Thema des Tages

Gekreuzte Schwerter für die Ehre

Ist Sachsens jahrhundertealte Porzellangeschichte falsch?


Diese verschollene Tabakdose wird von Tschirnhaus zugeschrieben. Fand er schon lange vor Böttger das Geheimnis des Porzellans?

Foto: Aus Friedrich H. Hofmann "Das Porzellan der europäischen Manufakturen im 18. Jahrhundert"

Meißen/Lübeck. Die Historie des Meißener Porzellans muss nach 300 Jahren umgeschrieben werden. Davon ist Christof von Tschirnhaus überzeugt. Der Nachfahre des Universalgelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus sagt, seinem Ur-Ahn und nicht dem Alchimisten Johann Böttger gebühre der Titel Porzellan-Erfinder. Eine Tabakdose aus der Porzellan-Sammlung Dresden soll das beweisen. Doch die ist verschollen.

"Einer für alle! Alle für einen!" schworen die Musketiere, wenn sie die Degen kreuzten. Wenn in unserem Zeitalter zwischen zwei schon jahrhundertealte Schwerter nun ein drittes scheppert, hat das andere Gründe als Dreieinigkeit. "Drei forschten, nur einer erntet Ruhm, noch dazu der Falsche!" Das ist das Motto, unter dem der Lübecker Diamanten-Gutachter Christof von Tschirnhaus die Klinge kreuzt - mit den 1722 ersonnenen blauen Schwertern, die als ältestes Markenzeichen der Welt gelten: denen der Porzellan-Manufaktur Meissen.

Der vor 300 Jahren von Sachsens Kurfürst August dem Starken gegründeten Manufaktur und dem durch sie geprägten sächsischen Geschichtsbild gilt Johann Friedrich Böttger als Europas Porzellanerfinder. Der Apothekergeselle, der 1701 prahlte, Silber zu Gold machen zu können, wurde vom Kurfürsten eingekerkert, um das zu beweisen. Den Beweis blieb er schuldig. Doch nach jahrhundertelang verbreiteter Version gelang es "unter Führung" von Böttger 1708 dafür erstmals, europäisches Porzellan herzustellen. Porzellan stand ebenso hoch im Kurs wie Gold. Seit Marco Polo im 13. Jahrhundert chinesisches Porzellan nach Italien gebracht hatte, importierten Europas Fürsten das kostbare Handelsgut.

"Eine Erfindung unter Führung Böttgers?" Christof von Tschirnhaus schüttelt den Kopf. Für ihn steht fest, dass ein anderer im Trio der Forscher die Führung hatte: Neben dem gefangenen Böttger und dem Bergrat Gottfried Pabst von Ohain war Tschirnhaus' Ur-Ahn Ehrenfried Walther von Tschirnhaus der Dritte im Bunde. Im Auftrag des Fürsten forschten sie mit weiteren Helfern in stickigen Laboratorien der Dresdner Venusbastei nach dem Porzellan-Geheimnis, dem Arkanum. Seinem Vorfahren gebühre der Erfinder-Titel, sagt von Tschirnhaus. Böttger habe sich noch im September 1707 trotz Erfolglosigkeit beim Goldmachen gegen die Mitarbeit beim Porzellanprojekt gesträubt, entnimmt der Nachfahre Quellen aus dem Staatsarchiv. Böttger sei nur Abstauber Jahrzehnte währender Porzellan-Forschung seines Ahnen.

Dass der Universalgelehrte Ehrenfried Walther von Tschirnhaus schon lange forschte, wie man den Chinesen ihr Geheimnis entreißen könne, ist unbestritten. Seit 1675 hatte er nicht nur die Entwicklung so genannter Brennspiegel vorangetrieben, mit deren Lichtbündelung man extreme Temperaturen erreichen und sogar härtestes Material zum Schmelzen bringen konnte, was sich später fürs Porzellanbrennen als nötig erwies. Er war auch durch Europa gereist und hatte Manufakturen besucht, in denen man ebenfalls versuchte, die Kunst der Chinesen nachzuahmen. Über die "sogenannten Porcelain Wercke" im holländischen Delft, die nur Fayencen, poröse Keramik mit Glasur-Überzug, fertigten, urteilte von Tschirnhaus ebenso wegwerfend wie übers "porcelain frites", das man in St. Cloud bei Paris herstellte. Weil das Fritten-Porzellan Glas ähnele, zerberste es schnell, bemängelte von Tschirnhaus.

Doch verweist der Tschirnhaus-Nachfahre heute nicht nur auf jahrzehntelange Vorarbeit seines Ahnen. Er ficht auch den Stellenwert der Labornotiz an, die als Geburtsurkunde des europäischen Porzellans gilt. Am 15. Januar 1708 hatte man entsprechende Brennergebnisse schriftlich ausgewertet. "Von wegen Geburtsurkunde, das war der Taufschein einer längst gemachten Entdeckung", sagt Tschirnhaus junior. Nach seinen Recherchen hatte sein Vorfahr bereits zuvor Porzellan gebrannt, wenn er das auch nicht groß ausposaunte, ehe die Ergebnisse reproduzierbar waren. Seinem Freund Gottfried Wilhelm Leibniz offenbarte Tschirnhaus schon 1694, er habe Porzellan-Proben gefertigt. Und Böttger erwähnte in einem Bericht einen im Sommer 1708 von Tschirnhaus gefertigten Becher, den ein Eindringling so kostbar fand, dass er ihn kurz nach Tschirnhaus' Ruhr-Erkrankung und Tod im Oktober 1708 stahl. Außer der Becher-Spur ist Nachfahre Christof von Tschirnhaus jetzt auf noch ein über 300 Jahre altes Beweisstück gestoßen. Es wird in wissenschaftlichen Schriften erwähnt, die, so scheint es, in Vergessenheit geraten sind.

