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Besucher im Dschungel von Gondwanaland - mitten in Leipzig. In der Tropenhalle werden etwa 100 Tierarten sowie 17.000 tropische Pflanzen gezeigt.

Foto: Jan Woitas/dpa Bild 1 / 6

Der Leipziger Zoo und das Arche-Prinzip

Leipzig baut einen Zoo der Zukunft. Schon seit der Jahrtausendwende läuft das Megaprojekt, jetzt kommt mit dem Hochgebirge ein weiterer Baustein hinzu. Mitten in der sächsischen Großstadt wächst ein Refugium für die Tiere der Welt. Es ist auch eine Rettungsinsel für bedrohte Arten.

Von Oliver Hach
erschienen am 20.03.2017

Leipzig. Der Himalaya besteht aus Beton und Armierungsstahl. Graue Wände ragen am Flusslauf der Par-the in die Höhe, eine Richtkrone schwebt heran. Jörg Junhold hat einen Bauhelm aufgesetzt und deutet mit einem zusammengeklappten Regenschirm auf den fertigen Rohbau: "Wo der Kran steht, wird es eine Trainingswand für die Schneeleoparden geben." Die Besucher sollen die Tiere so bei der Fütterung gut beobachten können. Das Gehege, erklärt der Zoodirektor, werde als karge Felslandschaft modelliert - wie der echte Lebensraum der Schneeleoparden im Hochgebirge.

Der Zoologische Garten Leipzig an einem kühlen Freitag im März. Junhold hat Journalisten zum Rundgang eingeladen. In wenigen Tagen soll hier die Sommersaison beginnen, doch parallel dazu wühlen wieder Bagger in der Erde. Schon seit dem Jahr 2000 wird hier am Masterplan "Zoo der Zukunft" gearbeitet.

Bis 2022 entstehen auf dem 26 Hektar großen Gelände sechs Themenwelten. Afrika mit seinen Savannen gibt es schon, außerdem die weltweit größte Menschenaffenanlage Pongoland, den Gründer-Garten mit einem Bildungszentrum und die 2011 eröffnete Riesentropenhalle Gondwanaland. An Teilen Asiens wird gerade gebaut, im Sommer eröffnet die Hochgebirgslandschaft Himalaya. Neben Schneeleoparden werden Pandabären, Gänsegeier und Muntjaks, eine asiatische Hirschgattung, einziehen. Und auch Südamerika entsteht neu: Ab 2018 können Besucher das Pantanal und Patagonien erkunden, später Feuerland mit Pinguinen und Robben - eine Safari bis ans Ende der Welt.

Leipzig baut eine Arche, die Tiere der Erde auf engstem Raum vereint. Natürlich könne man immer nur einen Ausschnitt abbilden, schränkt Jörg Junhold ein. "Aber wir haben als großer, weltweit führender Zoo den Anspruch, dass wir biologische Vielfalt zeigen."

Der Pulk der Presseleute erreicht den Elefantentempel. "Zoo der Zukunft" heißt hier: Die Tiere baden künftig zweimal am Tag, die Besucher können durch Panzerglas sehen, was unter Wasser passiert. Die Elefantenhaltung habe sich in den Zoos in den letzten Jahren stark gewandelt, sagt Seniorkurator Gerd Nötzold. "Früher waren die Tiere zwölf Stunden am Tag angebunden, es war eng." Heute steht ihnen ein dreiviertel Hektar zur Verfügung, statt Gitterstäben gibt es offene Anlagen, gesichert mit Gräben.

Der Zoo Leipzig hat eine lange Tradition. 1878 wurde er vom Gastwirt Ernst Pinkert als 23. Tiergarten in Europa gegründet. Damals war es der Reiz des Exotischen, der die Besucher zu Raubtieren und Affen lockte; auf "Völkerschauen" wurden auch Menschen fremder Völker, darunter Kalmücken, Kirgisen und Suaheli, "ausgestellt". Heute, sagt Jörg Junhold, der bereits achte Leipziger Zoodirektor, übernehme man zwei große gesellschaftliche Aufgaben: Bildung und Artenschutz.

