Stollberger Zeitung

Wie aus dem Maler ein Dorfschneider wird

Kleider machen Leute und umgekehrt: In der Hohndorfer Nähstube entstehen seit Monaten historische Gewänder für den Festumzug


Kostümprobe fürs Schaubild "Gewerbe um 1800". Schon seit Wochen holen Darsteller beim großen Festumzug anlässlich "550 Jahre Hohndorf" ihre Kostüme aus der Nähstube ab. In dieser Woche waren es Gerber, Schneider, Strumpfwirker & Co.

Foto: Andreas Tannert

Hohndorf. Tobias Georgi passt die Schärpe mit der Aufschrift "Sieben auf einen Streich" nicht, sie ist dem jungen Mann eindeutig zu weit. "Da müssen zwei Abnäher rein", stellt Gisela Hartmann fest und steckt diese auch gleich ab. Die ehemalige Textilfacharbeiterin und weitere neun Frauen sitzen seit September unermüdlich an den Nähmaschinen, unter ihren Händen entstehen Kostüme für den Festumzug anlässlich "550 Jahre Hohndorf". Ende Juli war Anprobe und Abholung für die "Gewerbetreibenden um 1800" angesagt.

Während Gisela Hartmann die Kostüme ausgibt, surren bei Herta Rosenlöcher und Elisabeth Puhl schon wieder die Maschinen. Sie säumen große blaue und gelbe Stoffbahnen ab. "Dekoration fürs Festzelt", erklärt Elisabeth Puhl, die in vertrautem Metier aktiv ist. Sie hat früher in Heimarbeit genäht.

Tobias Georgi, der im Umzug den Dorfschneider mimt, ist im richtigen Leben Maler. Das mit dem Schneider "hat sich so ergeben", sagt der 28-Jährige schmunzelnd.

Seine Tochter im Umzug wird von Sarah Sophie Kretzschmar dargestellt. In der Hand hält die Achtjährige ein gehäkeltes Püppchen. "Das hat jemand gespendet", sagt Gisela Hartmann. Man habe unwahrscheinlich viele Stoffe, Zwirn und weiteres Material bekommen. Eine ganze Regalwand im Nähzimmer ist noch immer bis unter die Decke mit verschiedensten Stoffen gefüllt. "Es musste so gut wie nichts gekauft werden", freut sich Hartmann.

Nicht nur hier in der im Rathaus geschaffenen Nähstube haben die Frauen in den zurückliegenden Monaten gewerkelt, sie haben auch viel daheim genäht. Wie viele Kostüme insgesamt unter ihren Händen entstanden, vermögen sie nicht zu sagen. Wie viele Stunden sie damit verbracht haben? Gisela Hartmann winkt ab.

Nicht nur die Frauen, für die das Nähen entweder hobby- oder berufsmäßig nichts Neues ist, auch einige der Darsteller bewegen sich zum 2010er-Umzug auf bekanntem Terrain. So erzählt Birgit Winkler, dass sie schon 1964 beim großen Umzug zum Schul- und Heimatfest anlässlich 125 Jahre Schule dabei war - als Zigeunerkind. Zwölf Jahre war sie damals alt. Diesmal wird sie wie auch ihr Mann zu den Strumpfwirkern gehören. Winklers haben sich extra auf ihre Rolle vorbereitet und im Gelenauer Museum sachkundig gemacht.

Auch der kleine Kevin und dessen Mutter Doreen Schuster laufen bei den Strumpfwirkern mit. Der Dreijährige sieht fesch aus mit Filzhut und Hemd. Beides ist eine Leihgabe von Elke Steinert. "Das stammt von meiner Schwiegermutter", erklärt die. Die 60-Jährige selbst wurde von den Frauen der Nähstube eingekleidet - als Gärtnerin. Auch Elke Steinert war vor
46 Jahren schon beim Umzug aktiv - mit dem Kunstrad. "An den Tag erinnere ich mich wie heute", sagt sie. Es war ihr 19. Geburtstag. "Ich war 1964 in der DTSB-Sportgruppe dabei", ergänzt Regina Gemeinhardt die Runde der "Festumzügler mit Erfahrung". Elf Jahre sei sie damals alt gewesen.

Ihr Mann Gerd Gemeinhardt stellt einen Gerber dar, sie das, was sie auch im wahren Leben ist: seine Frau. Ihre Kostüme hat die Hobbyschneiderin selbst genäht. Ein altes Buch über Handwerke des 17. Jahrhunderts hat ihr dabei geholfen. "Ich habe passendes Material gesucht und außerdem Omas Kleiderschrank geplündert." Für ihr eigenes Kleid musste ein altes Mangeltuch herhalten.

Es wird viel gelacht und geschwatzt bei Anprobe und Ausgabe. Da hat eine Frau Kuchen für die Näherinnen gebacken ("Die sind ja so fleißig"), eine andere reicht das Foto vom grade geborenen Enkelkind herum. Und Gisela Hartmann sagt: "Wir Frauen wollen uns auch weiter treffen, wenn das hier alles vorbei ist." Es täte ihnen leid, einfach so auseinanderzugehen.

Von Viola Heidrich


Erschienen am 29.07.2010


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