen worden. "Als wir erkannten, dass es sich tatsächlich um die älteste noch bestehende Eisenbeton-Rahmenbrücke Deutschlands handelt, war es schon zu spät", so Streetz. Der Beschluss zum Abriss stand fest. Eine Ausweisung als technisches Denkmal sei zwar jetzt gerechtfertigt, aber für die künftige Unterhaltung würde sich kein Käufer finden. Denn die Brücke hätte nicht den Nutzen wie das Hetzdorfer Viadukt bei Oederan, das als Denkmal einen Rad- und Wanderweg einbinde.
Hilfe hatte sich Robin Helmert, der Chef der Eisenbahnfreunde, die bereits den Bahnhof und weitere fünf Gebäude in Markersdorf als Denkmal erhalten, bei Stefan W. Krieg-von Hößlin, dem Stadtbezirkskonservator von Leipzig, geholt. Ihm ist es zu verdanken, dass das erste mehrgeschossige Haus Deutschlands in Eisenbetonbauweise vor dem Abriss gerettet wurde. Der Denkmalpfleger schwärmte für die Markersdorfer Brücke: "Der Beton wurde hier liebevoll verdichtet, der ist ganz toll, eine homogene Bauweise. Der damals verwendete Puddelstahl zeigt kaum Korrosionsschäden", so der Experte. Die Brücke würde auch noch in 100 Jahren hier stehen, so seine Einschätzung. Das bestätigte auch Dieter Pommer, der Ur-Enkel des Erbauers Max Pommer. Die Leipziger Betonbaufirma seines Sohnes sei bereit, kostengünstig die Brücke zu sanieren. Vorstellbar wäre laut Martin Tasche vom Institut für Baukonstruktion der TU Dresden, dass das Bauwerk als technisches Denkmal zum Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst benannt wird.
Von Bettina Junge
Erschienen am 30.07.2010
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