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Mensch im Kampf gegen "Killerkeime" immer zweiter Sieger
Die Mikroorganismen machten unser Leben erst möglich
Chemnitz/Berlin. Wischen ist zur Wissenschaft geworden. Auf der Intensivstation für Schlaganfall-Patienten im Klinikum Chemnitz taucht eine Reinigungsfrau einen weißen Lappen in die Desinfektionslösung. Sie wringt ihn aus, zieht ihn über den Wischer. Sie wischt mehrfach um das Bett eines Patienten. Blitzblank. Wer glaubt, sie sei fertig, als sie den Lappen in einen Beutel verschwinden lässt, der anschließend zur Desinfektion kommt, irrt. Sie wiederholt die Prozedur mit einem neuen Lappen.
Wer die Reinigung auf Station beobachtet, erkennt, dass das "Keim"-Problem keines ist, das sich mit mangelnder Sauberkeit erklären lässt. Da hätte man vor Jahren, als die Hygienevorschriften noch nicht genormt waren, viel mehr bakterielle Infektionen registrieren müssen, die unbeherrschbar sind. Unbeherrschbar wie jene Erreger, die die Universitätskliniken in Bremen und Leipzig in die Schlagzeilen gebracht haben. Fieberhaft sucht man hier nach den Quellen tödlicher Infektionen. Doch warum sind nicht mehr alle Bakterien beherrschbar?
Man muss die vergangenen 80 Jahre betrachten, um den Kampf des Menschen gegen die Bakterien zu verstehen. Nils-Olaf Hübner, Leiter des Fachgebiets Angewandte Infektions- und Krankenhaushygiene beim Robert-Koch-Institut Berlin, beginnt beim Penicillin. Das Antibiotikum war seit den 1940er-Jahren genutzt worden und wirkte sicher bei Wundinfektionen. Damals wirkte es auch gegen Staphylokokken, die wichtigsten Wundinfektionserreger. "Mediziner glaubten, sie hatten eine Wunderwaffe. Penicillin wurde sogar in Zahnpasta gemengt, als Prophylaxe gegen Karies." Doch dann stellten Forscher fest, dass das Antibiotikum einigen Staphylokokkenstämmen nichts anhaben konnte. Umso mehr Penicillin verwendet wurde, umso häufiger fand man diese resistenten Erreger.
Penicillinresistente Staphylokokken - das waren die "Killerkeime" der 1940er-, 1950er-Jahre. Die Forschung entwickelte neue Antibiotika: das Methicillin, ein Verwandter des Penicillins, war wirksam und schien die Lösung zu sein: Man überlegte ernsthaft, es in Krankenzimmern zu vernebeln. Doch bald breiteten sich auch hiergegen resistente Stämme aus. Fachbegriff: methicillinresistenter Staphylococcus aureus, kurz MRSA. Antibiotika sind Gifte, die in den Stoffwechsel der Bakterien eingreifen und diese abtöten. Gerade weil sie zugleich relativ unschädlich für den Menschen sind, kann man sie hoch dosieren und die Infektionserreger treffen, ohne den Menschen zu schädigen. Zu viel oder falsch eingesetzte Antibiotika scheinen zunächst keine negativen Folgen für den Menschen zu haben. Solcher Missbrauch fördert aber die Ausbreitung resistenter Stämme, die dann kaum zu behandeln sind. "Bakterien sind nicht ,dumm‘. Einige haben nach zufälligen Veränderungen in ihrem Erbgut gelernt, mit Zellgiften umzugehen. Diese Bakterienstämme haben einen Vorteil gegenüber antibiotikaempfindlichen Stämmen und können sich ausbreiten." So erklärt Hübner, warum es heute mehrfach resistente oder eben multiresistente Stämme gibt.
Lange sei die Medizin vor dem Problem weggelaufen, indem man sich darauf verlassen habe, dass neue Antibiotika entwickelt werden. Doch genau das falle Forschern immer schwerer. "Es wird immer komplizierter, weitere Punkte im Stoffwechsel der Bakterien zu finden, an denen man an- und eingreifen kann. Es müssen Punkte sein, die es im menschlichen Stoffwechsel nicht gibt", so Hübner. Zusammenfassend könne man sagen: Die Krankheitserreger lernen, gegen jede neuentwickelte Substanz resistent zu werden. Gleichzeitig nimmt die Entwicklungsmöglichkeit für neue Antibiotika ab.
Ernst-Wilhelm Schmidt, Chefarzt am Chemnitzer Klinikum und spezialisiert auf Pneumologie, Intensivmedizin und Onkologie, weist zudem darauf hin, dass die Patienten heutzutage oft älter sind als jene vor Jahren. Ihr Immunsystem ist häufig sehr geschwächt; Bakterien haben leichtes Spiel. Nicht zuletzt werden Erkrankungen behandelt, für die es vor Jahren keine Therapie gab, sagt Schmidt. Gerade bei der Krebsbekämpfung werde durch Chemotherapie die Immunabwehr des Patienten geschwächt. "Das hat zur Folge, dass Mikroorganismen, die der Mensch im Normalfall abwehrt, zur tödlichen Bedrohung werden können", so der Chemnitzer Professor. Ähnlich ist es bei Transplantationen, die es früher nicht gab.
