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Schüler geben sächsischer Bildungspolitik rote Karte
Proteste in Chemnitz gegen Lehrermangel und Unterrichtsausfall
Chemnitz (dapd-lsc). Auf Vollversammlungen haben Chemnitzer Schüler am Mittwoch ihrem Ärger über Lehrermangel und Unterrichtsausfall Luft gemacht. Nach Angaben des Kreisschülerrates wollten sich Einrichtungen aller Schularten an dem Protest beteiligen. Die Aktion wurde vom Kreiselternrat und Lehrerverbänden unterstützt.
Allein am Dr.-Wilhelm-André-Gymnasium versammelten sich rund 800 Schüler auf dem Schulhof. Mit Spruchbändern wie "Bildung ist das Leben", "Abordnung ist Vernachlässigung" oder "Heute Ausfall - morgen arbeitslos" verwiesen sie auf die Misere an sächsischen Schulen. Aufgefordert von Schülersprecherin Elisabeth Kapust zeigten die Mädchen und Jungen dem Kultusminister symbolisch die rote Karte. Die mit den Wünschen der Schüler versehenen Karten sollen gesammelt und nach Dresden geschickt werden.
"Verantwortlich für die heutige Unterrichtsunterbrechung ist das Kultusministerium selber. Es vernachlässigt seine Pflicht, uns eine optimale Bildung zu gewähren", sagte Kapust. Durch massenhafte Vertretungen an anderen Schulen fehle den eigenen Lehrern die Zeit für Unterrichtsvorbereitung, Förderstunden und Arbeitsgemeinschaften. Bei Krankheit falle der Unterricht aus.
Selbst die Jüngsten hatten Plakate angefertigt. "Besonders schlimm ist es in Deutsch. Da haben wir die Vertretung der Vertretung der Vertretung", berichtete Laura Schmidt. Unterrichtsausfall mache keinen Spaß. "Schließlich müssen wir in diesem Jahr in Deutsch den Kompetenztest schreiben", sagte die Fünftklässlerin.
Die Vorsitzende des Kreiselternrates, Annett Bartl, kritisierte besonders die Abordnungspraxis an den Chemnitzer Schulen. Gymnasiallehrer seien in keiner Weise für die Spezifik der Grund- und Förderschulen ausgebildet. Dies führe zu unbefriedigenden Ergebnissen auf beiden Seiten sowie Stress und zusätzliche Krankschreibungen von Pädagogen. Notwendig sei auch eine geänderte Tarifpolitik zur Verbesserung der Motivation der Lehrer.
Wie Landesvorsitzender Jens Weichelt vom Sächsischen Lehrerverband sagte, fallen in Sachsen pro Woche etwa 4.000 Schulstunden aus. Das Ende 2011 vorgestellte Bildungspaket der Staatsregierung sei eine Mogelpackung. Zwar sollten in den nächsten drei Jahren 2.200 neue Lehrer eingestellt werden, aber zugleich gingen 4.000 in Rente. 2020 werde Sachsen 20.000 Schüler mehr als jetzt haben. "Wir brauchen mehr Lehrer", forderte Weichelt. In der Region Chemnitz/Zwickau sei die Situation in Grund- und Förderschulen besonders kritisch. "Wir spüren ganz deutlich einen Bewerbermangel, weil es in der Region keine Lehrerausbildung mehr gibt", sagte Weichelt. In Leipzig, wo für alle Schularten ausgebildet werde, sei es nicht ganz so schlimm.
Eine aktuelle Statistik der Stundenausfälle konnte die Sächsische Bildungsagentur auf dapd-Anfrage nicht vorlegen. Rechnerisch gebe es an Chemnitzer Mittelschulen und Gymnasien einen Lehrerüberhang, sagte ein Sprecher. Problematisch sei, Kollegen mit der richtigen Qualifikation an der richtigen Stelle einzusetzen. An Grundschulen sei schon der ungeplante Ausfall eines Lehrers schwer auszugleichen.
dapd