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Das Brett als Märchenland
In einer Dresdner Kita lernen Kinder professionell Schach spielen
Dresden (ddp-lsc). Auf dem großen Magnetschachbrett mit gelb-blauen Feldern heften drei Schachfiguren. In nur vier Zügen setzt die sechsjährige Nele mit den zwei weißen Türmen den gegnerischen König schachmatt. Einmal in der Woche lernt Nele mit sechs anderen Kindern in der Kita "Klotzscher Rasselbande" in Dresden professionell Schach spielen. Das traditionelle Denkspiel, das ab Mittwoch wegen der Schacholympiade in der Landeshauptstadt für rund zwei Wochen im Fokus der Aufmerksamkeit steht, macht bereits Kindern Spaß. Zudem fördert es nachweislich die Konzentration, das strategische Denken und damit auch die schulischen Leistungen der Knirpse.
Kinderschach ist im Kommen. Die Zahl der Grundschul- und Kitakinder, die das Schachspielen professionell lernen, ist nach Angaben der Schachjugend des Deutschen Schachbundes in den vergangenen Jahren gestiegen. Schachjugend-Geschäftsführer Jörg Schulz glaubt, dass die Vorzüge des Denkspiels heute Eltern und Lehrern mehr bekannt sind. "Schach fördert die Konzentrationsfähigkeit der Kinder. Sie können Bilder und Situationen schneller auffassen. Dadurch verbessern sich die schulischen Leistungen", sagt Schulz. Positiv beeinflusst würden dabei nicht nur die mathematischen Kenntnisse, sondern auch die Rechtschreibfähigkeit.
Mit der Kombination "Matt mit zwei Türmen" hat Schachlehrer Steffen Banda seinen Unterricht in der Dresdner Kita diesmal begonnen. Er hat sie am Demonstrationsbrett gezeigt, die Kinder spielen die Züge nach. Banda kommt einmal die Woche an die Kita, meistens wird er schon sehnsüchtig erwartet. "Die Kinder reißen mir manchmal schon im Flur das Schachbrett aus den Händen", sagt der 46-Jährige gerührt. Er arbeitet für die Schachschule Meng aus Triebischtal, die Schachkurse an Schulen und Kitas im Land anbietet. Sie sind dort außerhalb des normalen Betriebs ein zusätzliches Angebot für die Kinder. 3,90 Euro kostet eine Schachstunde, sozial schwache Eltern bekommen laut Schachschule einen Rabatt.
Eine kürzlich im Auftrag der Schachjugend durchgeführte Vergleichsstudie an der Universität Trier zeigt laut Geschäftsführer Schulz, dass Grundschulkinder, die Schach einmal in der Woche als Unterrichtsfach haben, bessere schulische Leistungen erzielen als Kinder, die kein Schach lernen. Vor allem lernschwache Schüler würden durch das Schachspielen gefördert. Zudem lernen die Kinder Schulz zufolge spielerisch das Einhalten von Regeln und auch das Verlieren, was die Sozialkompetenz fördert.
Die Schachjugend habe sich daher in den vergangenen Jahren vermehrt für die Etablierung des Kinderschachs an den Bildungseinrichtungen eingesetzt. Schach werde immer mehr als Bildungsgut erkannt. "Ich denke, dass uns dabei auch die Pisa-Diskussion geholfen hat", sagt Schulz. Auch Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU) ist von der positiven Wirkung des Spiels überzeugt: "Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen den pädagogischen Wert dieser Denksportart. Wenn man es kurz sagen möchte: Schach macht schlau!"
Die Schulen im Freistaat lehren den Sport jedoch bislang nicht als eigenes Schulfach - im Gegensatz zu manchen Bildungseinrichtungen in anderen Bundesländern. So wird nach Angaben der Schachjugend derzeit an fünf Hamburger Schulen eine Mathematik- durch eine Schach-Stunde ersetzt. Am Dresdner Sportgymnasium können Schüler indes Schach als Schwerpunkt im Leistungskurs Sport wählen.
Beim Kinderschach müsse man darauf achten, dass der Unterricht lebendig sei, sagt Schachlehrer Banda. In der allerersten Schachstunde erzählt der 46-Jährige daher jedes Mal das "Schachmärchen". Darin hat der König einen dicken Bauch und lebt mit seiner schönen Dame in einem Königreich, das er lieber für sich hätte. Daher muss er mit seinem Volk gegen den anderen König kämpfen. Spielerisch würden die Kleinen so die Bedeutung der Figuren und strategische Schachzüge lernen. "Die Kinder haben dabei die kreativsten Ideen, manche denken beim Spielen drei Züge voraus", freut sich der 46-Jährige.
21 Schachstunden für rund 150 Kinder gibt er derzeit wöchentlich. Schach gespielt und anderen das Spielen beigebracht hat der 46-Jährige schon zu DDR-Zeiten. Er berichtet stolz von dem Rekord, den ein kleines Mädchen vor kurzem im Spiel mit ihm aufgestellt hat. 130 Minuten lang hat die Fünfjährige ihren Lehrer in mehreren Spielpartien sprichwörtlich "in Schach gehalten".
(schachschulemeng.de)
(ddp)