Martin Sabrow Martin Sabrow: "Die Bedeutung des Ost-West-Gegensatzes schwindet."

Foto: Jürgen Baumann/ZZF

"Bilder prägen unser Gedächtnis"

Der Historiker Martin Sabrow über Katastrophen, ihre Überwindung und die Kraft der visuellen Medien

Martin Sabrow, Professor an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam, ist auf die Themen Erinnerung, DDR und deutsche Teilung spezialisiert. Mit ihm sprach Robert Schröpfer.

Freie Presse: Welchen Einfluss können Katastrophen auf den Zusammenhalt von Gemeinschaften haben?

Martin Sabrow: Politische wie Naturkatastrophen können im kollektiven Gedächtnis als Trauma und Inbegriff nationalen Unglücks, aber auch als Ausdruck erfolgreicher Krisenbewältigung gespeichert werden. Wenn wir in diesen Tagen nach Amerika schauen, so könnte das Ölbohrloch im Golf von Mexiko zu einem wichtigen Ausdruck amerikanischen Selbstverständnisses werden: "Wir krempeln die Ärmel auf und zeigen der Welt, dass Umweltschutz bei uns in besten Händen ist!" Wie wir aber auch erlebt haben, können mit dem Auslaufen des Öls die politischen und sozialen Gegensätze weiter zunehmen.

Freie Presse: Wovon hängt es ab, welche Lesart sich durchsetzt?

Sabrow: Von verschiedenen Faktoren, nicht zuletzt dem Gelingen der Krisenbewältigung selbst. Eine ganz dramatische Rolle spielen aber auch die mediale Vermittlung und Bilder. Bilder sind die Ikonen unserer Gedächtnisbildung. Wo sie generiert werden, tragen sie zur Verständigung von sozialen Milieus, Gruppen und Gesellschaften bei.

Freie Presse: Hilflose Menschen auf Dächern, aber auch die Vielzahl freiwilliger Helfer aus Ost und West - mit diesen Bildern hat sich 2002 das Elbehochwasser eingeprägt. Wofür stehen sie im Gedächtnis der Deutschen?

Sabrow: In erster Linie für die unbeherrschbaren Herausforderungen der Moderne, dafür, dass die Regulierung von Flüssen die Auen zerstört und damit die Menschen und ihre Siedlungen bedroht. Außerdem verbindet sich mit ihnen aber auch ein Schritt zur Überwindung des Ost-West-Gegensatzes, der unter dem Eindruck gemeinsamen Erlebens und Handelns in den Hintergrund tritt.

Freie Presse: Würden Sie so weit gehen, von einer emotionalen Wiedervereinigung zu sprechen?

Sabrow: So weit würde ich nicht gehen. Der Begriff des Jahrhunderthochwassers ist auch ein Stück weit relativiert. 1997 gab es eins an der Oder, 2002 an der Elbe, und die Bilder vermischen sich auch. Für jemanden, der am Rhein oder der Mosel lebt, spielen sie nicht dieselbe Rolle wie für jemanden, der in der Nähe der Elbe zu Hause ist. Deshalb würde ich das Elbehochwasser nicht als ein alleinstehendes Ereignis diskutieren, sondern eingebettet in eine Ereignisstruktur, die sich auch anderswo zeigt: Die Überzeugungskraft des Ost-West-Gegensatzes schwindet in unserer Gegenwartskultur. Der Fußball etwa, aber auch politische Krisen werden heute stärker als Gelegenheiten wahrgenommen, bei denen wir gemeinsam leiden und zeigen können, dass wir auch zusammen etwas anpacken können.

Freie Presse: Das heißt, der traditionelle Ost-West-Gegensatz spielt für die Gegenwart kaum noch eine Rolle?

Sabrow: Im Fußball wurde früher von WM zu WM aufgelistet, welche Spieler der deutschen Nationalmannschaft aus dem Osten und aus dem Westen kommen. In diesem Jahr war das aber kein Thema. Es spielt keine Rolle im Kampf um die Kapitänsbinde, ob Philipp Lahm oder Michael Ballack aus Ost oder West stammen. Und auch bei der Kandidatur Joachim Gaucks für das Amt des Bundespräsidentenamten gab es nicht die Diskussion, ob wir jetzt etwa ganz von Ostdeutschen regiert werden. Natürlich könnte bei geeigneter Gelegenheit - bei Skandalen - dieser Gegensatz schnell wieder aufflackern, aber vermutlich nur noch mit abgeschwächter Bedeutung.

 
erschienen am 18.07.2010
 
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