Thema des Tages

Küken-Fabrik brütet im Verborgenen

Nahe Freiberg ging in aller Stille Europas größte Zuchtbrüterei in Betrieb - Tierschützer machen mobil


Betreten verboten: Aus hygienischen Gründen verweigert die Firma Aviagen den Zutritt zur Kükenbrüterei in Hilbersdorf.

Foto: Eckardt Mildner

Hilbersdorf. Der Minister gab sich persönlich die Ehre. Zur feierlichen Eröffnung der neuen Küken-Fabrik am 4. Februar ließ es sich Frank Kupfer, oberster sächsischer Staatsdiener im Ressort Umwelt und Landwirtschaft, nicht nehmen, in Hilbersdorf selbst das symbolische Band durchzuschneiden. Schließlich steckt in dem Zwölf-Millionen-Euro-Projekt der Firma Aviagen im Gewerbegebiet Freiberg-Ost ein ganzer Batzen Steuergeld. Mit 3,8 Millionen Euro aus EU-Mitteln hat das Land Sachsen den Bau nach eigenen Angaben mitfinanziert - "im Interesse und zur Unterstützung einer wettbewerbsfähigen, nachhaltigen, umweltschonenden, tiergerechten und multifunktionalen Landwirtschaft", wie es in der Förderrichtlinie "Land- und Ernährungswirtschaft" heißt.

CDU-Minister Kupfer ist sonst stets um pressewirksame Auftritte bemüht. Allwöchentlich werden die Medien mit einer Übersicht des bevorstehenden Besuchsprogramms eingedeckt. Doch von dem Abstecher nach Hilbersdorf erfuhr die Öffentlichkeit nichts. Kein Journalist verfolgte das Geschehen. Das Unternehmen habe keine Presse gewollt und das habe man respektieren müssen, teilte jetzt eine Sprecherin des sächsischen Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft mit.

Der zuständige Aviagen-Projektleiter Georg von Bitter bestätigt: "Wir wollen überhaupt keine Berichterstattung." Grund: schlechte Erfahrungen. Als die "Freie Presse" im Dezember 2007 über die geplante Zuchtbrüterei in Hilbersdorf berichtete, sei man von Tierschützern "wüst beschimpft" worden. "Da wurden die unmöglichsten Sachen über uns behauptet", sagt von Bitter. Und jetzt, nach Beginn der Produktion, sei die Kükenfabrik für Betriebsfremde tabu - "aus hygienischen Gründen".


Mit diesen Aufklebern machen Tierschützer in Freiberg gegen die Aviagen-Brüterei mobil.

Foto: Oliver Hach

50 Millionen Eier unter der Glucke

Die Aviagen GmbH hat in Hilbersdorf nach eigenen Angaben die europaweit größte und modernste Zuchtbrüterei errichtet. Die US-amerikanische Muttergesellschaft Aviagen International Group Inc. in Huntsville/ Alabama, die zur Erich Wesjohann Gruppe mit Sitz im niedersächsischen Visbek-Norddöllen gehört, ist weltweit führend im Bereich der Broiler- und Putenzucht. Mehr als 50 Millionen Eier sollen nun in Hilbersdorf jährlich unter die automatische Glucke kommen. Nach Abzug der unbefruchteten Eier und fehlentwickelten Embryonen schlüpften so jedes Jahr 32 Millionen Küken, sagt Projektleiter von Bitter. Er beschreibt den Produktionsprozess so: Die Eier werden 21 Tage lang ausgebrütet - vollautomatisch und computergesteuert. Nach dem Schlupf werden die Küken sortiert, gezählt, geimpft, verpackt und verschickt - per Lkw und Flugzeug zu Aufzugsfarmen nach Deutschland und Osteuropa. All das braucht viel Technik und Logistik, doch kaum Arbeitskräfte. Nur rund zwei Dutzend Jobs sind in der Riesen-Anlage entstanden.

Klinisch sauber gehe es in Hilbersdorf zu, beteuert von Bitter. Ein von der Firma erstelltes Foto der Anlage zeigt einen Gang, der an einen Reinraum der Mikrochip-Industrie erinnert. Noch könne man keine Küken fotografieren; erst vergangene Woche habe die Produktion begonnen, erläutert der Projektleiter. Wenn die in zwei Wochen geschlüpft sind, wird es dort aber so ähnlich aussehen, wie auf den Fotos von Tierschützern im Internet: Gewimmel auf engstem Raum in Regalfächern. "Aber bei uns ist es nicht so versifft", sagt von Bitter.

Wo also liegt das Problem? Es sind kritische Berichte über die Produktion von Legehennen. Dabei werden in Deutschland jährlich zig Millionen männliche Küken unmittelbar nach dem Schlüpfen aussortiert, vergast und zu Tiermehl zermahlen. Tierquälerei im großen Stil - aus Gründen der Profitmaximierung. Gene für gutes Fleischansatzvermögen und hohe Legeleistung lassen sich nun mal nicht in einem Ei vereinen.

Massentötungen nicht bekannt

In Hilbersdorf werden nach Angaben von Aviagen keine Legehennen ausgebrütet. "Unsere Tiere sind nicht für die menschliche Ernährung bestimmt", stellt von Bitter klar. Somit würden auch nur "lebensschwache" Küken getötet. Fast alle gesunden Tiere dienten der Zucht. Und überzählige männliche Küken verkaufe man für die Hähnchenmast. Das funktioniere, weil die Zuchtküken weder speziell auf Fleisch noch auf Legeleistung spezialisiert seien. Auch das Landratsamt Mittelsachsen beteuert: Über planmäßige Massentötungen von Küken sei nichts bekannt.

Die Kritik von Tierschützern - nichts als haltlose Behauptungen durchgeknallter Veganer? Als Grund für die Geheimniskrämerei in Hilbersdorf bleibt nur eine Vermutung: Auch Produzenten von Zuchtgeflügel befürchten offenbar, dass den Verbrauchern beim Anblick industrieller Massentierproduktion der Appetit auf billige Tiefkühl-Hähnchen und Eier aus Käfighaltung vergehen könnte. Denn auf die läuft es letzten Endes doch hinaus. Kommentar

Von Oliver Hach


Erschienen am 26.02.2009


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