Schmidt und seine Mitarbeiter wehren sich deshalb gegen pauschale Vorwürfe wie den, dass durch schlechte Hygiene in Krankenhäusern mehr Menschen sterben würden als im Straßenverkehr. Eine Milchmädchenrechnung! Nicht nur, weil die bei Unfällen Verletzten in Krankenhäusern behandelt und in der Regel gesund entlassen werden. Sondern vor allem, weil Kliniken naturgemäß nur Menschen aufnehmen, die krank und somit infektionsanfällig sind. Sterben sie, ist es kaum möglich, den Nachweis zu führen, was todesursächlich war. Die Grunderkrankung oder die Infektion. Doch selbst wenn ein resistentes Bakterium als Ursache nachgewiesen wird, kann man noch nicht auf Hygienemängel schließen.
Schmidt kennt den Vorwurf, Mediziner würden mit dem Verweis auf schwere Grunderkrankungen alle Verantwortung von sich schieben. Er hält dem entgegen, dass Therapien nicht immer anschlagen. "Ärzte stehen häufig mit dem Rücken zur Wand. Nicht alles ist beherrschbar. Es gibt Situationen, in denen wir nicht wissen, was im Patienten abläuft." Der Widerspruch sei, dass gerade aufgrund des hohen medizinischen Standards viele Menschen kaum glauben wollen oder können, dass ein Bakterium oder ein Pilz ein schwerer Gegner sein kann.
Diese "Macht der Bakterien" kommt nicht von ungefähr. Sie erklärt sich evolutionsbiologisch. "Diese Lebewesen sind nicht nur viel älter als wir", sagt Nicole Popp, Leiterin der Krankenhaus- und Umwelthygiene am Klinikum Chemnitz. Jede menschliche Zelle besitzt, so hat man es in Biologie gelernt, ein Mitochondrium. Dieses Kraftwerk treibt die Zellvorgänge an. Spannender jedoch als das Unterrichtswissen ist die Kenntnis, dass die Mitochondrien aus Bakterien entstanden sind, die in der Entwicklungsgeschichte in die Zellen wanderten. So lebt im Mensch in jeder Zelle ein Abkömmling eines Bakteriums - neben den vielen Bakterien, die überall am Körper siedeln und zum Überleben notwendig sind. Darmbakterien sichern die Verdauung, und sie können außerhalb des Darmes tödliche Infekte auslösen.
Hört man Popp zu, erlebt man ihre Faszination für die Bakterien. "Sie waren die Ersten, die da waren, die Ersten, die Sauerstoff produziert und die Zellteilung vollzogen haben. Sie können fremde DNA aufnehmen und die da gespeicherte Erbinformation nutzen und weitergeben. Sie können mit einem Ruhestoffwechsel jahrelang ohne Aktivität überleben. Sie können viele Materialien als Nahrungsquelle nutzen: Benzin, Holz, Abwasser..."
Fähigkeiten, die ihre Überlegenheit zeigen. So groß die Bewunderung, so groß ist zugleich der Respekt der Mediziner vor den Lebewesen, die ohne Hilfsmittel nicht einmal sichtbar sind. "Will man im Kampf gegen multiresistente Bakterien Fortschritte erzielen, muss man sich verhalten wie ein Gärtner, der immer wieder Unkraut jätet, Hecke schneidet und den Rasen mäht", zieht RKI-Fachgebietsleiter Hübner einen Vergleich. Erstens sei ein rationaler Umgang mit Antibiotika erforderlich. Die richtige Substanz, in der richtigen Menge, zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Dauer. Zweitens gehe es um ein Management für Patienten, die derartige Keime tragen. Bei MRSA-Trägern könne der Erreger entfernt werden. Dabei werden Nase, Mund und Haut mit Antiseptika behandelt. Im günstigen Fall habe man nach einer Woche Erfolg. Drittens werde nach neuen Substanzen gegen Bakterien geforscht. "Aber das allein rettet uns nicht", ist sich Hübner sicher.
Die Theorie ist das eine. Die Mediziner am Chemnitzer Klinikum müssen sie umsetzen. Seit rund zehn Jahren untersucht man Risikogruppen auf multiresistente Erreger. Patienten aus anderen Krankenhäusern, jene mit entsprechenden Krankheitsbildern, Patienten auf Intensivstationen, aber auch Personen, in deren Umfeld eine entsprechende bakterielle Erkrankung aufgetreten ist. MRSA-Patienten werden isoliert und "saniert". Seit wenigen Tagen wird auch auf gefährliche Darmkeime, wie sie in Leipzig gefunden worden, gescreent. Um den Einsatz der Antibiotika zu optimieren, nahm - ebenfalls bereits vor Jahren - eine Kommission ihre Arbeit auf. Ihr gehören Fachärzte, Mikrobiologen, Krankenhaushygieniker und Apotheker an, die Empfehlungen zum Medikamenteneinsatz aussprechen und auch an Visiten teilnehmen.
Bleibt die allgemeine Hygiene. Karina Riemer überwacht die konkrete Einhaltung der Vorschriften in den Stationen. Wischen, und nochmal wischen. Händedesinfektion. Instrumente sterilisieren. "Wir unterbrechen die Infektionskette durch zigmalige Händedesinfektion. Aber schon wenn wir auf dem Weg vom Desinfektionsspender zum Patienten uns einmal an die Nase greifen und ihm dann die Hand geben, können wir wieder einen Erreger an den Fingern haben und übertragen", sagt sie. "Die Basis zur Bekämpfung der krankmachenden Erreger bleibt die Hygiene. Sie ist das Fundament. Aber noch lange nicht das Haus."