Seit Beginn der Umsetzung des Masterplans wurden im Leipziger Zoo bereits mehr als 100 Millionen Euro investiert. Der Finanzrahmen musste mehrfach angepasst werden, weil Projekte teurer wurden als geplant. So sollte das Gondwanaland 49,5 Millionen Euro kosten, am Ende waren es 66,8 Millionen Euro. Davon trugen rund 32 Millionen der Freistaat Sachsen, 11,5 Millionen die Stadt Leipzig und über 23 Millionen der Zoo selbst. 1,6 Millionen Euro kamen durch Spenden und Tierpatenschaften zusammen. Im November vergangenen Jahres gab es wieder "finanzielle und zeitliche Anpassungen": 16 Millionen Euro werden zusätzlich benötigt, von denen die Stadt die Hälfte übernimmt. Das ursprünglich für 2020 geplante Bau-ende wurde um zwei Jahre verschoben. Die Eintrittspreise stiegen derweil deutlich: Bis Mitte 2011 kostete ein Tagesticket noch 13 Euro, ab morgen sind es 21 Euro.

Ist das angemessen, lohnt sich der Riesenaufwand? Brauchen wir Tierparks mit dieser teuren Ausstattung, sollten sie mit Steuergeld bezuschusst werden? Vergangenes Jahr kündigte die Stadt Buenos Aires an, sie werde ihren 128 Jahre alten Zoo in einen Öko-Park ohne gefangene Tiere umwandeln. Die 1500 Tiere sollten in Schutzgebiete in Argentinien und im Ausland umgesiedelt werden. Die Ausstellung der Tiere in Gefangenschaft sei nicht die richtige Art, sie zu schützen, erklärte der Bürgermeister von Buenos Aires.

Zoodirektor Junhold kann das nicht nachvollziehen. "Ich halte es für die falsche Entscheidung, gerade in der Großstadt", erklärte er vor einigen Monaten am Rande eines Besuchs von Sozialministerin Barbara Klepsch. Die CDU-Politikerin verlieh dem 52-Jährigen damals die Sächsische Tierschutz-Medaille und lobte: "Sie wollen, dass Kinder und Jugendliche, die immer mehr in urbaner Entfremdung leben, Tiere kennen- und lieben lernen."

Der Entfremdung der Menschen von der Natur entgegenwirken - das sollen Zoos. Und sie wecken dabei Emotionen: mit ästhetischen, vom Aussterben bedrohten Tieren, die Namen erhalten, zu denen die Besucher eine jahrelange Bindung aufbauen können und die im besten Fall auch Nachwuchs bekommen.

In Leipzig wurden Ende Februar Amurtiger-Zwillinge geboren. Am Tag des Presserundgangs ist Mutter Bella mit ihren Jungen noch im rückwärtigen Bereich, Vater Tomak räkelt sich allein im Freigehege. Anfang April, wenn die beiden kleinen Raubkatzen kräftig genug sind und alle Impfungen bekommen haben, sollen sie der Öffentlichkeit präsentiert werden; auch ein Aufruf zur Namensgebung wird gestartet. Der Leipziger Tierpark weiß sich zu vermarkten. Nach Jahren mit rückläufigen Zahlen kamen zuletzt wieder mehr Besucher. Rund 1,71 Millionen Gäste wurden 2016 gezählt, etwa 50.000 mehr als im Vorjahr.

"Ein guter Zoo ist ein Schaufenster der Artenvielfalt", sagt Arnulf Köhncke vom World Wide Fund For Nature (WWF) in Deutschland. Die Organisation mit dem Panda im Logo publizierte am 3. März zum Tag des Artenschutzes wieder alarmierende Zahlen zur Entwicklung des weltweiten Tierbestandes. Innerhalb von 40 Jahren habe man einen Rückgang von 58 Prozent gemessen; die über 14.000 untersuchten Tierpopulationen hätten sich mehr als halbiert. Die Welt erlebe derzeit das größte Artensterben seit Verschwinden der Dinosaurier, hieß es.

