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Freistaat hält schützende Hand über Kinder und Jugendliche
Mehr als ein Viertel der Mädchen und Jungen war zuletzt auf eigenen Wunsch anderweitig untergebracht
Chemnitz. Wenn Alltagsprobleme die Familie zu erdrücken scheinen, wenn Gewalt und Alkohol das Sagen haben, sind es meistens die Kinder, die darunter leiden. Denn nicht selten lassen Vater oder Mutter ihren Frust am Nachwuchs aus.
Dann kann in vielen Fällen nur noch Vater Staat helfen. Und das tut er unter anderem, indem er Mädchen und Jungen vorübergehend in seine Obhut nimmt. In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Anzahl dieser Schutzmaßnahmen in Sachsen erhöht: Im Vorjahr wurden 2114 Fälle und damit 155 mehr als 2009 gezählt. Laut Statistischem Landesamt wurden damit - rein rechnerisch versteht sich - sechs Kinder pro Tag aus ihren Familien herausgeholt. Sachsens Kommunen haben für diesen Schutz von 2007 bis 2009 insgesamt 14,86 Millionen Euro ausgegeben.
Gründe für den Schutz gibt es viele. Da geht es um den Verdacht auf sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung, Straftaten, aber auch um derbe sowie "schlagkräftige" Auseinandersetzungen. "Die Palette ist tatsächlich vielfältig", sagt Matthias Lang, Vorstandsvorsitzender des Vereins Kinderarche Sachsen, der zu jenen Einrichtungen gehört, die auch Kinder und Jugendliche in Obhut nehmen. Auslöser für all die Konflikte wären auch das Leben mit Hartz IV, Arbeitslosigkeit generell und die damit verbundene Ausweglosigkeit. Probleme mit Alkohol und Drogen würden das ihre dazu tun, so Lang.
Menschen schauen genauer hin
Die Zahlen der Statistik sprechen für sich. Gesundheitsministerin Christine Clauß (CDU) lässt wissen, dass sie besorgt darüber ist. Trotzdem könne der Anstieg dieser Schutzmaßnahmen auch als Zeichen dafür gewertet werden, dass die Gesellschaft sensibler geworden sei, die Behörden eher reagieren und genauer hinschauen, sagt sie.
Hinweise kommen von Mitarbeitern der Jugendämter und Polizei sowie von Betroffenen selbst. Diejenigen, die sich selbst bei den Ämtern melden, um aus ihrer Familie herauszukommen, nennen vor allem Überforderung ihrer Eltern sowie Beziehungsstress als Gründe für ihr "Ausreißen". Mehr als 200 Mal meldeten sich aber auch Verwandte, Nachbarn, Lehrer, Erzieher und Ärzte bei den Behörden. Zudem haben auch Eltern gebeten, ihr Kind in Obhut nehmen zu lassen.
In vorübergehenden Schutz genommen werden Kinder jeden Alters. Vom Baby bis zu 18-Jährigen. Erschreckend sei, dass bei der Gruppe der unter Dreijährigen seit längerem eine stetige Zunahme verzeichnet werde, heißt es aus dem Ministerium. Deshalb müssten die in den vergangenen Jahren initiierten Präventionsmaßnahmen kontinuierlich weiterentwickelt werden, unterstreicht Ministerin Clauß.
Für die meisten Kinder und Jugendlichen sei eine Inobhutnahme ein schwerer und einschneidender Schritt. "Es handelt sich um Krisenintervention", betont Arche-Chef Lang. "Das heißt, es muss von jetzt auf gleich gehandelt werden." Deshalb orientiere man auch darauf, diese Hilfe so kurz wie möglich zu halten. Schließlich gehe es darum, Angebote für das Bewältigen der Krise und für das Leben danach zu finden - stets im Miteinander mit dem Jugendamt und den Erziehungsberechtigten, wie Matthias Lang sagt.
Hälfte kehrt nachhause zurück
Zur in Obhutnahme von Kindern und Jugendlichen hat die Arche auch eine Einrichtung in Lichtenberg. "Wir können hier bis zu fünf Kinder und junge Leute von sechs bis 17 Jahren aufnehmen", meint Michael Schott, der für Einrichtungen des Vereins im Mittelsächsischen verantwortlich ist. "Wir sichern zunächst eine Rundumbetreuung", so Schott. Dazu gehöre, wenn nötig, auch eine medizinische Versorgung. Gehe es gut aus, sei das Ganze in Stunden oder innerhalb einer Nacht geklärt. Da ging es dann meistens um Streitereien zwischen den pubertierenden Kindern und deren Eltern. Insgesamt betrug die Verweildauer in Sachsen bei rund einem Drittel der Fälle zwei Tage, bei mehr als 40 Prozent zwölf.
Die Hälfte der Betroffenen kehrte ins gewohnte Umfeld zurück. Bei fast 600 schlossen sich erzieherische Hilfen außerhalb des Elternhauses an. Etwa die gleiche Zahl wurde auf eigenen Wunsch anderswo, etwa Pflegefamilie, untergebracht.