Altenpflege Als Pfleger auf Zeit versorgte der CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Baumann im Katharinenhof Wohnpark Warmbad, Haus Quellenhof, die 92-jährige Bewohnerin Erna Reuter und half ihr beim Trinken. Die frühere Gelenauerin lebt seit sechs Jahren in der Einrichtung.

Foto: Thomas Fritzsch

"Ich schäme mich dafür, dass Pflegekräfte so wenig verdienen"

CDU-Bundestagsabgeordneter Günter Baumann über seinen Tag als Pfleger im Katharinenhof Warmbad

Warmbad. Nach sechs Stunden Arbeit im vollstationären Pflegebereich des Katharinenhofes Wohnpark Warmbad erlebte Gudrun Müller beim Gespräch in der Pause einen nachdenklichen CDU-Bundestagsabgeordneten Günter Baumann.

"Freie Presse": Der Politiker als Pfleger, ein neuer PR-Gag?

Günter Baumann: Es ist mir egal, wie Sie das betrachten und was andere darüber denken. Ich habe dafür Beweggründe: Denn wir Politiker reden oft und viel von Dingen, von denen wir wenig Ahnung haben. Deshalb gehe ich in meinem Wahlkreis regelmäßig in eine Einrichtung, meist sind es Unternehmen. Aber ich war auch schon in vier Pflegeeinrichtungen, nicht um sie zu besichtigen, sondern um dort zu arbeiten.

Lässt man sich als Abgeordneter die Probleme nicht schildern?

Man kann nicht alles beschreiben und erklären, manches muss man selbst erleben. Auch wenn die Arbeit an einem Tag nur einen winzigen Einblick vermittelt.

Und was bleibt an Eindrücken von diesem Tag?

Betroffenheit, Nachdenklichkeit und Bilder, so von einer jüngeren Frau im Wachkoma. So schnell werde ich diese Eindrücke nicht aus dem Kopf bekommen. In unserer Spaßgesellschaft sind die Themen Alter, Krankheit und Pflege nicht sonderlich attraktiv, werden meist verdrängt. Auch wir Politiker machen da absolut keine Ausnahme. Aber es kann jeden von uns treffen.

Und wie haben Sie Ihre Arbeit als Pfleger empfunden?

Es ist eine außerordentlich anstrengende Tätigkeit. Einmal körperlich, da trotz aller Technik schwer gehoben werden muss und täglich auch ganz schöne Strecken zurückzulegen sind. Es ist eine Arbeit mit enormen seelischen und psychischen Belastungen. Und diese Arbeit, das sage ich klipp und klar, wird zudem nicht ordentlich bezahlt. Damit meine ich nicht eine Einrichtung, sondern Pflege in Deutschland wird generell unterbezahlt. Ja, ich schäme mich als Bundestagabgeordneter dafür, dass die Leute so wenig verdienen. Ich sage nach dem heutigen Tag auch ehrlich, diese Arbeit kann keine Frau bis 67 machen.

Neben der notwendigen finanziellen Anerkennung gehört sicher auch die moralische dazu. Und das nicht nur bei den Pflegekräften, sondern auch bei den Frauen, die selbst vollberufstätig sind, und ihre Eltern pflegen.

Das stimmt. Das hat auch etwas damit zu tun, dass wir die Pflege der alternden Gesellschaft stärker in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rücken müssen.

Das sind keine ganz neuen Erkenntnisse. Was können Sie als Politiker bewegen. Sie sitzen ja zudem nicht im Sozial-, sondern im Petitionsausschuss?

Natürlich kann ich nächste Woche kein Gesetz in den Bundestag einbringen, der eine bessere Entlohnung der Pflegekräfte vorsieht. Aber ich kann mit meinen Erfahrungen das Thema in der Fraktion und in den zuständigen Ausschüssen ansprechen, immer wieder.

Es wurde ja Ende Juni erst das Pflegeneuordnungsgesetz beschlossen, das eine Anhebung der Pflegeversicherung um 0,1 Prozent vorsieht.

Wenn wir menschlich pflegen wollen, reicht das nicht. Trotzdem wird es Bürger geben, die über die Anhebung jammern. Wir geben 52 Prozent vom Bundeshaushalt für die Sozialleistungen aus, das ist sehr viel. Aber sind es immer die richtigen Leistungen, die wir bezahlen? Müssen wir nicht Anreize schaffen, dass noch mehr Hartz-IV-Empfänger wieder in Lohn und Brot kommen ...

... beispielsweise auch als Pflegekräfte. Wir reden ja immer davon, dass es einen Bedarf an Pflegepersonal gibt.

Den Bedarf habe ich zwar in der Einrichtung nicht gespürt, der Katharinenhof ist schon eine Vorzeigeeinrichtung. Aber es ist eine Tatsache, dass wir in der Pflege mehr Fachkräfte und mehr Pflegehelfer brauchen. Darüber müssen wir uns Gedanken machen. So habe ich hier eine Frau kennengelernt, die bekommt eine zweite Ausbildung als Pflegefachkraft nicht bezahlt. Da sollten gerade in solchen Berufen, in denen dringend Leute benötigten werden, Lösungen gefunden werden.

