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Seilbahn Ein noch alltägliches Bild, das bald historischen Wert haben wird.

Foto: Wolfgang Thieme

Die Tage der alten Dame sind gezählt

Stadtrat von Oberwiesenthal entscheidet sich überraschend klar für eine neue Seilbahn

Von Gabi Thieme
erschienen am 08.07.2010

Oberwiesenthal. Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Oberwiesenthaler Stadträte eine Entscheidung von historischer Tragweite fällen sollen, hängt der Himmel voller dunkler Wolken. Der Fichtelberg ist in Nebel gehüllt - so als wollte er in Deckung gehen vor dem Ungemach, das über dieser außerordentlichen Stadtratssitzung liegt. Die beiden Gondeln der Schwebebahn haben gerade ihre letzte Fahrt des Tages absolviert. Um sie geht es am Donnerstagabend in einer langen und heißen Debatte. Die Straßen sind an diesem Dienstag gegen 17 Uhr wie leer gefegt. Dabei erfolgt der Anpfiff für das erste Halbfinalspiel der Fußball-WM erst in dreieinhalb Stunden. Auch von Ferientrubel ist auf dem Dach Sachsens wenig zu spüren.

Die Bürger sind gespannt

Kurz vor 18 Uhr strömen über 40 Oberwiesenthaler in Richtung Kirche. Im Saal des Familien- und Freizeitzentrums der Kirchgemeinde, wo die Stadträte zumeist tagen, reihen sich mehr Stühle als sonst an-einander. Auch Unternehmer Lutz Heinrich nimmt Platz. Er wundert sich, dass nicht noch mehr Leute gekommen sind. "Schließlich werden am Donnerstag die Weichen für die Entwicklung des oberen Erzgebirges gestellt. Das müsste doch jeden bewegen", meint er. Vor allem interessiert ihn und andere Besucher aber das Abstimmungsverhalten am Donnerstag.

Im Oberwiesenthaler Rat befinden neben dem Bürgermeister 14 Abgeordnete über die Belange der Stadt: jeweils fünf mit dem Mandat von FDP und CDU. Zwei sitzen für die Bürger von Wiesenthal und zwei für die Alternative-Freie Wählervereinigung im Rat. Es hat sich längst bis Dresden herumgesprochen und selbst EU-Parlamentarier wissen, dass die Diskussion um Sachfragen in der höchstgelegenen Stadt Deutschlands und im Wintersportmekka des Ostens regelmäßig in kleinkariertes Machtgezänk ausartet. Mehrheiten finden sich meist nur knapp, Entscheidungen fallen oft überraschend. Wird ein Vorschlag von der FDP-Fraktion unterbreitet, schmettert ihn die CDU ab - und umgekehrt.

Zwei Stunden müssen sich die Zuschauer gedulden, bis der Tagesordnungspunkt "Schwebebahn" aufgerufen wird. Die Tage der alten Dame sind gezählt. Seit 85 Jahren verrichtet die älteste Seilschwebebahn Deutschlands zur Personenbeförderung zuverlässig ihren Dienst. Seit 2005 allerdings mit einer Ausnahmegenehmigung, die Ende 2011 abläuft. Schon vor fünf Jahren hätte die 1985 eingebaute Steuerung durch eine neue ersetzt werden müssen. Aus Kostengründen einigte man sich damals auf einen Kompromiss. Es wurde eine zusätzliche Überwachungsanlage für die Steuerung installiert, doch die Genehmigung auf sechs Jahre befristet.

Seit einem Jahr beschäftigt sich Bahn-Chef Wolfgang Schmiedl mit der Frage, was 2011 mit der Pendelbahn geschehen soll. Sie gehört, wie alle Liftanlagen in Oberwiesenthal - ausgenommen die Vierer-Sesselbahn -, der Fichtelbergschwebebahngesellschaft, kurz FSB. Diese ist eine 100-prozentige Tochter der Stadt. Deshalb hat nicht Geschäftsführer Schmiedl das letzte Wort, sondern der Stadtrat zu entscheiden. Dem sitzt die Zeit im Nacken. Zur Wahl stehen an diesem Abend drei Alternativen: Stilllegung, Generalsanierung oder Bau einer völlig neuen Bahn an etwa gleicher Stelle. Seit Monaten wird nicht nur im oberen Erzgebirge kontrovers und mit viel Herzblut darüber diskutiert. Auch an diesem Abend streiten sich zwei Lager - heftig und manchmal unkultiviert.

