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Sachsen hält am Sitzenbleiben fest
Schwachen Schülern bleibt auch künftig "Ehrenrunde" nicht erspart - Zweifel werden lauter
Dresden. Im Für und Wider über das Sitzenbleiben hat Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (58, parteilos) jetzt ein Machtwort gesprochen: Schüler im Freistaat werden nicht wie in anderen Bundesländern in reformpädagogische Watte gepackt. Nach ihrer und der Ansicht der Regierungskoalition aus CDU und FDP bleibt es für leistungsschwache Schüler bei - wie Kurth es nennt - einer "Ehrenrunde". Für sie ist die Wiederholung eines Schuljahres keine Katastrophe, sondern Chance zum Neustart. Für diese Haltung erhält die Ministerin auch Zuspruch von Lehrern und Eltern. Doch das Blatt wendet sich.
Angefacht hat die seit Jahren schwelende Diskussion die neue rot-grüne Koalition in Niedersachsen. Jetzt will auch sie perspektivisch das Sitzenbleiben abschaffen. Berlin, Bremen und Hamburg sind bereits dabei, andere Länder stehen in den Startlöchern. Ehrenrunden gelten inzwischen als "Vergeudung von Lebenszeit". Bildungsökonomen verweisen auf enorme Zusatzkosten im Bildungssystem von bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr sowie höhere Steuerausfälle durch verzögerte Erwerbstätigkeiten.
Sachsen hat derzeit pro Schuljahr etwa 5300 Sitzenbleiber. Diese Zahl wächst leicht an, was dem Trend steigender Schülerzahlen entspricht. Im Schnitt wiederholen derzeit 1,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine Klasse. Was wenig klingt, summiert sich im Laufe eines "Schülerlebens" nach Experten-Meinung, sodass am Ende jeder fünfte sächsische Schulabgänger eine Klasse wiederholt hat. Dieses Schicksal traf nach offiziellen Statistiken seit 2006 fast 40.000 Schüler der allgemeinbildenden Schulen Sachsens.
Der Bildungsforscher Wolfgang Melzer, Chef des Instituts für Schulpädagogik an der TU Dresden, hat eigene Erfahrungen mit Sitzenbleibern. "Viele geraten nach dem Extrajahr schnell wieder in schwierige Wasser", weiß er. Melzer, der regelmäßig an Schulstudien für die Weltgesundheitsorganisation mitarbeitet, verweist darauf, dass besonders geförderte schwache Schüler ohne Sitzenbleiben schulisch besser über die Runden kommen, als mit "Ehrenrunde". Er plädiert für weniger Schulnoten und mehr individuelle Leistungsbewertungen, für mehr Förderung und kein Sitzenbleiben.
Der Sächsische Lehrerverband (SLV) ist auch ins Grübeln gekommen. Für Landeschef Jens Weichelt gehört Sitzenbleiben zur Leistungsgerechtigkeit, eine Versetzung sollte niemand geschenkt bekommen. "Aber es ist auch richtig, dass wir nach Möglichkeiten suchen müssen, um alle so zu fördern, dass keiner mehr sitzen bleibt", fordert er.
Damit ist Weichelt in guter Gesellschaft: Der deutsche PISA-Koordinator Andreas Schleicher, Bildungsexperte bei der internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), verweist gern auf Finnland und Japan. Beide Spitzenländer bei den PISA-Vergleichen kennen das Sitzenbleiben nicht. An ihrem Beispiel macht er gern fest: "Man muss den Fokus auf das Lösen von Problemen legen, nicht auf das Abwälzen."
16:23 Uhr
Zugereiste: @Oskar75: Wieso "verallgemeindernd"? Dann ist es Ihre Darstellung auch. Ich habe expressis verbis von "z.T. auch gerne abgegeben" geschrieben, weil ich es so erlebt habe. Es gibt da eine Schere bei manchen Eltern, einerseits will man sich nicht reinreden lassen und wehrt sich vehement, fordert auf der anderen Seite aber, dass wesentliche Dinge der Staat, die Schule, der Kindergarten, die Allgemeinheit übernehmen.
Zum Schulansatz: Maria Montessori würde mit Sicherheit niemals behaupten, dass ein "System" für alle passt. Allerdings weiß man das tatsächlich erst später. Auch das von Ihnen vorgeschlagene Modell (Lerngruppen und Arbeitsgemeinschaften widersprechen dem Modell Maria Montessoris ja gar nicht, im Gegenteil) hätte daher die gleichen Probleme. Wir werden nicht das eine allein selig machende Schulmodell finden, es wird immer Kinder geben, die durch die Maschen fallen. Sei es weil sie hoch oder minder begabt sind, sei es, dass sie zu faul, zu schüchtern, zu "Was-auch-immer" sind. Allerdings "schwache" und "starke" Kinder möglichst lange zusammen lernen zu lassen, führt zu einer Demotivation beider Gruppen. Die starken Kinder werden unterfordert, die schwachen Kinder werden sich immer schlecht vorkommen. Das kann keine echte Alternative sein (abgesehen mal davon dass es an manchen Gesamtschulen ja so praktiziert wird).
15:48 Uhr
Oskar75: @ zugereiste: Ich weiß nicht, was Sie für Erfahrugnen gemacht haben um diese verallgemeinerte Sicht hier so kundzutun. Ich erlebe es regelmäßig, das die Eltern die Verantwortung abgeben müssen nicht wollen, denn dies kann der Preis ist für ein Leben außerhalb von HarzIV sein.
