Kurz hinter der neuen Anschlussstelle Rochlitz endet die A 72 nach 23 Kilometern im Acker.
Foto: Uwe Meinhold/dapd
A 72 jetzt zwölf Kilometer länger
Vier Jahre nach Baubeginn ist am Donnerstag ein weiterer Abschnitt der A 72 freigegeben worden: "Freie Presse" testete die Piste
Penig. Vielen Bürgern von Penig und umliegender Orte ist es am Donnerstag gelungen, das Protokoll des sächsischen Verkehrsministeriums durcheinanderzubringen. Irgendwann resignierten die Ordner. Sie waren an der Anschlussstelle Niederfrohna postiert, wo die A 72 nach Leipzig seit 2007 endete, und sollten zunächst nur geladenen Gästen freie Fahrt auf den nächsten Trassenabschnitt gewähren. Doch es kamen Hunderte Schaulustige - die meisten ohne Einladung.
Für Verkehrsminister Sven Morlok (FDP) und seinen aus Berlin angereisten Parteifreund Jan Mücke, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, hatte man aus Angst vor Wetterkapriolen einen Unterstand gebaut. Zwei künstliche Palmen säumten die Politiker, als sie die Zwölf-Kilometer-Strecke eröffneten.
Erneut große Versprechen
Sven Morlok räumte ein, dass unter seinen Vorgängern andere Fertigstellungszeiträume im Gespräch gewesen seien. Ursprünglich sollte die gesamte 62 Kilometer lange Trasse zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 befahrbar sein. Jetzt sind gerade einmal 23 Kilometer, also reichlich ein Drittel, geschafft und es ist der erste Ort im Landkreis Leipzig erreicht. Morlok versicherte, dass er sich für den zügigen Weiterbau einsetzen werde. Die nächsten beiden Abschnitte bis Frohburg (14,5 km) und weiter bis südlich von Borna (7,7 km) sollen Ende 2012 befahrbar sein. Morlok gestand ein, dass die Freigabe jedes neuen Autobahnteilstücks mit mehr Verkehr auf der verbleibenden B 95 einhergehe. Das zeige sich vor allem nördlich von Borna, wo die B 95 seit jeher vierspurig durch Espenhain verläuft und die Anwohner extrem unter den Verkehrsbelastungen leiden. "Ich hoffe, dass wir für diesen Abschnitt im ersten Halbjahr 2012 Baurecht haben und dann dort unverzüglich beginnen." Der Freistaat, der den inzwischen 550-Millionen-Euro teuren Autobahnbau - ursprünglich waren 420 Millionen im Gespräch - mit 50 Millionen unterstützt, habe das Geld für 2013/2014 im Haushalt eingestellt und werde es notfalls auch früher locker machen, so Morlok.
Er machte zugleich seinem Ärger darüber Luft, dass eine Zeitung am Donnerstag geschrieben hatte: "Für 550 Millionen Euro: Autobahn ins Nirgendwo". "Das bringt eine ganze Region in Misskredit. Penig und Rochlitz sind für mich kein Nirgendwo", so der Minister. Schützenhilfe bekam er von Staatssekretär Mücke, der nicht nur von einer regionalen, sondern auch überregionalen Bedeutung der A 72 sprach, weil sie auch den Verkehr zwischen Tschechien und Mittelsachsen aufnimmt.
Doch bis das soweit ist, werden nach "Freie Presse"-Recherchen noch Jahre vergehen. Für den 10,5 Kilometer langen Abschnitt Borna-Rötha läuft seit Dezember 2009 das Planfeststellungsverfahren. Die Trasse führt zum Teil über ehemaliges Bergbaugebiet. Sie tangiert zwei Seen sowie etliche Landwirtschaftsflächen. Zwar soll bis zum Sommer Baurecht bestehen. Aber noch ist unklar, ob es Klagen gibt und ob die einen Stopp zur Folge haben. Für das nächste und letzte acht Kilometer lange Stück bis zur Anbindung an die A 38 läuft das Planfeststellungsverfahren bei der Landesdirektion Leipzig seit einem Jahr. Hier führt die Trasse durch ein Vogelschutzgebiet und sie berührt das Hochwasserrückhaltebecken Stöhna. Es sei offen, wann es hier Baurecht gebe, räumte Behördensprecher Stefan Barton ein. Unter Straßenbauexperten wird gemunkelt, dass vielleicht nie gebaut wird. Eine Vermutung, die vorige Woche neue Nahrung erhielt: Im Investitionsrahmenplan des Bundes bis 2015 läuft der Abschnitt Borna-Rötha zwar unter "prioritäre Vorhaben". Finanziell untersetzt ist er aber nicht. Der Folgeabschnitt Rötha-A 38 ist im Rahmenplan gar nicht erwähnt.