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Sachsens Freiwilligen Feuerwehren fehlt der Nachwuchs

Auch älteste deutsche Wehr in Meißen braucht dringend mehr Leute

Meißen (dapd-lsc). Sie sind der ganze Stolz der Meißener Freiwilligen Feuerwehr: Neun moderne Einsatzwagen, die weit mehr können als nur Brände zu löschen. "Wir haben ein Katastrophenschutz-Fahrzeug mit Boot, Pumpen und Hydraulikwinden, einen Wagen mit einer 23 Meter hohen Drehleiter und einen Minibus mit Messgeräten und Bergefässern für Gefahrgut-Unfälle", schwärmt Zugführer Jens Ruppert.

Der mit 170 Jahren älteste Verein freiwilliger Brandbekämpfer in Deutschland ist technisch gesehen gut ausgestattet - doch bei den Feuerwehrleuten herrscht Mangel. 64 Mann sind derzeit aktiv, optimal wären 114 - die doppelte Zahl der in den Autos vorhandenen Plätze, rechnet Wehrleiter Bernd Schneider vor. Zwar rücken nie alle Wagen aus, doch wenn mitten an einem Werktag die Sirene ertönt, habe er manchmal ein flaues Gefühl, gesteht er ein.

Viele Feuerwehrmänner arbeiten außerhalb, erklärt Schneider, das mache die Lage schwierig: "Man fragt sich immer, ob ausreichend Kameraden zur Stelle sind." Genaue Zahlen will er aber nicht nennen: "Wichtig ist, dass bisher stets alles geklappt hat."

Mit diesen Problemen stehen die Meißener Brandwächter nicht allein da. "Aus den Freiwilligen und den Berufsfeuerwehren im Freistaat treten seit gut zehn Jahren jährlich etwa 1.000 Kameraden aus", erklärt Karsten Saack vom Landesfeuerwehrverband Sachsen. Das Problem betreffe vor allem die insgesamt 1.790 Freiwilligen Feuerwehren.

Auch Neuzugänge können das nicht ausgleichen: So verloren die sächsischen Feuerwehren 2006 in der Summe 367 und 2008 1.048 Mitglieder, 2009 waren es 868 und im vergangenen Jahr 538. Lediglich 2007 gab es ein leichtes Plus von 107 Kameraden.

Seit Jahren verringert sich vor allem die Zahl derer, die aus den Jugendfeuerwehren in die aktiven Wehren wechseln: "Der erste große Abgang setzt bei den 16-Jährigen ein, wenn sie für die Berufsausbildung wegziehen", beschreibt Saack die Situation. "Der zweite Einschnitt folgt mit Anfang Zwanzig, wenn Kameraden auswärts eine Arbeitsstelle finden."

Bei der Meißener Freiwilligen Feuerwehr wechseln pro Jahr ein oder zwei Mitstreiter von der Jugend in den aktiven Dienst. 23 jungen Leuten bringt Bärbel Schneider derzeit das Einmaleins der Brandbekämpfung bei. "Mitmachen können bei uns Kinder ab zehn Jahren", erklärt sie. Mit 16 oder 18 seien viele dann schon "richtige kleine Feuerwehrmänner", sagt die Jugendwartin. Mit jedem, der aussteige, gingen Jahre der Ausbildung verloren.

Die Folge des Nachwuchsmangels: Die Leitstellen müssen im Ernstfall mehr Feuerwehren zu Hilfe rufen als früher. Und alle Kameraden müssen alles können. "Eine Spezialisierung, etwa dass einer sich auf Erste Hilfe und ein anderer sich aufs Löschen konzentriert, ist nicht möglich", sagt Jens Ruppert. Das sei eine Herausforderung, denn auch die Feuerwehrtechnik werde immer komplizierter.

Hinzu kommt, dass die Einsatzanforderungen vielfältiger geworden sind. "Die zunehmende Zahl von Gefahrgut-Transporten, neue Kältemittel oder auch das Löschen von Elektroautos - für all das müssen die Feuerwehren mit neuen Ausbildungen gewappnet sein", betont Feuerwehrverbandschef Saack. Zu spät gekommen seien die Feuerwehren jedoch noch nie, betont er: Die gesetzliche Ausrückzeit werde eingehalten.

Mit mehr Geld will der Freistaat den Alltag der Brandbekämpfer erleichtern. So gibt es für die Freiwilligen seit vergangenem Jahr höhere Aufwandsentschädigungen - ein Wehrleiter etwa kann statt bisher 100 Euro nun monatlich 175 Euro erhalten. Seit dem Frühjahr spendiert Sachsen auch erhöhte Jubiläumszuschüsse. Eine neue Verordnung zum Feuerwehr-Führerschein soll den Feuerwehren bald erlauben, selbst Fahrberechtigungen für Einsatzfahrzeuge bis zu 7,5 Tonnen auszusprechen. Eine entsprechende Verordnung soll in Sachsen noch in diesem Jahr in Kraft treten.

Um Brände schnell zu bekämpfen, arbeiten viele Feuerwehren bereits zusammen. Doch es gebe noch Potenzial, meint der Geschäftsführer des Sächsischen Städte- und Gemeindetags, Mischa Woitschek: Vor allem innerhalb neu fusionierter Ortschaften könne noch stärker kooperiert werden.

Bernd Schneider, seit 1997 Wehrleiter der Meißner Feuerwehr, sieht vor allem die Politiker gefragt. Mit wenig Aufwand könne die Schlagkraft der Feuerwehr erhöht werden, meint er und nennt als Beispiel das österreichische Bundesland Tirol: Wer hier auf einem städtischen Bauhof arbeite, der müsse Feuerwehrmitglied sein - um bei Alarm schnell zum Brandort zu eilen.

dapd

 
erschienen am 26.07.2011
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