Christine Stellmaszick (69) ist eine von sechs Bundesfreiwilligen, die die Arbeit im Kispi unterstützen. Die Grünbacherin ist momentan die älteste Teilnehmerin des Freiwilligendienstes im Vogtlandkreis. Foto: Joachim Thoss
Ältere erobern Bundesfreiwilligendienst
Angebot erfreut sich auch in Sachsen großer Beliebtheit
Chemnitz. Als vor rund sieben Monaten in der Republik der Bundesfreiwilligendienst anstelle des Zivildienstes trat, bezweifelten viele - auch Sozialverbände in Sachsen - dass die Rechnung aufgehen würde. Doch entgegen aller anfänglicher Start- und Imageprobleme sprechen Verantwortliche mittlerweile von einem Erfolg - Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gar von einem "riesigen Erfolg".
Das ist wohl nicht übertrieben. Denn es ist abzusehen, dass die eingeplanten 35.000 Plätze bald vergeben sein werden. Dafür spricht, dass bereits rund 30.000 Verträge abgeschlossen sind. Und beantragte Stellen können mit Verweis auf das aufgebrauchte Kontingent nicht bewilligt werden. Eine Aufstockung der Mittel wäre zwar wünschenswert, komme aber wegen Haushaltsfragen nicht in Betracht, heißt es aus dem Berliner Arbeitsministerium. Um weitere Stellen einzurichten, müsse der Bundestag zusätzliche Mittel bewilligen. Insgesamt wird in diesem Jahr mit rund 60.000 Bewerbungen gerechnet.
Vor allem Ältere sind recht dienstbeflissen. Mittlerweile ist im BFD jeder Fünfte älter als 27 Jahre. Bei der Diakonie in Sachsen zum Beispiel stehen 107 Frauen und Männer im Dienst - 59 sind zwischen 40 und 60 Jahren, vier älter als 60. Bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) leisten im Freistaat 117 Personen Dienst - 74 zählen mehr als 27 Jahre, 16 Frauen und Männer haben die 60 überschritten. "Stimmt, gerade für Ältere ist der Bundesfreiwilligendienst eine Bereicherung", sagt Riccarda Lange. Seit Monatsanfang ist sie jetzt als Bufdi, wie die Freiwilligen genannt werden, bei der Plauener Tafel. In der Küche sorgt sie mit dafür, dass das Essen, welches für die Bedürftigen zum Beispiel von Großmärkten bereitgestellt wird, ordnungsgemäß abgepackt über die Tafel geht. "Ich war schon vorher als Ehrenamtliche hier", erzählt die Frau. "Jetzt als Bufdi verdiene ich mir ein kleines Taschengeld dazu. Anderswo zählt man mit 56 Jahren zum alten Eisen. Hier werde ich gebraucht, und das tut gut." In der Arbeitsloseninitiative (ALI) Sachsen, zu der die Tafel gehört, tun gegenwärtig insgesamt 26 Bufdis unter anderem in der Kleiderkammer, der Suppenküche, in Sozialberatungen und in Arbeitslosentreffs Dienst. "Bei uns haben sich bisher ausschließlich ältere Menschen um eine BFD-Stelle beworben", berichtet Konstanze Schumann, ALI-Geschäftsführerin. "Sie arbeiten 18 Monate, 30 Stunden pro Woche und bekommen 247,50 Euro", erklärt Schumann.
"Wir werden noch 20 Stellen für den Garten- und Landschaftsbau beantragen. Mit solchen Projekten wollen wir vor allem in die ländliche Region im Vogtland ziehen." Bisher habe man mit dem Bundesamt für Familie- und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln und dem Berater vor Ort gut zusammengearbeitet. "Darauf hoffen wir weiter, denn wir haben noch eine Warteliste für den BFD abzuarbeiten."
Kein Wunder, dass die über 27-Jährigen jetzt das Feld erobern. Vor dem BFD gab es für sie ja keine Möglichkeit, sich auf eine solche Weise sozial zu engagieren. Das Freiwillige Soziale Jahr und das Ökologische Jahr ist den Jungen unter 27 Jahren vorbehalten. Diese sollen sich in der Zeit orientieren können, die Berufswahl noch einmal unter die Lupe nehmen. Froh darüber, dass es den BFD gibt, ist noch eine andere Gruppe: die Langzeitarbeitslosen. Im Bundesvergleich ist ihre Anzahl aufgrund der wirtschaftlichen Situation in den Ländern Sachsen und Thüringen leicht überdurchschnittlich. In den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege in Sachsen sind derzeit 537 BFD-Stellen besetzt - beantragt waren 696. Der Bedarf liegt laut Liga der Freien Wohlfahrtspflege über der genannten Zahl. Sachsens Sozialverbände plädieren deshalb für eine Ausweitung des Bundesfreiwilligendienstes.
Die Caritas etwa braucht nach eigenen Angaben neben den 65 bewilligten Stellen noch 140 Freiwillige. Beim DRK, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und der Diakonie stellt ist die Situation ähnlich. Ziemlich krass ist die Lage bei der Arbeiterwohlfahrt: 250 beantragten Plätzen stehen 117 bewilligte gegenüber. Für die übrigen 133 gibt es bislang keine Zusage vom Bund.
Dabei, so die Verantwortlichen, gebe es im Altenpflegebereich, in Bildungsstätten sowie in Kindertages- und Behinderteneinrichtungen für Freiwillige genügend zu tun. Auch die Geschäftsführerin der Paritätischen Sachsen, Birgitta Müller-Brandeck, sieht die Geschichte des Bundesfreiwilligendienstes als Erfolg. Trotzdem warnt sie, dass bei aller Euphorie die "gestandenen Dienste", wie das Freiwillige Soziale Jahr und das Ökologische Jahr für junge Leute, nicht auf der Strecke bleiben dürfen und nach wie vor entsprechend gefördert werden müssten.
►www.bundesfreiwilligendienst.de