Foto: dpa (Archiv)

Unbefriedigend: Sexualerziehung an Sachsens Schulen

Schwulenfeindlichkeit selbst an Gymnasien und Berührungsängste unter Lehrern - Wissenschaftler fordern mehr Aufklärung

Dresden. Das Bundesverfassungsgericht gibt Adoptionen für gleichgeschlechtliche Paare frei, selbst innerhalb der CDU wird inzwischen das Ehegattensplitting für Homosexuelle diskutiert - aber an Sachsens Schulen hat sich der Tatbestand der "sexuellen Vielfalt" noch nicht großartig herumgesprochen. Der Begriff komme weder im "Orientierungsrahmen für die Familien- und Sexualerziehung an sächsischen Schulen" noch in den Lehrplänen vor, kritisierte die Kölner Erziehungswissenschaftlerin Karla Etschenberg am Freitag im Schulausschuss des Sächsischen Landtags. Auf Einladung der Abgeordneten sollten fünf Fachleute die bisherige Sexualerziehung an Sachsens Schulen bewerten. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Alle zeigten sich mit den Rahmenbedingungen unzufrieden.

Zwar ist das Thema in den Lehrplänen als fächerübergreifender Unterricht verankert. Beispielsweise Biologie und Ethik bieten sich dafür an. Aber wird es da auch wirklich behandelt - und wenn ja, in welcher Qualität? Sexualwissenschaftler Harald Stumpe von der Hochschule Merseburg befürchtet, dass sich die Fachlehrer gegenseitig die Verantwortung zuschieben und letztlich "gar nichts" machen. In den Lehrbüchern würden Inter- oder Transsexuelle gänzlich ausgeblendet, kritisierte er. Den sechs Jahre alten "Orientierungsrahmen" nannte Stumpe schlicht überholt. Tatsächlich ist dort noch von "Pornoheften" die Rede, obwohl Schüler beim Austausch intimer Ansichten längst auf Handys umgestiegen sein dürften.

"Schulen sind nach wie vor die homophobsten Orten", sagte Thea Wende vom Verein Rosalinde aus Leipzig. Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit gebe es selbst an Gymnasien. Dazu komme Unkenntnis: Wenn sie im Unterricht oder an Projekttagen vor Schülern stehe, müssten selbst in neunten Klassen noch Begriffe wie Homo- und Heterosexualität erklärt werden. Viele Lehrer wirkten überfordert oder hätten Angst vor Sexualerziehung. Eine Generationsfrage sei das nicht, erklärte Beate Proll vom Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung. Die Berufseinsteiger aus allen Bundesländern gingen bei Seminaren "erschreckend naiv", unreflektiert und unsicher mit dem Thema sexuelle Bildung um. Und für freiwillige Fortbildungen dazu meldeten sich kaum Teilnehmer.

Eunike Zobel vom Chemnitzer Verein "different people" muss derweil nach eigenen Angaben schon darum kämpfen, in das Weiterbildungsangebot der Sächsischen Bildungsagentur überhaupt aufgenommen zu werden. Kultusministerin Brunhild Kurth (parteilos) sieht derweil keine Probleme. Die von den Grünen geforderte Studie zur Praxis der Sexualerziehung sei nicht nötig, Ende 2013 soll aber ein Internet-Lernportal online gehen. Der Titel: "Junge Sachsen - fit fürs Leben."

 

 
erschienen am 02.03.2013 (Von Tino Moritz)
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
21
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  • 06.03.2013
    18:43 Uhr

    ernstel1973: Hallo rusticus, falls du meinst, dass die blöden Bemerkungen ausbleiben, wenn das Thema in Schulen behandelt wird, wirst du enttäuscht werden. Das kann auch ins Gegenteil umschlagen (siehe rechtes Gedankengut - die Nazizeit wird in den Schulen bis zum Erbrechen durchgekaut).

    Um so mehr auf eine Meinung beharrt wird, um so größer wird die Gegenwehr - vor allem von Pubertierenden, die Lehrer und Eltern nicht nur als Person sondern auch deren Ansichten in Frage stellen (was auch in Ordnung ist). Das Leben und die Gesellschaft waren schon immer die besten Lehrmeister für solche Dinge.

    Es sind hinsichtlich der Homosexualität viele Fortschritte erzielt worden - auch ohne Spezialausbildung in Schulen. Wenn man in der Minderheit ist, dann gilt man halt bei manchem horizontfernen Traditionalisten als Exot. In dieses Raster falle ich genau so wie du - mit dem Unterschied, dass mein Kindersegen und meine ringlosen Finger nicht gleich offensichtlich sind.

    Menschen mit Handicap machen noch viel schlimmeres mit dummen Bemerkungen und Handgreiflichkeiten durch - trotzdem fordern die (bzw. deren Angehörige) nicht wochenlang ihre Anerkennung und eine Sonderbehandlung im Unterricht. Im Gegenteil, sie wollen wie jeder andere angesehen werden und keine besonderen Aufmerksamkeiten, die ständig an eigene Einschränkungen erinnern. Darum lernt diese Minderheit heute in ganz normalen Schulen und nicht wie bisher an Sondereinrichtungen.

    Gehe doch einfach selbstbewusst durchs Leben und ignoriere die Deppen. Die lästern doch nur, weil ihr Horizont zu Größerem nicht fähig ist und meistens leben sie in keiner oder in einer ziemlich stumpfen Partnerschaft.



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  • 04.03.2013
    21:55 Uhr

    rusticus: @ernstel1973
    ...ich zahle übrigens auch Steuern. Und habe Kinder, eines noch im Schulalter...ich bin also ziemlich nah dran an der Realität.

    0 0
     
  • 04.03.2013
    21:50 Uhr

    rusticus: @ernstel1973
    Wenn nicht in der Schule - wo dann?
    Ihre Lebensform - offensichtlich nicht gleichgeschlechtlich - mag sicher nicht von jedem befürwortet werden, aber keinesfalls wird sie so offen angefeindet wie die "Homo-Ehe". Und solange ich mit meinem Partner nicht Hand in Hand durch sächsische Städte gehen kann, ohne nicht zumindest blöde Bemerkungen zu ernten, ist eine zeitige Vermittlung von Kenntnissen unentbehrlich.

    Auch das ist Aufgabe der Schule. Wohin uns die kein sachorientierte Schulbildung gebracht hat, sehen wir in der momentanen Krise. Die Vermittlung menschlicher Werte muß stärker betont werden. Dazu gehört auch der Respekt vor anderen Lebensmustern. Daß die Jugendlichen mehr als wir von Sexualität wissen, hat damit nichts zu tun, es ist bestenfalls hinderlich.

    2 2
     
  • 04.03.2013
    18:51 Uhr

    ernstel1973: @rusticus: Menschenskinder, bleibt doch mal beim Thema. Es geht hier im Artikel nicht um die Akzeptanz der Homo-Ehe/-Beziehung (dafür gibt es separate Foren), sondern ob es wirklich nötig ist, jede individuelle Lebenslage in der Schule auszudiskutieren. Wer gern alles zerquatscht, soll es bitte zu Hause tun - die Schule hat strategisch Wichtigeres zu tun und dafür zahle ich auch meine Steuern (die Stundenpläne sind übrigens voll).

    Ich bin z. B. überhaupt nicht überzeugt vom Institut Ehe und habe trotzdem Kinder. Partner sollten sich nicht nur lieben, sondern auch respektieren. Wenn dieser Respekt nicht mehr vorhanden ist, hilft die Ehe auch nicht weiter. Ich verlange deshalb vom Kultusministerium auch nicht, meine Lebensform (von der ich überzeugt bin) in den Lehrplan aufzunehmen.

    Von mir aus kann - wer es unbedingt braucht - jeder heiraten wem er will, von mir aus auch Kinder adoptieren (ist jedenfalls besser als jede Heimunterbringung). Ehegattensplittung gehört sowieso abgeschafft. Einer Familie (also mit Kind/ern) helfen steuerlich nur die Kinderfreibeträge. Schaut euch einfach mal eure Steuererklärungen an und vergleicht sie mit Ehepaaren ohne Kinder. Da werdet ihr feststellen, dass es gar nicht so viel ist, was man da einspart Erst bei Kindern machen sich erhebliche Steuervorteile bemerkbar - ob man nun verheiratet (mit Splittingtarif) oder unverheiratet (mit Stkl. I) macht da keinen wesentlichen Unterschied, so dass es sich lohnen würde zu heiraten (zumal man dies aus steuerlichen Gründen gar nicht erst tun sollte).

    Und wer behauptet, dass es auch in Gymnasien in dieser Hinsicht Handlungsbedarf gibt ist weit entfernt von der Realität. Die Kids wissen heute mehr über alle möglichen Sexualbereiche Bescheid, als je in den vorigen Generationen möglich gewesen wäre. In meiner Schulzeit hat man die Paarung von Mann und Frau in der 8. Klasse behandelt - meistens waren die betreffenden Lehrer bei diesem Thema sogar noch krank. Von Homosexualität haben wir erstmals lebensnah etwas in Berlin erfahren - bei einer Klassenfahrt. In unserer Provinz hatten wir vorher noch nie in der Öffentlichkeit ein homosexuelles Pärchen gesehen - obwohl es die gab.

    Trotz das wir keinerlei oder nur minimal "Aufklärung" hatten ist meine Generation heute toleranter gegenüber individuellen Lebensformen als so manch`jüngerer Mensch, die nur die mittelalterlichen Ansichten ihrer Eltern oder ihrer Kirchenvertreter kopieren.

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  • 04.03.2013
    14:50 Uhr

    rusticus: Wir befinden uns - gerad in Sachsen - eben doch noch im Mittelalter. Wären Schwule und Lesben tatsächlich akzeptiert (nicht mit Mühe und Not toleriert), gäbe es keinen Handlungsbedarf. Homosexuelle haben weder ein Interesse an der Weltherrschaft, am Sturz des Papstes oder am Ende der Menschheit. Sie wollen einfach in Ruhe ihr Leben leben. Leider gefällt das einem Teil unserer Gesellschaft nicht. Und solange dem so ist, braucht es Aufklärung - natürlich auch an den Schulen - und Widerstand.

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