Sachsen: Strecken für Riesenlaster stehen fest

Nach vielen Querelen gibt es jetzt grünes Licht für Lang-Lkw

Dresden/Chemnitz. Auf allen sieben Autobahnen in Sachsen sowie auf weiteren 21 autobahnnahen Nebenstrecken dürfen mit Beginn des nächsten Jahres Riesenlaster im Rahmen eines bundesweiten Feldversuchs rollen. In der Summe wurden dafür 460 Kilometer Autobahnen und weitere 125 Kilometer Bundes-, Staats- und Kreisstraßen genehmigt. Ausgenommen sind in Sachsen auf Autobahnen zwei Abschnitte wegen fehlender Nachfrage: auf der A 17 von Dresden-Prohlis bis zur tschechischen Grenze sowie auf der A 4 von Niederseifersdorf bis zur polnischen Grenze. Wie Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) der "Freien Presse" bestätigte, werden bundesweit rund 400 Fahrzeuge in dem Versuchszeitraum von fünf Jahren den Test mitmachen. Die Strecken wurden von 14 Transport- und Logistikunternehmen, darunter fünf sächsischen, beantragt.

Keine 60-Tonner erlaubt

Sachsen gehört zu den sieben Bundesländern, die sich an dem umstrittenen Test beteiligen. Minister Morlok argumentiert als Befürworter unter anderem damit, dass im vergangenen Jahr allein im Freistaat rund 38.000 Streckengenehmigungen für Sonderfahrzeuge erteilt wurden. Bei jedem Zweiten habe es sich um Fahrzeuge mit übergroßen Abmessungen gehandelt. Bei den kontrovers diskutierten Riesenlastern handle es sich im Grunde um etwas Ähnliches. Ihr Gewicht sei auf maximal 44 Tonnen begrenzt. Ängste, dass Brücken oder Fahrbahnen der Last nicht standhalten, seien daher unbegründet, so der Minister. Im Gegenteil: Da die Ladung von drei herkömmlichen Lastern nun von zwei Fahrzeugen transportiert wird, sinke die Belastung der Straßen und letztlich auch der Umwelt.

"Die Zahl der Lang-Lkw während des Tests ist, gerechnet auf die einzelnen Länder, so gering, dass sie von der Mehrzahl der Verkehrsteilnehmer wohl gar nicht wahrgenommen wird", ist Morlok überzeugt. In Sachsen seien die Brummis nur auf vier Prozent des überörtlichen Straßennetzes unterwegs. Auch das Argument, es würde damit mehr Verkehr von der Schiene auf die Straße verlagert, statt das Gegenteil zu tun, lässt der Minister nicht gelten: "Wir haben im Schienenbereich gar keine freie Kapazitäten."

Unter den 200 Speditionsunternehmen, die den Test mitmachen, sind auch sächsische. Sie müssen sich auf eigene Kosten und eigenes Risiko die neuen Fahrzeuge anschaffen, dürfen sie aber nur auf den genehmigten Strecken zu ganz konkret benannten Zielen einsetzen. Eine entsprechende Bundesverordnung, die den Feldversuch erlaubt und zum 1. Januar 2012 in Kraft treten soll, steht noch aus.

Straßenbauämter ahnungslos

Laut Wirtschaftsministerium wird es Fahrten von und zu Autoherstellern und ihren Zulieferern, zu Kunststofflieferanten, zum Flughafen Leipzig-Halle, zu den großen Logistikzentren, Unternehmen im Bereich leichter Baustoffe und Dämmmaterialien sowie einem Lebensmittelmittelhersteller geben. Die Straßenverkehrsbehörden der Regionen hätten geprüft, auf welchen Strecken außerhalb der Autobahnen die Riesenbrummis während des Feldversuchs fahren können.

Nach "Freie Presse"-Recherchen ist weder das Straßenbauamt Chemnitz noch das in Plauen mit seiner Außenstelle Bad Schlema involviert gewesen. Der Leiter der Chemnitzer Behörde, Karsten Mühlmann, hält beispielsweise die B 101 von der Anschlussstelle Siebenlehn der A 4 bis zur Molkerei Freiberg für "alles andere als ideal", denn die meisten Ausbauabschnitte dieser stark frequentierten Trasse befinden sich noch in Planungsphasen. Vor allem im Winter gibt es auf der Strecke oft Probleme. Der Chef der Spedition Thermo Transport Nossen, der sich um die Teilnahme am Feldversuch beworben hatte, sieht das gelassen: "Ob ich mit einem normalen Lkw im Schnee stecken bleibe oder mit einem Gigaliner, das kommt doch auf dasselbe raus." Bis heute habe er aber keine Information darüber, ob er am Großversuch teilnehmen kann. "Die Zeit läuft uns davon. Es muss ja nicht nur das Fahrzeug gekauft, sondern auch der Fahrer geschult werden." Das Unternehmen fährt beispielsweise Ehrmann-Produkte zwischen der Molkerei Freiberg und dem Allgäu.

Verkehrsexperten befürchten zudem, dass die Gewichtsbegrenzung von 44 Tonnen nicht eingehalten wird. Regelmäßige Großkontrollen durch die Polizei würden immer wieder zeigen, dass "geladen wird, was drauf geht", weil die Gefahr der Entdeckung gering ist und die Speditionen unter massivem Wettbewerbsdruck stehen.

Kritisch bleibt die B 95

Auch dass die B 95 ab der neuen A-72-Anschlussstelle Penig bis zur Kreuzung mit der B 7 bei Frohburg und diese dann weiter Richtung Thüringen befahren werden darf, ist angesichts der problematischen Ortsdurchfahrt in Altmörbitz unter Fachleuten umstritten. Minister Morlok sieht die Trasse dagegen "in einem guten Ausbauzustand". Beworben hat sich hier für den Test die Baumann-Spedition Dresden, die auf der Strecke regelmäßig Gemüse von Ostsachsen nach Thüringen bringt. Ein Okay gebe es noch nicht, daher habe er die Umrüstung eines Fahrzeuges noch nicht in die Wege geleitet. "Vom Gewicht her würden wir die Anforderungen erfüllen", sagte Firmenchef Jörg Baumann.

Wissenschaftlich begleitet wird der Feldversuch durch die Bundesanstalt für Straßenwesen. Sie soll fundierte Aussagen darüber treffen, ob und inwieweit Fahrzeuglängen in Deutschland angesichts der infrastrukturellen Gegebenheiten erhöht werden können. Untersucht werden zum Beispiel mögliche Auswirkungen von Lang-Lkw auf die Sicherheit und den Ablauf des Verkehrs sowie hinsichtlich der Effizienz und des Umweltschutzes.

 
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Sachsen: Strecken für Riesenlaster stehen fest
Routen und einige Besonderheiten
 
erschienen am 04.12.2011 ( Von Gabi Thieme )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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