Eigentlich eher auf Mäuse aus, gerät auch der Mäusebussard immer wieder ins Visier von Greifvogel-Häschern.
Foto: Andreas Kretschel
Jagd auf Greifvogel-Häscher
Abschüsse, Fangkörbe, Vergiftungen: Um ihren Bestand zu schützen, greifen manche Geflügelzüchter zu fragwürdigen Methoden
Leipzig. Das Corpus Delicti sieht ein wenig aus wie ein zu klein geratenes Eishockey-Tor mit einem Drahtkäfig darunter. Die markante Form offenbart sich allerdings erst, wenn die Falle zugeschnappt ist. Auf dem Schuppendach des Kleingartens an der Riesaer Straße in Leipzig war zunächst nur der Käfig auszumachen, auf dem eine tote Taube lag. Die horizontal ausgeklappten Netze konnte man aus der Ferne nicht erkennen. Doch haben auch Vogelschützer mitunter Adleraugen. Mit denen erspähte ein Mann, der auf dem Friedhof Leipzig-Sellerhausen an der aktuellen Singvogelzählung teilnahm, die seltsame Apparatur zuerst - noch vor jenem Habicht, für den sie bestimmt war. Einem Anruf beim Komitee gegen den Vogelmord folgte klare Order: Sofort die Polizei einschalten!
Exotisches im Polizei-Alltag
Wenig später sicherte Polizeihauptmeister Ralf-Peter Kostka im Kleingarten, dessen Pächter einen Taubenschlag unterhielt, die Spuren. Die beringte Taube, die als Köder hatte dienen sollen, dient nun als Beweismittel, der aufgestellte Habicht-Fangkorb ebenso. "So etwas ist mir in all den Jahren noch nicht untergekommen", sagt Kostka. Entsprechend froh war er über sachkundige Hilfe der Vogelschützer und des Veterinäramts.
"Im Polizeialltag eine exotische Situation", räumt Axel Hirschfeld vom Vorstand des Komitees ein. Der Verband mit Sitz in Bonn setzt sich europaweit für den Schutz von Vögeln ein. Auch wenn den Polizisten vom Leipziger Revier Nord-Ost ein solcher Fall bisher nicht unterkam, beklagt das Komitee seit Jahren die Unterwanderung europäischer Tierschutzgesetze, die sämtliche Greifvogelarten unter Schutz stellen. Allein in den vergangenen anderthalb Wochen wurden drei Habichtfangkörbe sichergestellt. Neben dem in Leipzig gab es weitere in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen.
"Im Westen ist es noch schlimmer, aber auch bei uns nimmt das zu", sagt Hartmut Meyer, Geschäftsführer des Vereins sächsischer Ornithologen. 2011 wurden in Meißen und Schöneck Fallen sichergestellt. Und auch andere Formen nimmt die Jagd auf Greifvögel an. 2010 wurden Nestbäume von Seeadlern und Sperbern gefällt. Ein Rotmilan und ein Sakerfalke wurden abgeschossen. "Im Rümpfwald bei Glauchau habe ich Klettereisenspuren an Bäumen gefunden, in denen Habichte und Raben nisteten", berichtet Meyer.
Sachsens polizeiliches Auskunftssystem zu Straftaten nach dem Bundesnaturschutzgesetz listet von 2006 bis 2011 zwar nur zehn Fälle auf, bei denen Greifvögel gefangen, vergiftet oder abgeschossen wurden, doch laut Meyer ist das nur die Spitze des Eisbergs. "Illegale Greifvogelverfolgung hat eine hohe Dunkelziffer", sagt der Ornithologe aus Hohenstein-Ernstthal. Der Habicht sei das Hauptopfer, aber auch der oft mit ihm verwechselte Mäusebussard sei betroffen. Abschüsse, Fangkörbe, Vergiftungen, geplünderte Nester. Der mit letzteren verbundene Handel mit Vogeleiern, für die Sammler mitunter hohe Preise zahlen, möge eine Nischenerscheinung sein, doch generell nehme die Jagd auf Greifvögel überhand, sagt Meyer. Manche Jäger sähen in ihnen Konkurrenten, Geflügelzüchter eine Bedrohung ihres Bestandes. Nachstellungen können nach dem Bundesnaturschutzgesetz zwar sogar mit Haft von bis zu fünf Jahren bestraft werden. "Aber außer bei Wiederholungstaten geht das meist milde aus", beklagt Meyer.
Ein Kuriosum: Obwohl das Aufstellen der Habicht-Fangkörbe unter Strafe steht, sind Verkauf und Besitz legal. "Das versuchen wir mit einer Gesetzesinitiative zu ändern", sagt Axel Hirschfeld vom Komitee gegen den Vogelmord. Von den zahlreichen Anbietern im Internet verweisen nur einige auf das Verbot, ihre Produkte zu benutzen. Andere werben stattdessen gleich für weitere Utensilien. Kunden, die den Artikel kauften, hätten sich auch für den "Deutschen Schwanenhals" entschieden, wirbt ein Anbieter für ein Fangeisen, das Füchse und Dachse gleich beim Zuschlagen tötet.