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Post vom Plagiatsjäger
Ein Fachhochschul-Professor will Doktorarbeiten von Politikern überprüfen - Wenig Resonanz
Dresden (dapd-lsc). Fast hätte Edith Franke die E-Mail vom Plagiatsjäger übersehen. Erst durch den Wirbel um die Doktorarbeit von Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU), dem unsolide wissenschaftliche Arbeit vorgeworfen wird, erinnerte sich die Vizepräsidentin des Landtags an ein Schreiben, das sie im Juli erhalten hatte. Uwe Kamenz, ein Fachhochschul-Professor aus Münster, bat die 68 Jahre alte Linke-Politikerin mit Doktortitel darin, ihm ihre Dissertation zu schicken. Zudem sollte sie einwilligen, die Arbeit von 1971 über "Einige Faktoren und Triebkräfte schöpferischer Masseninitiative in automatisierten Kraftwerken" im Internet zu publizieren.
Franke ist nicht die einzige Abgeordnete, die Kamenz angeschrieben hat. Der Professor, der an der Fachhochschule Dortmund Betriebswirtschaftslehre lehrt, hat sich an bundesweit 461 promovierte Politiker, darunter 19 aus Sachsen, gewandt.
Allen erläutert Kamenz, dass er wegen der Debatte um Plagiate die "Qualität der Dissertationen aller aktuellen und ehemaligen Politiker" prüfen wolle. Dabei sollten nicht zuerst "schwarze Schafe" aufgespürt, sondern die "überwiegend erbrachte hochwertige wissenschaftliche Leistung der Politiker" in den Blickpunkt gerückt werden.
Überzeugt scheinen die Politiker bisher nicht zu sein: Erst 70 Abgeordnete hätten geantwortet, drei davon aus Sachsen, sagt Kamenz. Die meisten reagierten wie Liane Deicke, promovierte Chemikerin aus der dortigen SPD-Fraktion: Sie sagt, dass ihre 1991 publizierte Doktorarbeit zur "Herstellung von fremdsalzarmen Caesium-Konzentraten aus Sorbaten von Spaltproduktlösungen" in der Deutschen Nationalbibliothek "für jedermann frei zugänglich" ist. Die meisten Arbeiten, sagt Kamenz, bestelle er denn auch per Fernleihe aus Bibliotheken. Von den Autoren geschickt bekam er erst fünf Dissertationen.
Dabei hat Kamenz viel vor: 1.000 Dissertationen aktiver und früherer Politiker will er an seinem "ProfNet Institut für Internet-Marketing" digitalisieren und mittels einer Software auf "Plagiatsindizien" prüfen lassen. Bereits im September soll ein erstes "Ranking" veröffentlicht werden. Kamenz engagiert sich nach eigenen Worten seit Jahren gegen Plagiate, die er "abschaffen" wolle.
Der Wirbel um teilweise abgekupferte Doktorarbeiten von Politikern wie Karl-Theodor zu Guttenberg habe dem Thema öffentliche Aufmerksamkeit verschafft, die er nutze, sagte Kamenz. Dass er auf weitere Plagiate stößt, hält er für wahrscheinlich: "Bei zehn Prozent aller Doktorarbeiten wurde nicht sauber gearbeitet."
Andere Plagiatsjäger beobachten die Aktion mit Argwohn: Beim Internetportal VroniPlag, wo derzeit die Doktorarbeit des Dresdner Kultusministers Wöller geprüft wird, diskutiert man im Forum gar, ob Kamenz eine "Abmahnung" erhalten soll. Dieser dokumentiere auf seiner Homepage bisher nur Fälle, die von VroniPlag und dem Schwesterportal GuttenPlag aufgedeckt worden seien. Zudem werde zu Unrecht behauptet, im Unterschied zu Kamenz habe VroniPlag bei Dissertationen, die nur auf Papier vorlägen, keine Chance.
Die Doktorarbeiten sächsischer Abgeordnete liegen zum Teil lange zurück. "Copy and Paste", also die Übernahme von Textstellen aus dem Internet, hätte bei ihm schon deshalb nicht funktioniert, "weil meine Arbeit noch auf der Schreibmaschine entstanden ist", sagt der Grüne Karl-Heinz Gerstenberg, der 1979 über die "Herstellung von Ganzseiten mittels rechnergesteuertem Lichtsatz" promovierte.
Edith Franke schrieb an Kamenz, das einzige ihr bisher bekannte Exemplar ihrer Arbeit bestehe aus Ormig-Abzügen - Produkten einer antiquierten Vervielfältigungstechnik, die sehr empfindlich sind. Immerhin: Durch Kamenz' Recherchen stieß Franke darauf, dass zwei weitere Exemplare ihrer Arbeit in einer Bibliothek erhalten sind. Was deren wissenschaftliche Qualität anbelangt, hat sie ein gutes Gewissen: "Die Quellenangaben umfassen allein 30 Seiten."
dapd