"Wir werden nie eine Antwort kriegen", sagen Heidi und Bert Schubert über den Unfalltod ihrer Tochter Anne, der heute genau zwei Jahre her ist.
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Stiche ins Herz - Wie eine Familie den Tod ihrer Tochter verarbeitet
Mit 19 Jahren starb Anne Schubert bei einem Unfall - Die Eltern blicken nach vorn, ohne zu vergessen
Lengefeld. Sprichworte sind dazu da, verworfen zu werden. Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Um das herauszufinden, mussten Heidi und Bert Schubert aus Lengefeld einen schweren Weg gehen, der kein Ende hat. "Sie fehlt nach wie vor. Nur der Umgang damit ist ein anderer geworden", sagt Bert Schubert.
Es war der 3. Februar 2010, gegen 6.20 Uhr. Anne, die im Zschopauer Krankenhaus lernt, fährt zur Arbeit. Es ist glatt auf der B 101. Zwischen Kalkwerk und Heinzebank kommt das Auto der 19-Jährigen ins Schleudern, prallt gegen einen entgegenkommenden Bus. Noch im Fahrzeug erliegt die Tochter von Heidi und Bert Schubert ihren Verletzungen.
Vieles war anders an dem Tag als heute. "Es lag viel mehr Schnee", erinnert sich Heidi Schubert. Mittags blinzelte die Sonne wieder durch die Wolken, die Straßen waren frei. "Es war wie ein Witz." Bert Schubert ist an diesem Tag zu Hause, Straßenbauer haben Pause im Winter. Der 43-Jährige steht am Fenster und sieht, wie die Polizei vor dem Haus hält. Es klingelt an der Tür. "Da hab' ich mir noch nichts dabei gedacht."
So ergeht es zur gleichen Zeit seiner Frau. Heidi Schubert ist Erzieherin im Kindergarten. Durch eine Glasscheibe im Zimmer kann sie in den Flur blicken. Eltern, die vorbeigehen, gucken komisch. Heidi Schubert wundert sich. Die Leute auf der anderen Seite wissen schon, dass Heidis Tochter tödlich verunglückt ist. Die Feuerwehrleute haben das Mädchen erkannt. Heidi Schubert erfährt es erst kurz darauf, als ihr Mann mit einem Seelsorger auf dem Hof des Kindergartens steht: "Hätte es mir ein Polizist gesagt, ich hätte das nicht geglaubt." Zu diesem Zeitpunkt hatte Annes Herz schon drei Stunden zuvor aufgehört zu schlagen. "Man schreit, es ist ein Schock." Die Tränen kommen erst später.
Die Frage nach dem "Warum" lässt die Familie heute nicht mehr zu. Sie kennt nicht einmal die genaue Todesursache. "Das ändert doch auch nichts. Wir werden nie eine Antwort erhalten", begründet Bert Schubert diese Einstellung. Was sie wissen, ist genug: Dass ihre Tochter keine Chance hatte. Weil sich die vordere Ecke des Busses in die Fahrertür bohrte, sprang kein Airbag auf. Dass Anne nicht zu schnell gefahren sei - das hätten die Autofahrer bestätigt, die hinter ihr in der Kolonne unterwegs waren. Dass die junge Frau weder betrunken war, noch unter Drogen stand. "Wir haben keine Schuldgefühle. Auch das Auto war in Ordnung."
Das Urvertrauen in Anne ist den Eltern geblieben: "Wir sind reinen Herzens. Und nicht im Streit auseinandergegangen." Anne hat noch zu Hause gewohnt, seit jeher in einem Zimmer mit Bruder Erik, der sieben Jahre jünger ist als Anne. "Mutti, mir gefällt's hier", habe sie stets gesagt. Die Familie hat viel zusammen gelacht - miteinander und übereinander. "Anne ist eine Frohnatur gewesen. Wenn sie kam, ging die Sonne auf", sagt Heidi Schubert. Sie habe ihren Job im Krankenhaus geliebt. "Und die Leute dort sie. Das haben wir bei der Beerdigung gesehen. Diese Wertschätzung hat uns sehr geholfen", erinnert sich der Vater.
An der Unglücksstelle hat die Familie einen Lebensbaum gepflanzt. Friedhöfe, das sei eher für die Leute, meint Heidi Schubert. Sie hat sich tätowieren lassen: "Das ist mir wichtiger als der Friedhof." Zwei Schmetterlinge und Annes Unterschrift zieren den Rücken der Mutter: "Eine Freundin hat sie mal so genannt. Anne ist immer irgendwie geflattert, war überall und nirgendwo." So ist es bis heute: Anne ist nirgendwo und doch überall. Im Flur hängt noch immer ihre Jacke.
Die Eheleute geben sich gegenseitig Halt, wenngleich jeder etwas anders mit dem Tod der Tochter umgeht. "Das hat sich so ins Herz eingebrannt", sagt Bert Schubert. "Das brauche ich mir nicht noch mit Nadeln stechen zu lassen." Die Stiche, wenn im Radio ein Lied läuft, das Anne mochte, wenn er Mädchen in ihrem Alter sieht, sind schlimm genug. Es kommt ohne Vorwarnung, nicht nur dann, wenn er an der Unglücksstelle vorbei fährt. "Manchmal denke ich, ich bin im falschen Film." Auch Tränen kullern lautlos.
Noch immer erleben sie Nackenschläge. Wenn die Leute sie mit diesem Blick ansehen, der sagt: Ihnen muss es aber schlecht gehen. "Wir wollen kein Mitleid. Wir wissen selber, wie schlimm es ist", wiegelt Bert Schubert ab. Bis heute nicht verwinden können die Schuberts zwei Briefe. Der eine kam von der Versicherung, die den Eltern mitteilt: "Für den Schadensfall haben wir 20.682 Euro bezahlt." Der Bus. Den anderen verschickte die Polizei: Die Kosten für die "Bergung einer Leiche" belaufen sich auf 135,18 Euro. Anne.
Heidi Schubert wundert sich: "Man glaubt nicht, was ein Mensch aushalten kann." Sie sprechen viel miteinander. "Wir weinen zusammen, und wir lachen zusammen." So schnell es ging, ist die Familie wieder raus ins Leben, hat Ausflüge unternommen, bei Konzerten mitgesungen. Nach drei Wochen war Heidi Schubert wieder arbeiten. "Wir müssen lernen, mit dem Schmerz zu leben", sagt ihr Mann. Nur der Fasching, der für die ganze Familie ein Highlight gewesen war, findet ohne sie statt. "Da hängt zu viel dran."
Eine große Stütze ist ihnen neben der Familie und Freunden ein Ehepaar, dem ein ähnliches Schicksal widerfahren ist. "Beide wissen, was wir meinen", sagt Bert Schubert. Er und seine Frau machen niemandem einen Vorwurf, der nicht so recht weiß, wie er sich ihnen gegenüber verhalten soll. "Wir wüssten es wahrscheinlich auch nicht."