Irmgard Gräser aus Neukirchen blickt besorgt zur Dorfbachmauer. Sie ist auf einer Länge von fünf Metern total eingebrochen. Die Reparatur kostet rund 17.000 Euro. Geld, das sie nicht hat.
Foto: Andreas Seidel
"Bis Winter muss die Mauer stehen"
Mit Spende des Vereins "Leser helfen" kann Rentnerin aus Neukirchen ihre kaputte Bachmauer bauen lassen
Neukirchen. Seit 78 Jahren wohnt Irmgard Gräser am Dorfbach in Neukirchen. Sie hat schon einige Hochwasser miterlebt. Aber so schlimm wie am 7. August war es noch nie. Über 200 Jahre ist das Haus ihrer Großeltern am Hinteren Weg alt. "Noch nie ist das Wasser bis ins Haus gekommen. Aber dieses Jahr war alles anders", sagt die 78-Jährige.
Das Schlimmste daran: Die verwitwete Rentnerin muss allein für den Schaden aufkommen. "Die Wassermassen hatten so eine Gewalt, dass sie die Bachmauer auf einer Länge von etwa fünf Metern zerstört haben. "Zuletzt war die Mauer beim Hochwasser 1954 eingestürzt. Doch damals hatte sie die Gemeinde wieder aufgebaut. Da waren halt die Gesetze anders", bedauert die Neukirchnerin. Ihre Eltern hätten noch einen Bachzins gezahlt. Dafür habe die Gemeinde den Bach regelmäßig kontrolliert und sauber gehalten.
Heute kümmere sich die Gemeindeverwaltung kaum, sagt sie. Vom Hochwasser 2009 würden noch große Steine von der Mauer im Bach liegen, wo sich das Wasser staue. Bürgermeister Stefan Lori (CDU) begründet das mit den Gesetzen: "Für die Instandsetzung der Bachmauer sind die Anwohner zuständig. Da können wir nichts machen." Die Gemeinde habe nach der Flut den Bachlauf gereinigt. Vom Freistaat habe die gesamte Gemeinde Neukirchen eine Soforthilfe von 7600 Euro erhalten. Das sei ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt er. 60 Grundstücke seien vom Hochwasser in Mitleidenschaft gezogen worden. Man könne nur punktuell helfen. Aber viele hätten eine Versicherung, die greife. Ansonsten sei es schwierig auszuwählen, wer die Hilfe am dringendsten brauche.
Doch bei Irmgard Gräser zahlt die Versicherung keinen Cent, weil das Haus nicht direkt auf der Bachmauer stehe, sondern in einiger Entfernung, erklärt sie. "Ich bekomme gerade mal 730 Euro Rente plus Witwenrente. Da komme ich eigentlich zurecht. Aber 17.000 Euro habe ich einfach nicht übrig. Einen Kredit für mich alte Frau gibt es auch nicht", bedauert sie. Deshalb sei sie sehr froh, dass die Leser der "Freien Presse" Geld gesammelt haben und ihr mit einer Spende von 2000 Euro helfen wollen. "Das macht Mut", sagt die 78-Jährige. Nachbarn, ihre Familie mit drei Töchtern und sechs Enkel hätten ihr schon viel geholfen. Nun hofft sie auch auf die Sächsische Aufbaubank, vielleicht könne sie trotzdem einen kleinen Kredit bekommen. Aber die Zeit drängt. "Vor dem Wintereinbruch muss die Mauer stehen. Wenn erst Frost reinkommt, rutscht mir der ganze Hof ab, außerdem wird dann bei jedem erhöhten Wassergang das Grundstück wieder geflutet", befürchtet sie.
Denn nicht nur die Bachmauer ist kaputt. In Hauswirtschaftsräume, Keller und Garagen drang das Wasser am 7. August. "Das ging alles so schnell", erzählt sie. Sie sei erst durch das Klingeln des Nachbars an diesem Samstagmorgen wach geworden. "Da stand das Wasser schon auf der ersten Stufe zum Wohnhaus. Ich wollte mir schnell ein paar Gummistiefel anziehen, aber der Hauswirtschaftsraum war schon voll gelaufen. Als ich dann ein paar andere Schuhe angezogen hatte, stand das Wasser schon auf der zweiten Stufe und mein Rock war nass", erzählt die Rentnerin. Es sei wirklich sehr ungewöhnlich gewesen, dass das Wasser so schnell kam. "Doch zum Glück ist uns nichts passiert", sagt sie dankbar. Im oberen Dorf waren drei Rentner in einem Keller von den Fluten eingeschlossen worden und ertrunken.
Weitere Spenden erhalten:
Eberhard Rösel, 2000 Euro; Susanne Barthel, 1500 Euro; Ramona Hoffmann, 1000 Euro; Dietmar Rönige, 500 Euro; Tino Lange, 300 Euro (alle aus Chemnitz).