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Sachsen ist das Schultüten-Land

Zwei Firmen decken Großteil des Bedarfs in Deutschland - Kreationen werden immer aufwendiger

Ehrenfriedersdorf/Lichtentanne (dapd-lsc). Die Schulanfänger dieses Jahres wünschen sich vor allem Bilder von Autos und Pferden auf ihren Schultüten - aber nicht irgendwelche. "Jungen wollen Disney-Cars, und Mädchen lieben Filly-Pferdchen", sagt Bettina Nestler. Die 26-Jährige kümmert sich in der Nestler GmbH Feinkartonagen in Ehrenfriedersdorf im Erzgebirge um Marketing und Design der Schultüten.

Die studierte Medienmanagerin soll in absehbarer Zeit die Leitung des sächsischen Familienbetriebs von ihrer Mutter Ursula übernehmen. Hin und wieder entwirft sie am Computer neue Motive, aber die meisten orientieren sind an dem, was Kinder heute kennen: Sammelfiguren wie die Filly-Pferdchen, Comics, Fernsehserien und der Marken-Kult bei Spielwaren bestimmen das Aussehen von Schultüten.

Kinder wie die sechsjährige Clara aus dem benachbarten Annaberg-Buchholz sind da eher die Ausnahme. Sie liebt Katzen. Deshalb wird ihre Schultüte, die sie am 19. August erhält, auch mit Motiven dieser Tiere bedruckt sein. Der Katalog der Firma Nestler präsentiert Tüten in 65 Motiven und sechs Größen - teils rund, teils eckig. Früher beliebte Tier- oder Märchenmotive sind erst auf den hinteren Seiten zu finden.

Märchenbilder sind out

"Mit Märchenbildern können Sie heute keinen Siebenjährigen mehr begeistern", sagt Ursula Nestler. In ihrer Firma werden die Papperzeugnisse zum Füllen seit mehr als 100 Jahren gefertigt. Etwa 70 Prozent werden jährlich neu entworfen. Der Trend geht zu immer mehr "Drumherum" wie Borten, Blüten, Glitzerzeug.

An der Schultüte werde nicht gespart, erklärt auch Klaus Roth. Der Chef der Roth Edition GmbH in Lichtentanne nahe dem sächsischen Zwickau hat sich ausführlich mit dem seit dem 19. Jahrhundert bekannten Brauch beschäftigt, Schulanfängern den ersten Schultag zu versüßen. 2004 stieg er in die Fertigung ein. Roth spricht von einem Nischenprodukt, das hauptsächlich von sehr kleinen Betrieben hergestellt werde.

"Bundesweit beschäftigen sich vier Firmen mit Schultüten, davon drei in Sachsen", sagt Roth. Der Freistaat decke etwa 80 Prozent des fast ausschließlich auf Deutschland begrenzten Bedarfs ab.

Konkurrenz aus China befürchten die Tütenmacher nicht. "Bei Schultüten muss man schnell sein, innerhalb einer Woche liefern können", sagt Ursula Nestler. Mit sächsischen Partnern für den Druck und die Accessoires gelinge das.

Trotz rückläufiger Kinderzahlen in Deutschland hat das Unternehmen seine Produktion in den vergangenen Jahren gesteigert. "Dieses Jahr sind wir bei 1,8 Millionen Stück, nächstes Jahr wollen wir die Zwei-Millionen-Marke knacken", sagt Nestler.

Jeder Schulanfänger bekommt sieben Zuckertüten

Wettbewerber Roth hat ausgerechnet, dass auf jeden Schulanfänger statistisch sieben Tüten kommen. Da sei dann aber alles dabei, von der 50 Zentimeter großen Tüte von der Oma bis zum Präsent für Bruder oder Schwester, meist 35 Zentimeter lang, sowie sogenannte Streuartikel für die Dekoration der Festtafel.

"Mit der Schulanfangsfeier ist mal ein guter Brauch aus den neuen Bundesländern im Westen übernommen worden", sagt Roth. Dazu trügen nicht zuletzt die vielen ausgewanderten jungen Leute bei. Außerdem habe der Markt im Westen erkannt, dass der Schulanfang ein Wirtschaftsfaktor sei, an dem Floristen, Gastronomen, Papierwarenhändler, Fotografen und andere verdienten.

Gleichwohl bedienen die sächsischen Hersteller mit diversen Bastelsets auch die in Süddeutschland verbreitete Gepflogenheit, selbst gefertigte Schultüten zu überreichen. Wie der Absatz beider Hauptproduzenten zeigt, erhalten Kinder in Ostdeutschland nach wie vor die größeren Zuckertüten, meist sechseckig und 85 Zentimeter. Im Westen sind den Angaben zufolge 70 Zentimeter lange, runde Tüten die Favoriten.

Der simple Pappbehälter für einen Tag ist dennoch gut für Innovationen. So haben die Ehrenfriedersdorfer die Zwölfeck-Tüte auf den Markt gebracht. Die Firma aus Lichtentanne punktet mit der (roten) Roth-Spitze gegen das Wegknicken des sensiblen Endes. Darüber hinaus gehören heute Einladungs- und Tischkarten, Servietten, Namensschleifen und anderes mehr zum Angebot rund um den großen Tag der Kleinen.

An den Schleifenenden von Claras Tüte werden übrigens, passend zur obendrauf sitzenden Plüschkatze, kleine Mäuse baumeln. "Wie wir das hinkriegen, müssen wir noch probieren, denn das gibt es mit Sicherheit nicht fertig", sagt Claras Vater.

(http://www.nestler-gmbh.de/; http://www.roth-edition.de/)

dapd/sw

 
erschienen am 05.08.2011
© Copyright dapd Nachrichtenagentur GmbH
 
Kommentare
1
(Anmeldung erforderlich)
  • 05.08.2011
    12:30 Uhr

    RabenschwarzesICH: Mäuse an den Schlaufenenden sollten doch kein Problem sein. Die Lösung:
    Schokoladen oder Schaummäuse :-) .Gibts beides. Man muss nur wissen wo ;-)

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