Traubeneiche auf Stieleiche (von links nach rechts), Ulme, Kiefer und Lärche. 
Traubeneiche auf Stieleiche (von links nach rechts), Ulme, Kiefer und Lärche.

Foto: Wolfgang Schmidt

Klimawandel im Gewächshaus

Sachsenforst erhält bedrohte Baumarten und untersucht Auswirkungen veränderter Klimabedingungen

Graupa. In der Kinderstube herrscht Ruhe. Die Winzlinge gedeihen prächtig. Nein, die Rede ist nicht von properen Mädchen und Jungen. Die Rede ist von Mini-Bäumen im neuen Forschungsgewächshaus des Staatsbetriebes Sachsenforst in Graupa (Sächsische Schweiz-Osterzgebirge). Heino Wolf reibt sich zufrieden die Hände. Er steht vor einer von sechs pollendichten Glaskabinen und begutachtet Pflanzen in Blumentöpfen.

"Das sind Schwarzpappeln", klärt der Referats-Chef Forstgenetik und -pflanzenzüchtung auf. "Mitte Mai geht's raus in die Natur. Bis dahin werden sie hier nach modernsten Methoden gehegt und gepflegt." Kaum gesagt, fällt, wie von Geisterhand gesteuert, feiner Sprühnebel auf die Pflanzen - eine Hochdruck-Nebelanlage macht es möglich. Hier sind also auch Wettermacher am Werk? Martin Förster, gelernte Gärtnermeister und Glashaus-Chef, schmunzelt. "Ja, Licht, Luft, Regen - alles steuerbar. Wir können mit speziellen Lampen den Tag verlängern oder durch entsprechende Steuerung von Wassergaben und Temperaturen Trockenheit erzeugen." Und warum das alles? "Für den Waldumbau brauchen wir leistungs- und widerstandsfähige Bäume, solche, die dem Klimawandel trotzen", so Wolf. Deshalb müssen sich Pflanzen hier auch im Trockenstress behaupten - unter Kontrolle versteht sich.

Fitte Pflanzen für Waldumbau

Hinten auf dem Rolltisch stehen gepfropfte Pflanzen: Kleine Reißer wurden auf Äste gesetzt. "Gute Arbeit", meint Wolf. "Die Wunde ist mit Baumwachs luftdicht abgeschlossen - so können Reiß und Ast richtig zusammenwachsen." Er streicht über einen kleinen Ast: "In diesen kleinen Reißern steckt die genetische Information von 300-, 400-jährigen Traubeneichen." Die Exemplare hier stammen aus dem Tagebau Nochten in der Niederlausitz. Zwar werden dort alle Altbäume abgeholzt, doch mithilfe der Arbeit der Forstleute werden sie in Samenplantagen erhalten, um ihr Saatgut für die spätere Rekultivierung nutzen zu können. Aber auch bei der Gründung neuer, standortgerechter Mischwälder sind Trauben- und Stieleiche mit 17 Prozent dabei. Dieses Jahr werden von diesen Arten 1,5 Millionen gepflanzt.

Und die Schwarzpappeln? Für die neue Generation, die in Graupa gedeiht, wurden von 90 Bäumen insgesamt 1800 Steckhölzer geschnitten, die in den Töpfen Wurzeln schlagen. "Wir betreiben Gen-Erhaltung - wohlgemerkt keine Gen-Veränderungen", stellt Wolf klar. Dabei geht es nicht nur um reine Waldbäume wie Weißtanne, sondern generell um Gehölze, die stark gefährdet sind, teils auf der Roten Liste stehen. In Sachsen sind das ein Drittel der heimischen 35 Arten. Darunter die Schwarzpappel. In Deutschland gibt es mindestens noch 45.000 Exemplare. Nicht viel für eine Baumart, die einst die Fluss begleitenden Weichholzauwälder geprägt hat. Das hat ein von der Bundesregierung finanziertes Projekt zur Erfassung und Charakterisierung der Schwarzpappel herausgefunden. Im Freistaat wurden an Elbe, Neiße und Mulde gerade noch 900 Bäume gefunden. Wolf weiß, warum die Art so selten geworden ist: "Hauptgrund ist das Verschwinden ihres Lebensraumes, sprich die ungezähmten Auen großer Flüsse, wo der Mensch Flussläufe begradigte, Auen rodete und das Grundwasser absenkte." Neben der Arterhaltung, die letztlich auch das Ökosystem rund um die Bäume wieder ins Gleichgewicht bringt, geht es um die Bereitstellung von mehr hochwertigem Holz.

Holzlieferant gefragt wie nie

Die Nachfrage ist groß - von der Holz- und Energiewirtschaft. Das stellt Forstwirtschaft und -wissenschaft vor neue Herausforderungen. Die Pappel ist ein Hoffnungsträger. Sie wächst schnell: in einem Jahr zwei bis drei Meter, im günstigen Fall bis zu vier Meter. Deshalb wird ihr Anbau auf Plantagen in der Landwirtschaft favorisiert. Aus dem Holz werden Pellets für die Energiegewinnung oder Spanplatten. Doch die Pappel allein macht es nicht. Der Wald bleibt wichtiger Wirtschaftsfaktor - muss weiter Holz liefern. Forstleute wissen, dass ihnen vorgeworfen wird, zu viel Holz zu schlagen. Heino Wolf hält dagegen: "Jedes Jahr stellt der Sachsenforst eine Millionen Kubikmeter des Holzes bereit. Es wächst aber noch mehr nach als eingeschlagen wird. Der Holzvorrat ist so hoch wie nie -- pro Hektar sind es zurzeit 317 Kubikmeter."

 
erschienen am 29.04.2012 ( Von Renate Färber )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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