Für und Wider ohne Ende

"Ich möchte den 100. Geburtstag der Bahn erleben. Das sind noch 15 Jahre, die wir mit einer Sanierung doch hinkriegen müssten", argumentiert der frühere Bürgermeister Heinz-Michael Kirsten (CDU). Auch sein Parteifreund Jens Ellinger ist für den Erhalt der alten Schwebebahn. "Erst wenn ein Masterplan für das gesamte Skigebiet vorliegt, in 10 oder 15 Jahren, sollten wir neu über die Bahn reden."

Neben ihm sitzt Elektromeister Hans-Jürgen Ludwig. Der CDU-Politiker darf nicht mitreden: wegen Befangenheit. Er hatte im Vorfeld der Sitzung nicht nur versucht, die Weichen Richtung Sanierung zu stellen, sondern auch kundgetan, wie billig seine Firma das hinkriegen würde. Als Quittung gab es vom Landratsamt, der Kommunalaufsichtsbehörde, dafür sozusagen die rote Karte.

Während Ludwig nicht darf, will Oberwiesenthals prominentester Bewohner offenbar nicht mitreden. Jens Weißflog sitzt für die CDU im Stadtrat. Bei der letzten Wahl erhielt er die meisten Stimmen aller Kandidaten. Kein Wort kommt über seine Lippen. Bei der Abstimmung votiert er gegen den Neubau.

Nicht so der Unternehmer Karl-Ludwig Taulin (FDP). Er erinnert daran, wie unrentabel die alte Bahn ist. Im Gegensatz zu den anderen Liften der FSB fährt sie Verluste ein. "Wir müssen aus dem Minus raus und die Attraktivität der Bahn und des Skigebiets erhöhen", mahnt er an. "Egal, wie wir am Donnerstag entscheiden: Wir werden es nicht allen recht machen können. Wenn wir uns für die Reparatur für mehr als eine Million Euro entschließen, machen wir uns die Tür für einen Neubau zu." Auch Siegfried Kuhnt (FPD) rückt die Wirtschaftlichkeit in den Fokus. "Unsere Bahn erfüllt diesen Anspruch nicht, deshalb müssen wir über eine neue diskutieren." Mit acht Ja- und drei Nein-Stimmen bei einer Enthaltung fällt die Entscheidung am Ende überraschend klar für den Neubau aus. Zwei Abgeordnete fehlen.

Zweite Runde nach Sommerpause

FSB-Chef Schmiedl, dem zwei Stunden zuvor von einem Wirtschaftsprüfer ein Super-Zeugnis für die Arbeit im Geschäftsjahr 2008/2009 ausgestellt wurde, hat klare Vorstellungen zur Finanzierung des Vorhabens. Er geht von sieben Millionen Euro Kosten aus. 1,5 Millionen stehen aus Rücklagen zur Verfügung, 30 Prozent der Investitionssumme könnten über Fördermittel abgedeckt werden. Für 3,4 Millionen Euro will er Bankkredite aufnehmen. Angesichts eines 2009 erreichten Jahresüberschusses der FSB-Gesellschaft von 373.000 Euro ist dies aus seiner Sicht kein aussichtsloses Unterfangen.

Ursprünglich sollten die Stadträte auch darüber entscheiden, welche Art von Bahn künftig zum Gipfel pendeln soll. Doch weil die Sitzung dann vermutlich kein Ende gefunden hätte, beließ es der Rat bei der Grundsatzentscheidung. Zugleich wurde Bahnchef Schmiedl beauftragt, bis zur nächsten Sitzung im September konkrete Angebote für verschiedene Varianten einzuholen. Kostengrenze: sieben Millionen.

 
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