Was haben Sie als Anregung von den Pflegekräften noch mitgenommen?

Ich habe hier gehört, dass Sachsen kein eigenes Pflegegesetz hat. Das war mir neu. Da stehe ich nicht so im Stoff. Darüber werde ich aber mit der sächsischen Sozialministerin Christine Claus sprechen. Eine Erkenntnis aus der heutigen Arbeit ist auch, dass wir in Sachsen eine Beratungsstelle benötigen, die zwischen den Familien und den Einrichtungen steht. Eine neutrale Beratung, keine der Krankenkassen.

Sicher haben Sie zudem mehrfach von den Pflegekräften gehört, dass der bürokratische Anteil ihrer Arbeit viel zu hoch ist.

Stimmt, das höre ich in jeder Pflegeeinrichtung. Davon ist bestimmt vieles notwendig, um sich abzusichern. Aber der Umfang der Schreibarbeit gehört auf den Prüfstand, weil diese Zeit in der Pflege, in der Betreuung und in der Zuwendung fehlt. Auch das habe ich selbst gespürt.

 
erschienen am 12.07.2012
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
8
(Anmeldung erforderlich)
  • 13.07.2012
    22:20 Uhr

    Matthias1: @ Finnas: "wer verhindert Mindestlöhne": Das kann ich gerne beantworten. Es war die SPD, 2005 im Wahlkampf für Mindestlöhne agitierte, dann aber 2007 im Bundestag gegen einen Antrag stimmte, der zur Gänze dem entsprach, was man im Wahlkampf den Wählern vorgelogen hatte. Die SPD hat die Mindestlöhne verhindert. Die Partei von Herrn Baumann zwar auch, aber diese hat zumindest immer dazu gestanden und nicht das Gegenteil von dem versprochen als sie umgesetzt hat.
    Überhaupt sollte man Herrn Baumann nicht so zusetzen: Der ist schließlich auch nicht mehr der jüngste und wird sich vermutlich auch Gedanken darüber machen, welcher unterbezahlte Bundesfreiwilligendienstleister ihm eines Tages die Schnabeltasse reichen und die Windeln wechseln wird. Das ist menschlich verständlich und sollte hier nicht verlacht werden.

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  • 13.07.2012
    19:26 Uhr

    finnas: Es ehrt Herrn Baumann, dass ihm die Bedingungen im Pflegebereich an die Nieren gehen, aber irgendwie kommt er mir naiv vor. Was kann man denn erwarten, wenn alles dem Profit unterliegt ? Auch die Pflege kranker Menschen muß Gewinn bringen, da sind die Pflegekräfte der Ausbeutung schutzlos ausgesetzt, solange es keine gesetzlichen Mindestlöhne gibt. Und wer verhindert die ?

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  • 13.07.2012
    15:41 Uhr

    Matthias1: @ Jothade: Bis 67 zu pflegen ist kaum denkbar, da haben Sie recht. Aber wollen wir doch bitte fair bleiben und klarstellen, dass die zynische Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 Jahre (in Frankreich gibt es gerade eine Senkung auf 60 Jahre!) die Idee des unsozialsten Sozialdemokraten Müntefering war.

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  • 13.07.2012
    15:39 Uhr

    Matthias1: Da hat der Herr Baumann nach Jahren im Bundestag endlich ein Problem erkannt. Schuld ist und war aber auch die Politik. Noch erbärmlicher bezahlt werden nämlich die BuFDies und früher vor allem die Zivildienstleistenden, die zu Zwangsarbeit im Pflegebereich verdonnert waren und dafür weniger als 350 Euro pro Monat bekamen (für Vollzeitarbeit auch nachts und am Wochenende und voll abrechenbare Pflegeleistungen). Diese Konkurrenz von Billigstarbeitskräften, die der Staat den Pflegeheimen oder Sozialdiensten zutreibt, macht den ganzen Arbeitsmarkt kaputt. Arbeitgeber im Pflegebereich werden gegenüber regulären Arbeitskräften immer unverschämter, weil sie auf die Billigkonkurrenz aus früheren Zwangsdiensten und heute FSJ und Bundesfreiwilligendiensten verweisen können. So gibt es einerseits immer mehr unausgebildetes Personal, andererseits immer schlechtere Anstellungsbedingungen für ausgebildetes Personal, das Verträge unter der eigenen Qualifikation angeboten bekommt. Wenn Günter Baumann etwas ändern will, kann er dies einerseits im Bundestag tun. Andererseits könnte er auch einmal mit seinem Parteifreund, dem Ex-Innenminister Seiters (CDU) reden, der seit Jahren an der Spitze einer solchen großen sozialen Organisation steht, an deren Basis wirklich keine guten Arbeitsbedingungen herrschen.

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  • 13.07.2012
    13:53 Uhr

    Jothade: So isses!
    Die einen sind die rabenschwarzen Krähen. Die anderen Krähen unterscheiden sich nur darin, dass sie überm schwarzen Federkleid gelbe oder rote Lackierungen tragen...
    Und bekanntlich hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus.

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