Reichenbacher Zeitung

Studium ist das große Ziel fürs neue Jahr

Erblindete Ines Kilias aus Reichenbach absolviert Praktikum im Jugendzentrum "Lila Pause" und kämpft mit den Behörden


Ines Kilias.

Foto: Franko Martin

Reichenbach. Das Praktikum im Reichenbacher Kinder- und Jugendzentrum "Lila Pause" macht Ines Kilias viel Spaß. Die 21-Jährige hilft bei den Hausausgaben, spielt mit den Jungs und Mädels, werkelt in der Küche, gibt die Billard-Queues aus. In der Adventszeit hat sie mit zwei Gruppen Plätzchen gebacken.

Für einen Auftritt der "Lila Pause" in der Altdeutschen Landschänke am Wasserturm studierte sie Gedichte mit den Kindern ein. Und für die Weihnachtsfeier half sie, die Tische im Club umzustellen. - Das hört sich nach normaler Jugendclubarbeit an. Doch Ines Kilias bewältigt all diese Aufgaben, obwohl sie blind ist. Das nötigt Respekt ab.

Viertes Fest ohne Augenlicht

Das war jetzt das vierte Weihnachtsfest, seitdem Ines Kilias erblindete. Bei einem Auftritt des Chores des Reichenbacher Gymnasiums am 9. Dezember 2006 im Zwickauer Dom verlor das Mädchen binnen weniger Stunden das Augenlicht. Erst glaubten alle an einen entzündeten Sehnerv. Doch als keine Besserung eintrat, stellten die Ärzte psychogene Blindheit fest. Weil ihre Psyche oder irgendein anderer unbekannter Vorgang im Gehirn sie hindert, kann sie nur noch zwischen hell und dunkel unterscheiden.

Doch die junge Reichenbacherin gab nicht auf, 2009 machte sie ihr Abitur. Das Goethe-Gymnasium Reichenbach ließ sich auf das Experiment ein. Ihr Abschluss mit einem Durchschnitt von 1,8 ließ aufhorchen und freute Ines Kilias außerordentlich. Nicht fassen konnte sie indes Reaktionen aus dem Sozialamt des Vogtlandkreises. "Da gibt es offenbar Menschen, die meinen, wenn man ein so gutes Abi hinlegt, könne die Behinderung so schwer nicht sein", sagt sie.

Auf Anfrage der "Freien Presse" im Landratsamt entgegnete der zuständige Dezernent Uwe Drechsel: "Das hat sicher keiner so gesagt." Er erinnerte daran, dass das Amt sogar Hilfe bei der Schulbegleitung gegeben habe. In der Tat sei es aber so, dass der zuzuerkennende Grad einer Behinderung "bei verschiedenen Krankheitsbildern maßgeblich durch die Höhe der kognitiven Einschränkungen bestimmt" werde.

Geistig beschränkt ist Ines Kilias aber nicht, nur blind. Und jetzt will sie auch noch studieren.

Praktikum wird verlängert

Das Praktikum in der "Lila Pause" soll Ines Kilias helfen, die Zeit bis dahin zu überbrücken. Zunächst nur bis Ende Januar geplant, wird das Praktikum nun bis zum Sommer verlängert. "Ines macht sich sehr gut bei uns. Sie hat einen guten Draht zu den Kindern und Jugendlichen, ist sehr offen, selbstständig und vielseitig. Sie bringt gern eigene Ideen ein", begründet Jugendclubleiterin Nadine Rudolph, warum sie die 21-Jährige gern noch länger im Hause hat.

Ines Kilias möchte Psychologie studieren und später Kinderpsychologin werden. Auf dem Weg dahin stand ihr Anneliese Ring, 2. Beigeordnete des Landrates und Behindertenbeauftragte des Vogtlandkreises, zur Seite. Sie vermittelte Kontakte mit verschiedenen Universitäten. Doch dann erkrankte Ring schwer. "Wir haben die Sache dann auf eigene Initiative weitergeführt", sagt Ines Kilias und freut sich nach Gesprächen in Dresden: "Meine Chancen stehen gut, im Herbst 2010 mit dem Studium anzufangen. Die Uni ist behindertentechnisch prima ausgestattet."

Streit um Behindertenausweis

Einen Schwerbehindertenausweis hat Ines Kilias bereits im Mai 2007 beantragt. Doch das Landratsamt lehnte den Antrag ab. Das Problem: Für die psychogene Blindheit, eine sehr seltene Erkrankung, bekam sie nur einen Behinderungsgrad von 30 Prozent zugesprochen. Den Schwerbehindertenausweis gibt es aber erst bei einem Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent. Darum geht jetzt der Streit.

Ihr Großvater Joachim Kilias hatte deshalb am letzten Tag der Landesgartenschau in Reichenbach die Chance zu einem persönlichen Gespräch mit Landrat Tassilo Lenk (CDU) genutzt, der dort Unterstützung zugesagt habe. Letztlich entschied das Landratsamt aber erneut ablehnend. "Mich lässt das an Ihrem guten Willen ... ernsthaft zweifeln", schrieb Joachim Kilias deshalb an Lenk. Dabei wäre eine Entscheidung so einfach, glaubt er und zitiert das Grundgesetz: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."

Lenk bestätigte der "Freien Presse", dass er gegenüber Joachim Kilias seine "persönliche Meinung zu dem bedauernswerten Fall seiner Enkeltochter" geäußert habe. Und er erklärt: "Die in der Landkreisverwaltung mit der Bearbeitung betrauten Mitarbeiter ... verweigern jedoch auch nach der Bewertung des Schwerbehindertenfalles durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales eine Änderung ihrer Fachmeinung und begründen dies, um nicht in einen möglichen Haftungsfall zu geraten." Das heißt offenbar: Der Chef würde gern anders, doch das Fachamt winkt ab.

Gericht soll entscheiden

Dezernent Uwe Drechsel hält entgegen: "Das ist ein komplizierter und seltener Fall. Für uns als Verwaltung ist dabei maßgebend, was die versorgungsärztliche Beurteilung ergibt. Im Falle von Frau Kilias ergab sie, dass die Voraussetzungen für die Anerkennung eines höheren Behindertengrades und des Merkzeichens BL, also Blind, nicht erfüllt sind. Wir haben da keinen Spielraum." Dass Ines Kilias deshalb, vertreten durch den Sozialverband VdK, vor dem Sozialgericht klagt, sieht Drechsel eher positiv. Ein Urteil bringt Klarheit.

Entscheidend sei im Moment aber, der jungen Frau Unterstützung für das Studium zu geben, findet Drechsel und sagt: "Ines Kilias wird an der Uni einem schwerbehinderten Menschen gleichgestellt sein. Über die Agentur für Arbeit hat sie eine Gleichstellungsanerkennung erhalten." Dabei ist ihm klar: "Mit einem Schwerbehindertenausweis hätte sie wesentlich mehr Ansprüche. Ihr stünden mehr Leistungen zu. Aber sofern das Gericht in ihrem Sinne entscheidet, bekomme sie diese Leistungen nachgereicht.

Hoffen auf ein Wunder

Die Heilungschancen bei psychogener Blindheit liegen bei etwa 20 Prozent. Ines Kilias hat zum Beispiel von einer Frau gehört, die 13 Jahre lang unter dieser Krankheit litt und dann ausgerechnet im Krankenhaus bei der Geburt ihres Kindes das Augenlicht wiedererlangte. Auf so ein Wunder hofft auch die junge Reichenbacherin.


Von Gerd Betka

Erschienen am 28.12.2009


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