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Der NSU in Chemnitz: Polizeichef in Erklärungsnot

Der Polizeipräsident wusste nichts vom NSU-Trio in seiner Stadt, sagt er. Ein Fahndungs-Fax aus dem Jahr 2000 habe er nie erhalten.

Von Jens Eumann
erschienen am 22.10.2013

Dresden. Spätestens beim Überfall aufs dritte Geldinstitut sei klar gewesen, dass man Serientäter suche: Auftreten im Duett, brutales Vorgehen. "Dass zwei Tätergruppen in Chemnitz gleich vorgehen, war unwahrscheinlich", urteilte gestern Gunter Rechenberg, Ex-Leiter des Kommissariats Bandenkriminalität der Chemnitzer Kripo. Als Zeuge war er vor den Untersuchungsausschuss des Landtags zum Terrornetzwerk "Nationalsozialistischer Untergrund" geladen. Einen den Banküberfällen vorangegangenen Raub in einem Edeka-Markt im Dezember 1998, der jetzt als Überfalldebüt der Rechtsextremisten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gilt, habe man nicht zur Serie gezählt. "Weil ein Überfall auf eine Kaufhalle dilettantisch ist", so Rechenberg.

Angesichts der 30.000 Mark Beute gingen die Täter beim Debüt kaum dilettantisch vor. Auch die spätere Brutalität - einmal zertrümmerten sie Computer - war Kalkül. Sie schüchterten das Bankpersonal ein, damit man den Tresor öffne. Nur, dass sie sich nicht mit dem Kassenbestand zufriedengaben, erklärt die hohen Beutebeträge. Trotz zweier erfolgloser Überfälle belief sich die Durchschnittsbeute jedes der 14 Überfälle zwischen 1998 und 2011 auf über 38.000 Euro. Seit die Täter in einer Zwickauer Bank einen Angestellten anschossen, sei klar gewesen, "dass sie brandgefährlich sind", so Rechenberg. Doch zu keiner Zeit habe man die Überfälle mit abgetauchten Neonazis in Verbindung gebracht. Die Namen Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe habe er nach Auffliegen des Trios 2011 erstmals gehört, so Rechenberg.

Genauso äußerte sich der Chemnitzer Polizeipräsident Uwe Reißmann, der gestern auch vorgeladen war. Zur Zeit des Abtauchens des Trios hatte Reißmann die Polizeidirektion Zwickau geleitet, erst im August 1999 übernahm er die in Chemnitz. Trotz bundesweiter Fahndung nach dem Trio seien ihm die Namen nie untergekommen. Als die Linke-Abgeordnete Kerstin Köditz dem Polizeichef gestern ein Fax vorhielt, geriet er indes ins Schwimmen. Das Schreiben war 2000 im Nachhall einer TV-Fahndung polizeiintern versandt worden - laut Adressat auch an die Polizeidirektion Chemnitz. Chemnitz wird dort explizit als möglicher Aufenthaltsort des Trios genannt. "Das sehe ich zum ersten Mal", beteuerte der Polizeichef. Dass man zur Zeit, als in seiner Stadt die Raubserie begann, drei in Geldnot befindliche Neonazis dort vermutete, habe er nicht gewusst.

 
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