Leserberichte

"Das Wasser kam uns mit voller Wucht entgegen"

Die Redaktion von freiepresse.de, hat dazu aufgerufen, uns zu schreiben, wie Sie die Hochwasser-Katastrophe am 7. August erlebt haben.

Monika Schmidt schickte uns die folgenden Zeilen per E-Mail:

Wir wohnen unmittelbar am Zusammenfluss von Zwönitz und Würschnitz. Am Morgen des 7.8.10 gg. 5:30 Uhr wurde ich wach. Der Wasserspiegel der angrenzenden Zwönitz war seit 2:15 Uhr beachtlich gestiegen. Im Keller haben wir sofort die 3 vorhandenen Pumpen bereitgestellt, um evtl. Eintritt von Grundwasser abpumpen zu können.

Gegen 6 Uhr habe ich vergeblich versucht, unter Tel. 112 Informationen zur Hochwasserlage zu bekommen. Im Videotext war noch Hochwasserstufe 2. Die Notrufnr. der Feuerwehr war permanent besetzt. Ich habe die Direktwahl der Feuerwehr in der Schadestr. in Chemnitz gewählt. Es dauerte ewig, bis dort abgenommen wurde.

Auf meine Frage zur Situation: "Es regnet". Ich: "Das sehe ich selbst. Wie sind die Prognosen?" Feuerwehr: " Es regnet weiter". Ich: " Ich möchte gern wissen, ob und wie schnell die Pegel von Zwönitz und Würschnitz steigen und ob evtl. Talsperren geöffnet werden. Sollten wir besser die Wohnung räumen?" Antwort der Feuerwehr: " Na wenn Sie denken, können Sie ja ausräumen, Ihre Entscheidung." Ich hatte da wohl mit dem Hausmeister oder Gärtner gesprochen!?

Wir hatten daraufhin vorhandene Sandsäcke vor die Haus- und Hoftür gestapelt, und uns dann dem eindringenden Grundwasser im Keller gekümmert. Das hätten wir aus heutiger Sicht besser sein lassen sollen. Da hätten wir wenigstens 2 Stunden Zeit gehabt um Schränke auszuräumen. Teilweises Höherstellen der Möbel wäre ebenfalls noch möglich gewesen. Weil dann nach 8 Uhr das Wasser von allen Seiten (Würschnitzrückstau und Übertritt der Zwönitz) ungewöhnlich schnell das Haus umflutete, haben wir wasserwadend nur das Nötigste sicherstellen können. Die Sandsäcke waren schön längst überflutet und nutzlos geworden. Das einströmende Wasser brachte nicht wenig stinkenden Schlamm mit.

Wir waren richtig wütend, dass man uns hat regelrecht absaufen lassen. Wenn ich rückblickend betrachte, wie langsam der Hochwasserschutz in unserer Wohnecke voranschreitet, wird mir schlecht. Da wird über Monate an der Zwönitzbrücke/Schulstr. eine teure Fischtreppe gebaut. Die Arbeitsintensität der dort Beschäftigten war aus meiner Sicht mehr als fraglich.

Inzwischen hat sich durch das Hochwasser an o.g. Stelle ca. 1m Schotter abgelagert. Es ist eine Frage der Zeit, bis deswegen ein erneuter Wasserstau durch Regen an den Brücken aktuell wird, wenn die Gesteinmassen nicht baldigst ausgebaggert werden. Das Umweltamt wurde dazu informiert. Eine Ortsbesichtigung erfolgte umgehend. Nur die Aussicht auf Ausführung ist lt. Aussage wegen "nicht vorhandener Gelder" Zukunftsmusik.

Weiterhin haben wir die Talsperrenverwaltung in Lengefeld , Herrn Hunger, um Prüfung gebeten, die Ufermauer neben unserem Grundstück zu erhöhen. Damit wären wir gegen den Rückstau der Würschnitz geschützt. Seit dem Telefonat am 24.8.10 hat sich keiner vom Talsperrenamt sehen lassen. Sicher, die Verantwortlichen haben jetzt jede Menge zusätzlicher Arbeit.

Die haben wir jetzt auch: Putz abhacken, Trockenlegung, Renovierung. Wir hoffen, dass wir es bis Weihnachten geschafft haben wieder "wohnen" zu können. Dank unserer Hochwasserversicherung wird unser immenser Schaden von der Allianz reguliert. Die ideellen Verluste sind jedoch nicht wieder beschaffbar. Ja, und Nerven haben wir wie alle Betroffenen nicht wenig gelassen.