"Die Aussterbegeschwindigkeit ist 1000-mal so groß wie ohne den Einfluss des Menschen", sagt Artenschutzexperte Köhncke. Dabei seien heute gerade einmal zwei Millionen der geschätzt zehn Millionen Arten auf der Erde wissenschaftlich untersucht. Im Zoo Leipzig leben etwa 850 Arten und Unterarten. Dieses Verhältnis zeigt: Die bedrohte Tierwelt kann der Mensch auf diese Weise nicht ansatzweise retten. Aber Zoos können dazu beitragen, dass sich viele Menschen für den Artenschutz engagieren. Dafür, so glaubt auch der WWF, müssten sie jedoch gut ausgestattet sein - wie der Zoo Leipzig, einer der renommiertesten Einrichtungen ihrer Art in Europa, mit dem der WWF kooperiert.

Einige Arten wurden in Zoos vor dem Aussterben bewahrt - der WWF spricht von einer Arche-Funktion. Jörg Junhold passiert mit den Journalisten das Gehege der Przewalskipferde. Die Tiere besiedelten einst die eurasischen Steppen, durch Jagd und Landwirtschaft ging der Bestand jedoch dramatisch zurück, 1969 wurden in der Mongolei die letzten Przewalskipferde gesichtet. In Menschenobhut überlebten schließlich 53 Tiere. Heute gibt es wieder über 500 in gut 90 Zoos, und es läuft die Auswilderung. "Im Herbst haben wir wieder zwei Tiere über Prag in die Mongolei gebracht", berichtet Junhold. Der Zoo in Tschechien koordiniert das Projekt und organisiert das Transportflugzeug.

Ankunft im Gondwanaland. Brillen und Kameraobjektive beschlagen in der feuchtwarmen Luft. In Europas größter zoologischer Tropenhalle herrschen stets um die 25 Grad Celsius. Vor einigen Tagen ist hier ein neuer Bewohner eingezogen: der Kronenmaki, eine katzengroße Lemurenart aus dem Norden Madagaskars, Schutzstatus: hoch. "Selbst in Madagaskar kommen diese Tiere nur auf einer Fläche vor, die so groß ist wie der Landkreis Leipzig", erläutert ein Tierpfleger, während eine Kollegin das noch scheue Weibchen mit Rosinen anlockt.

Das Tier stammt aus einem Zoo in England, weitere Artgenossen sollen folgen. Löffelhunde, die vorher hier lebten, wurden nach Frankreich abgegeben. Es ist ein Geben und Nehmen unter den Zoos in Europa, es gibt ein gut funktionierendes Netzwerk, wie Jörg Junhold erzählt. Denn bei allen Bemühungen um Artenvielfalt für die Besucher und Artenschutz für die Erde: Aus freier Wildbahn werden Tiere nicht mehr in Zoos geholt. "Die Zeiten", sagt Junhold, "sind lange vorbei."

 
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Onkel-Max-Frage
Hat das "Insellicht" wirklich etwas mit der Insel zu tun?
Onkel Max
Tomicek

Wir sind 1939 in eine Wohnung auf dem Kaßberg in Chemnitz gezogen und hatten dort bis 1948 keinen Strom, sondern in der Küche und Stube nur Gaslicht. In der Schlafstube war Gas verboten. Eine Freundin von mir wohnte ein Geschoss unter uns. Sie benutzte gelegentlich das Wort "Insellicht" und meinte damals dasselbe wie wenn wir heute vom Entzünden einer Kerze reden. Aber woher kommt dieser Ausdruck? (Diese Frage hat Helga Dorer aus Chemnitz gestellt.)

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