Was Ihren Bildungsansatz betrifft, teile ich insoweit Ihre Meinung, dass es eine Reihe von Kindern gibt, die damit sehr gut zurecht kommen und auch gute bis hervorragende Leistungen erbringen können. Aber mindestens die gleiche Anzahl der Kinder ist mit diesem Bildungsansatz oder sage ich besser Schulmodell hoffnungslos überfordert und bekommt irgend wann, meist leider zu spät die Quittung dafür...
Aber, wie ich in meinem voerigen Statement schon sagte, bei einem längeren gemeinsamen Lernen gibt es die Möglichkeit, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Ich sage nur Lerngruppen und Arbeitsgemeinschaften - oder sollte ich das lassen, weil es zusehr nach DDR-Schule klingt?
15:40 Uhr
Oskar75: @f1234: Nein, zwangsläufig als Hinterungsgrund ist das auch meinerseits nicht gemeint. Allerdings sind die Erwartungen von Schule und Lehrerkollegium hinsichtlich der Bereitschaft der Eltern bzgl. Einsatz für die Kinder meist so hoch, dass gerade in ländlichen Gebieten es quasi selbstverständlich ist, ständig mit PKW für einen "Kindertransport" zur Verfügung zu stehen.
Sobald irgend etwas außerhalb des regulären Unterrichtes stattfinden soll, ist es selbstverständlich, dass die Kinder gebracht und geholt werden, den Schülerverkehr oder ÖPNV gibt es zu diesen Zeiten meist gar nicht mehr.
Der Lösungsansatz für die überwiegende Zahl der Probleme im Bildungsbereich ist m.E. ein längeres gemeinsames Lernen von Starken und Schwachen Schülern in einer deutlich wohnortnäheren Schule als es die meisten in der Region sind. Außerdem gehört eine deutlich höhere gesamtgesellschaftliche aber auch einzelfamiliäre Anerkennung des Lehrerberufes und damit eine bessere Motivation der Lehrer selbstverständlich dazu, wobei Anerkennung nicht zwingend monetärer Art sein muss und soll.
15:04 Uhr
f1234: @Oskar75: Ich glaube nicht, dass die von Ihnen beschriebenen Umstände die Eltern zwangsläufig hindert, ihren Kindern Werte zu vermitteln, die ihnen helfen, ihr Leben zu meistern. Ganz im Gegenteil, vielleicht lernen die Kinder sogar mehr vom Leben, wenn sie sehen, wie sich ihre Eltern täglich aufopfern müssen. Und womöglich ist es ihnen noch mehr Ansporn, eine gute Bildung und Ausbildung zu erreichen. Um irgendwann eben nicht für ein Leben "kurz oberhalb von Hartz4" - Niveau 12 Stunden täglich pendeln zu müssen.
14:44 Uhr
Zugereiste: @Oskar und f1234: Das ist die Krux. Eltern wird Verantwortung abgenommen (bzw. wird z.T. auch gerne abgegeben und gefordert), Erziehungstätigkeit auf Kindergarten und Schule verlagert. Das kann auf lange Sicht nicht gut gehen.
Es gibt eine Schulform, auf der ich einstmals war, die viele Dinge umfasst, die hier und auch an anderen Stellen immer wieder gefordert wird, nämlich die Montessorischulen. Das ist keine Kuschelpädagogik, man tanzt nicht seinen Namen, man bekommt Noten wie jeder andere auch und muss mindestens so viel leisten wie Schüler anderer Schulmodelle. Das Ziel Maria Montessoris, die der Meinung war, dass Kinder gerne lernen, aber immer nur das zu der Zeit, zu der sie es wirklich lernen wollen (und im steten Vergleich mit ihren Klassenkameraden werden Kinder zum Weiterlernen animiert), war es, das Lernen zu lernen. Dann kann man sich nahezu jedes Wissen aneignen, zumindest bis zu einem gewissen Punkt:
- nicht zu große, aber auch nicht zu kleine Klassen (Klassenstärken zwischen 14 und 20 Schülern war bei uns normal. Zu kleine Klassen sind auch kein Heilmittel, im Gegenteil.)
- Lehrer als Helfer, nicht als Pauker
- Mitschüler als Lehrer
- freie Übergänge zwischen Schulklassen, gerade fächerabhängig (wer gut im Englischen ist muss nicht gut in Mathe sein und umgekehrt)
- freies Wählen bestimmter Lerninhalte innerhalb definierter Parametern (mehr ist dabei immer möglich)
- freies und selbstständiges Arbeiten, gerne auch mal an außerschulischen Lernorten
- Konkurrenz durch Vergleich, wirkt oft besser als Noten
- soziale Kompetenz wird gefördert dank Zusammenarbeit. Jeder Schüler kann etwas, es ist nicht immer nur einer "Klassenbester" und "Klassenschlechtester".
...
Das klingt ein wenig idealtypisch, aber ich habe viele der oben genannten Dinge tatsächlich in meiner (meist schönen) Schulzeit erleben dürfen. Bedeutet im Umkehrschluss aber, dass Lehrer sich auf eine vollständig andere Form des Lehrens einlassen müssen und dass Eltern sich (wieder) für ihre Kinder engagieren.