Menü
 
Die bandkeramischen Brunnen wurden im August im Abbaufeld Peres des Braunkohletagebaus Vereinigtes Schleenhain gefunden. Zwei der insgesamt neun neolithischen Artefakte wurden als Erdblock eingeschalt, um sie zur weiteren Untersuchung unter Laborbedingungen in eine Halle nach Großstolpen transportieren zu können.

Foto: C. Schubert/Landesamt für Archäologie Bild 1 / 3

Forscher bergen "Schatz" aus der Steinzeit

Älter als Stonehenge: Archäologen haben in einem Tagebau bei Borna 7000 Jahre alte Brunnen entdeckt. Was werden die Funde den Wissenschaftlern über unsere Vorfahren verraten?

Von Patrick Herrl
erschienen am 09.12.2015

Großstolpen. Sie funkeln weder hell noch glänzen sie golden. Trotzdem sind es Schätze, die Forscher derzeit in einer Halle in Großstolpen bis ins kleinste Detail untersuchen: zwei Brunnen aus der Steinzeit. Ans Tageslicht gekommen sind die mehr als 7000 Jahre alten Artefakte bei Grabungen im Tagebau Vereinigtes Schleenhain bei Borna - zusammen mit zahlreichen weiteren Funden. Die Brunnen aber spielen für die Wissenschaftler eine besondere Rolle. "Sie sind wahre Wunder, zählen weltweit zu den ältesten erhaltenen Holzbauwerken", sagt Christoph Heiermann, Sprecher des Landesamtes für Archäologie in Sachsen.

Seit mehr als drei Jahren graben Archäologen im Abbaufeld Peres. Auf einer Fläche von zehn Hektar wurde ein jungsteinzeitliches Dorf mit 65 Häusern gefunden. Zudem Tausende Gefäßbruchstücke, Steinbeile, Pfeilspitzen und andere Artefakte. Etwas außerhalb der 5300 bis 5000 vor Christus datierten Siedlung entdeckten Forscher schließlich ein wahres Brunnenfeld mit neun jungsteinzeitlichen Brunnen. "Dabei hatten wir zunächst eher einen Bombentrichter vermutet", erklärt Grabungsleiter Frank Schell.

Zwei der kulturhistorischen Schätze wurden aufwendig geborgen. Statt sie wie üblich vor Ort auszugraben, wurden die Kastenbrunnen mitsamt Erde in tonnenschweren Blöcken eingeschalt, aus dem Boden gehoben und in eine Lagerhalle transportiert, wo sie Forscher unter Laborbedingungen freilegen. "In Europa wurden erst 42 solcher bandkeramischen Brunnen entdeckt, 13 davon in Sachsen", erläutert Heiermann die archäologische Besonderheit des Freistaats.

Die gesamte Kultur jener Zeit wurde nach den Linienbändern benannt, mit denen die Vorfahren ihre Keramik verzierten. Doch warum ist die Jungsteinzeit für Wissenschaftler so bedeutsam? Das Neolithikum gilt als kulturelle Blütezeit in Mitteleuropa. Menschen wurden sesshaft, erste Dörfer entstanden. Der Übergang vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern, Viehzüchter und Zimmermann. Weshalb, darüber sind sich Forscher uneins.

Die Untersuchung der Brunnen soll nun helfen, neue Erkenntnisse über unsere Vorfahren zu gewinnen. Noch heute sind die Wasserspender besonders gut durchfeuchtet. "Unter diesen Bedingungen erhalten sich organische Materialien ausgesprochen gut", erläutert Heiermann. Nicht nur die bearbeiteten Holzstämme, aus denen die Brunnen gefertigt wurden, sind für die Archäologen "wahre Fundgruben", sondern auch die darin erhaltenen Pflanzen- und Tierreste. "Während manche Brunnen geradezu fundleer sind, bieten andere archäologische Ausnahmefunde in Hülle und Fülle. Einige sind so fundreich, dass es den Anschein hat, sie wurden final auch als Opferplatz oder Müllgrube genutzt", erklärt Heiermann.

Wie der kleinere Brunnen, der fast vollständig mit Pinseln und Zahnarztbesteck von Sand und Erde befreit wurde. Die entdeckten Insektenreste, Körner, Pollen, Wirbelknochen vom Rind sowie der Lindenbast, aus dem Leinen und Schnüre hergestellt wurden, sollen nun Rückschlüsse auf die Lebensverhältnisse, die Arbeitstechniken, die Umwelt, die Landwirtschaft, das Klima, das Ökosystem zulassen.

Während die Fundstücke zur genaueren Untersuchung und besseren Konservierung nach Dresden transportiert werden, widmen sich Schell und seine beiden Kolleginnen ab Frühjahr dem größeren Brunnen, den sie monatelang Schicht für Schicht unter die Lupe nehmen. Schell ist gespannt: "Das ist wie ein Überraschungsei. Wir müssen schauen, was drin ist."

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Lesen Sie auch:
  • 07.06.2016
  • freiepresse.de
  • Wirtschaft regional
Mibrag stellt Bauabschnitt für Tagebau-Erweiterung fertig 

Zeitz (dpa) - Die Erschließung eines neuen Abbaufeldes der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag) kommt voran. Im Tagebau Schleenhain ist ... weiter lesen

  • 23.06.2016
  • freiepresse.de
  • Sachsen
Jens Trenkler/Archiv
Debatte um Braunkohle-Folgekosten, Grüne: Mehr Sicherheit 

Dresden (dpa/sn) - Sachsen muss nach Ansicht der Grünen die Steuerzahler gegen Risiken des Braunkohleabbaus absichern. Im Kern geht es ihnen dabei um ... weiter lesen

  • 15.04.2016
  • freiepresse.de
  • Sachsen
Königstein: Erster Nachweis für bronzezeitliche Siedlung 

Königstein (dpa/sn) - Bei Ausgrabungen auf der Festung Königstein (Sächsische Schweiz) haben Archäologen über 3000 Jahre alte Scherben geborgen. «Das ... weiter lesen

  • 23.06.2016
  • freiepresse.de
  • Sachsen
Demografische Spaltung: Viele zieht es in «Schwarmstädte» 

Dresden (dpa/sn) - Volle Städte, leere Dörfer: In Sachsen üben Leipzig, Dresden, Freiberg und Chemnitz eine besondere Anziehungskraft vor allem auf junge ... weiter lesen

 
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)

 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Unsere Top-News bei Whatsapp & Co.

MorePixels/istockphoto.com

Weitere Informationen finden Sie hier

 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm