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Sportwissenschaftler Issam Jabbar trainiert die D-Jugend des BSC Freiberg auf dem Platz der Einheit.

Foto: Eckardt Mildner

Wo ein Flüchtling die Mannschaft trainiert

Fußball, Tischtennis, Judo: In vielen Sparten entstehen in Sachsen Angebote für Asylsuchende. Doch wer hilft den Vereinen?

Von Ricarda Terjung
erschienen am 13.03.2016

Leipzig/Freiberg. "Schieß mit dem Spann, nicht mit der Innenseite!", sagt der Trainer in perfektem Deutsch. Er bückt sich, greift nach dem Fuß des Kindes, klopft mit der flachen Hand auf den Fuß: "Spann!" Und an die Innenseite: "Innenseite!" Der Trainer tritt zurück, das Kind schießt. "Sehr gut!", ruft der Trainer, Issam Jabbar. Der 32-jährige Tunesier ist einer der zahlreichen Flüchtlinge, die sich sächsischen Sportvereinen angeschlossen haben.

"Wir gehen ganz stark davon aus, dass die Angebote der Sportvereine für Flüchtlinge noch viel mehr werden", sagt Jochen Meyer, Sprecher des Landessportbundes Sachsen (LSB). Wie viele Geflüchtete das genau betrifft, ist nicht klar. Denn in den Landessportbünden bestehe keine Meldepflicht dazu, ob oder wie viele Flüchtlinge in den Vereinen trainieren, so Meyer. Der LSB, dem aktuell etwa 4500 Vereine angehören, geht aber davon aus, dass seine Vereine sich überall dort für Flüchtlinge engagieren, wo es größere Unterkünfte für die Geflüchteten gibt. Der SC Hoyerswerda beispielsweise hat geflüchtete Kinder bereits mehrfach zu Kindersportfesten eingeladen. Im BSV AOK Leipzig trainieren gehörlose Migranten mit. Und der Chemnitzer Polizeisportverein plant eine Schatzsuche mit Kindern und Jugendlichen.

Im Freiberger BSC, in dem Issam Jabbar verschiedene Kindermannschaften trainiert und selbst in der zweiten Männermannschaft spielt, gibt es laut Vorstandsmitglied Maik Uhlig seit Kurzem ein Tischtennis-Team nur für Flüchtlinge. Ein Judo-Team soll folgen. Jabbar soll demnächst zwei Flüchtlings-Fußballmannschaften mit Jugendlichen und jungen Männern trainieren. Rund 45 Interessierte hätten sich angemeldet, so Uhlig. Nur die beantragten Trainingszeiten auf dem Platz der Einheit seien noch nicht bestätigt. Der Verein hofft, die Platzmiete mit Fördergeldern zahlen zu können. Mit welchen, sei aber noch nicht klar. Der Förderdschungel sei schwer zu durchschauen. Hauptsache, es gehe bald los mit dem Training. Denn: "Die Flüchtlinge sind auf dem engen Raum im Flüchtlingsheim wie gefangen", sagt Uhlig. Jabbar ergänzt: "Auch Flüchtlinge brauchen etwas zu tun. Wenn ich zu Hause bleibe, stresst mich das."

Zum Verein kam Jabbar im Januar 2015. Damals lebte er mit Frau und Kind in der Freiberger Glückauf-Turnhalle. Das Paar, er tunesischer Muslim, sie ukrainische Christin, war vor Krieg und fremdenfeindlichen Attacken in der Ukraine geflüchtet. Von einem ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in der Unterkunft erfuhr Jabbar vom BSC. Kurz darauf stand er am Spielfeldrand. "Ich habe einfach gefragt, ob ich mitspielen kann", sagt er. Uhlig, der auch Co-Trainer der zweiten Männermannschaft ist, gab sein Okay.

Der BSC hofft, dass Jabbar demnächst für sein Engagement als Trainer von Flüchtlingsmannschaften zumindest eine geringe Aufwandsentschädigung erhalten kann - immerhin sei er nicht nur Ex-Profifußballer, sondern auch diplomierter Sportwissenschaftler.

Das Geld dafür soll vom Land kommen: Mit dem Projekt "Förderung der Integration von Flüchtlingen durch Sport" unterstützt das sächsische Innenministerium die Integration etwa, indem es die Anschaffungskosten für Sportgeräte oder Fahrtkosten übernimmt.

Zumindest eine Grundausstattung fürs Fußballspielen - zwei Hosen, zwei T-Shirts, ein Paar Schuhe - konnte Uhlig bereits für Jabbar organisieren. Bezahlt hat er die Sachen und einige Bälle mit Geld von der Initiative "1:0 für ein Willkommen", einer gemeinsamen Aktion der DFB-Stiftung Egidius Braun, der Nationalelf und der Bundesregierung. 500 Euro, für die er dankbar sei, sagt Uhlig, aber zu wenig, um ganze Mannschaften auszustatten. Er selbst engagiere sich ehrenamtlich, wie fast alle, die sich im Sport für Flüchtlinge einsetzen.

"Inzwischen sind wir richtige Freunde", sagt Uhlig. Er helfe Jabbar auch unabhängig vom Sport, zum Beispiel bei Behördengängen. Doch trotz aller Bemühungen um Integration: Flüchtlinge in den Wettkampfsport zu holen, sei schwierig, sagt Uhlig. "Da müsste man Spieler aufbauen, die nach ein paar Wochen vielleicht nicht mehr im Ort leben."

Versicherung für Flüchtlinge

Im Landessportbund (LSB)sind Flüchtlinge unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus hinsichtlich Unfällen, Haftpflichtansprüchen Dritter und Rechtsschutz versichert. Die "Zentrale Nichtmitgliederversicherung" hat der LSB mit seinem Versicherer Arag bereits Anfang 2015 abgeschlossen. Der Schutz gilt auch, wenn die Geflüchteten keine regulären Vereinsmitglieder sind. Im Schadensfall zahlt die Arag dieselben Leistungen wie für Mitglieder. Höhere Beiträge für die Vereinsmitgliedschaft müssen Sportler laut LSB aber nicht befürchten. Auch andere Landessportbünde haben Versicherungen für Flüchtlinge abgeschlossen. (rict)

 
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