Ich fordere die Stadt Chemnitz hiermit auf, dass der Hochwasserschutz beschleunigt wird! Ich fordere, dass die Reparaturen und die Beseitigung der Geröllmassen in den Flüssen sofort und noch vor Wintereinbruch abgeschlossen werden! Das notwendige Geld sollte z.B. aus dem "Topf" des sinnlosen Baus der Brücke am Falkeplatz und der Pflastererneuerung am Markt abgezogen werden. Es werden in Chemnitz so viele Gelder verschwendet! Setzt Euch doch endlich mal zusammen und redet über das Wohl von Chemnitz und seiner NOCH-Bewohner. Lasst die Parteienstreitigkeiten und tut was Effektives für unsere Stadt! Das Rathaus sollte eigentlich kein Kindergarten sein, ist es aber in meinen Augen!


Michael Pützschler schickte uns diesen Bericht per E-Mail geschickt:

"Was meine Familie an diesem Samstag, den 07. August 2010 erlebt hat, wird uns wohl ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Im Jahre 2002 noch in Dessau in 400 Metern Entfernung zur Elbe lebend, haben wir schon einmal ein Hochwasser der "Extraklasse" erlebt. Mittlerweile wohnen wir seit sieben Jahren im Schwarzwald. Zur Einschulung unseres Neffen in Chemnitz, hatten wir uns die Ferienwohnung der Familie Gersdorf in der Würschnitztalstr. 46 in Klaffenbach angemietet. Das Erlebte am Samstagmorgen möchte ich kurz schildern.

Es ist 07.20 Uhr als wir vom Sohn der Vermieter geweckt werden, mit dem Hinweis wegen erhöhter Wasserführung des Baches das Auto auf die erhöhte andere Straßenseite zu stellen. Einmal wach wollte ich gleich Brötchen holen und bemerkte, wie Wasser durch die Gullydeckel auf dem Lidl-Parkplatz bis zu 50 Zentimeter hoch sprudelte. Daraufhin fuhr ich sofort zurück zur Ferienwohnung, wo mir im Bereich der querenden Gleise schon Wasser aus dem Bach entgegen kam.

Es ist 07.40 Uhr und irgendwie ahnend was da auf uns zukommt, haben wir die Taschen gepackt. Vom Vermieter wurden wir aufgefordert, unsere Sachen ins 1. Obergeschoss zu bringen. Mit meinem Sohn habe ich die ersten Sachen ins Auto geladen, welches schon nicht mehr im Trockenen stand.

Es ist mittlerweile 07.55 Uhr und wir werden aufgefordert, innerhalb der nächsten 10 Minuten die Wohnung zu räumen und uns in Sicherheit zu bringen. Mit den letzten Taschen bepackt, verlassen mein Sohn und meine Frau im bereits knöcheltiefem Wasser die Ferienwohnung. Wasser strömt im gesamten Bereich bereits über die Straße in das Grundstück.

Als Ortsfremde versuchen wir 08.00 Uhr Richtung Supermarkt den Wassermassen zu entkommen, jedoch bemerke ich schnell den Fehler. Das Wasser stand bereits 50 bis 60 Zentimeter in der Senke an den Gleisen. Immer in der Hoffnung, dass uns nicht der Motor verlässt, fuhr ich rückwärts bis zu einer Einfahrt, wendete und nach etwa 50 Metern ging ein Weg Richtung Bahnhofsgleise. Das Wasser kam uns mit voller Wucht entgegen.

08.05 Uhr waren wir in Sicherheit. Am Sonntag, nach dem Rückgang des Wassers haben wir dann gesehen, welcher Katastrophe wir eigentlich entkommen sind. Wenn möglich, möchten wir uns auf diesem Wege ganz herzlich bei Herrn Gunter Gersdorf und auch bei der älteren Dame gegenüber der Ferienwohnung für die rasche Warnung sowie Hilfe beim Verlassen der Örtlichkeit bedanken.

Mit lieben Grüßen aus dem Schwarzwald verbleiben Doreen und Michael Pützschler, sowie Sohn Bastian"




Was ist Ihnen passiert? Schildern Sie uns Ihre Geschichte! Schreiben Sie uns, was geklappt und wo es geklemmt hat. Senden Sie uns Ihre Geschichte per E-Mail an: leserbriefe@freiepresse.de Bilder:

 

 
erschienen am 10.08.2010
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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