Eine verzierte Tabakdose kam 1909 in den Bestand der Dresdner Porzellansammlung. In einer Ausgabe der Kunst-Zeitschrift "Cicerone" von 1909 und in einem von 1932 stammenden Standardwerk zur Porzellangeschichte wird diese Dose beschrieben. Auf Nachfrage habe man in der Porzellansammlung abgewinkt, die Dose gebe es nicht, sagt Tschirnhaus junior. "Die Dose gibt es lange nicht mehr", lautet die Auskunft des Direktors der Dresdner Porzellansammlung, Ulrich Pietsch, auf Anfrage von "Freie Presse". Eine Begründung fürs Verschwinden sieht er im Weltkrieg. "Da wurde alles verpackt und ausgelagert", sagt Pietsch. Möglich sei, dass nicht fotografierte Stücke abhandenkamen. "Doch wenn die Dose von Bedeutung gewesen wäre, müsste Ernst Zimmermann sie erwähnt haben", sagt Pietsch. Zimmermann war zur Zeit der Anschaffung der Dose sein Vorgänger als Sammlungschef. "Genau der hat die Dose ja erwähnt. Ein Foto von ihr gibt es auch", kontert Christof von Tschirnhaus mit Verweis auf den Cicerone-Artikel. Unterm Titel "Eine Porzellanarbeit Tschirnhausens" erörtert dort jener Zimmermann, selbst Verfechter der Böttger-Version, warum die Dose nicht Böttger, sondern Tschirnhaus zuzuschreiben sei. Sein Argument: Die Verzierungen zeigten August den Starken als König von Polen. Das Bildnis stammt aus dem Krönungsjahr 1697. Da Augusts kurzes Intermezzo als Polenkönig 1706 kriegsbedingt endete, sei es undenkbar, dass man das Bild zu einem späteren Zeitpunkt als Zierrat wählte, urteilt Zimmermann. Er schließt mit dem Satz: "So kann diese Dose, die um ihrer Darstellungen willen ja nur in Sachsen gemacht sein kann, auch nur von Tschirnhausen herrühren."

Aus Sicht des heutigen Sammlungschefs Pietsch beweist das nichts. "Im 18. Jahrhundert gab es eine Unschärfe im Begriff Porzellan", argumentiert er. "Vielleicht ist die Dose aus Frittenporzellan, dann könnten wir auch den Franzosen die Erfindung zuerkennen", sagt er. Dieses Argument konterte aber in den 1930er-Jahren bereits jener andere Porzellanexperte, der die Dose in seinem Standardwerk beleuchtet. Der Direktor der Museen des Krongutes Bayern, Friedrich Hofmann, argumentiert in seinem Buch "Das Porzellan der europäischen Manufakturen im 18. Jahrhundert", es gehe nicht an, ohne sachlichen Beweis "die klaren Feststellungen eines Gelehrten von internationalem Ruf einfach mit der kategorischen Erklärung Lügen zu strafen, er habe den Unterschied zwischen dem echten Porzellan und einer Glasfritte oder gar der gewöhnlichen Fayence nicht gekannt."

Daher wäre es laut Sammlungschef Pietsch das Beste, wenn die Dose wieder auftauchte. "Dann könnte man mit Protonenstrahlanalyse klären, ob es sich um echtes Porzellan handelt." Der gelbliche Schimmer, den die Dose hat, spricht dafür, dass sie aus eisenoxydhaltigem Colditzer Ton gebrannt wurde, den auch Böttger nach Tschirnhaus' Tod zunächst noch verwandte. Ganz weiß brannten nur Werkstücke aus der bei Schneeberg entdeckten "Schnorrschen Erde". Denn die erwies sich später als jener lang gesuchte weiße Ton, aus dem auch die Chinesen seit Jahrhunderten ihr Porzellan brannten: das nach seiner chinesischen Ursprungsregion Kaoling benannte Kaolin.

Bezeichnend findet Christof von Tschirnhaus, dass die meisten zeitgenössischen Quellen die Porzellanentdeckung noch anders reflektierten, als es in folgenden Jahrhunderten geschah. Das ab 1732 erstellte "Zedler"-Lexikon, mit 68.000 Seiten die größte Enzyklopädie ihrer Zeit, hielt fest, dass "der berühmte Herr von Tschienhausen in Dreßden dem damaligen Herrn Baron Bötticher" das Porzellan-Geheimnis eröffnete. 1719 räumte sogar der Generalsekretär der Meissner Manufaktur, Caspar Bussius, in einem Bericht ein: "dass die Porzellanerfindung nicht von Böttger, sondern von dem seeligen Herrn von Tschirnhausen herkommt". Mit urkundlichen Belegen seiner Hypothese hat Christof von Tschirnhaus inzwischen bereits für Änderungen in Schulbüchern und Lexika gesorgt, die nun Tschirnhaus als Porzellanerfinder nennen.

Bittet man in der Meißener Manufaktur um Einsicht in Archiv-Akten zur Tschirnhaus-Böttger-Frage, wird man statt an die Geschäftsführung gleich an den Justiziar verwiesen. Dem Gerassel der Porzellanschwerter folgt jedoch nach Tagen eine E-Mail-Antwort der Pressestelle: "Die neue Geschäftsführung der Manufaktur ist gerade mit dieser Fragestellung befasst", schreibt Manufaktur-Sprecherin Cornelia Imhof. Zur "Meinungsbildung" sei Christof von Tschirnhaus zum Gespräch eingeladen. Folgt jahrhundertelangem Schwerterklirren nun ein Handschlag?

Von Jens Eumann


Erschienen am 17.02.2010


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