"Mit Rollstühlen oder Kinderwagen kommt man auf dem Pflaster kaum vorwärts": Behindertenbeiratschef Klaus Möbius am Altmarkt.Foto: A. Truxa
Chemnitzer Markt bleibt eine Stolperstrecke
Baubürgermeisterin scheitert erneut mit Gestaltungskonzept am Rats-Veto
Chemnitz. Chemnitz. Der Vorsitzende des Chemnitzer Behindertenbeirates Klaus Möbius ist fassungslos: Nach Jahren der Planung und Debatten konnten sich Stadträte und Verwaltung nicht einmal auf den Kompromissvorschlag für behindertengerechte Pfade über den Markt und Neumarkt verständigen: Der Bauausschuss hat den Verwaltungsvorschlag mit Stimmen von FDP, SPD und CDU abgelehnt. Damit bleibt vorläufig alles wie es ist. "Wir stellen das auf Wiedervorlage spätestens in vier Jahren", sagte Baubürgermeisterin Petra Wesseler nach der Entscheidung.
Die wichtigsten Plätze in der Stadt behalten damit ihre Oberfläche mit den großen Fugen, sie bleiben schlecht begehbar und für Menschen wie den Rollstuhlfahrer Klaus Möbius kaum benutzbar. "Wir reden seit mindestens sechs Jahren über den Markt, nun wird weitere fünf Jahre nichts werden. Für mich ist es dann eh gegessen, weil ich zu alt bin", quittierte er die Entscheidung verbittert.
Vor zwei Jahren waren Wesselers Ideen zur Bepflanzung von Markt und Neumarkt im Stadtrat durchgefallen, weil die Mitglieder mit der Lösung nicht zufrieden waren und Einschränkungen für Veranstaltungen befürchteten. Seither ließ die Bürgermeisterin ein Gesamtkonzept zur Gestaltung und Begrünung erarbeiten. Während ihrer Beratung schmolzen die Vorschläge immer mehr zusammen. Wegen des Widerstandes des Marktamtes, das auf der Funktionalität der Plätze beharrte, und aus Kostengründen legte die Stadtverwaltung Begrünungspläne zu den Akten. Auch vom Gedanken, beide Plätze ganzflächig neu zu pflastern, verabschiedete sie sich, unter anderem weil sonst eine Rückforderung von Landes-Fördergeld für den erst vor knapp zehn Jahren erfolgten Pflasteraustausch drohte. Das Granitpflaster sollte daher auf einer Fläche von rund 1100, später nur noch über 600 Quadratmetern herausgenommen werden: Die Steine würden abgeschliffen und neu verlegt, damit auf gut begehbaren Pfaden eine glatte Oberfläche und schmale Fugen entstehen. Doch selbst der Vorschlag, für rund 270.000 Euro Pfade anzulegen, wurde auf Stadtratsantrag zugunsten anderer Projekte zusammengestrichen: Am Ende sollten es noch zwei Streifen für zusammen rund 150.000 Euro sein: von der Galerie Roter Turm Richtung Rathaus sowie am Lukretia-Portal am Alten Rathaus über den Altmarkt.
Am Ende fiel auch dieser Vorschlag im Ausschuss durch. So erteilte Jürgen Konrad (FDP) ihm schlechte Noten: "Diese Streifen sind Kosmetik, Geldverschwendung und helfen den Behinderten nicht." Fehler, die bei der jüngsten Pflasterverlegung gemacht wurden, könnten nicht kosmetisch behandelt werden, warnte Konrad. "Es geht um die Aufenthaltsqualität eines zentralen Platzes. Dafür sollte man warten, bis es eine richtige Lösung gibt", forderte er. "Über einen großstädtischen Platz wird mittlerweile sehr kleinkariert diskutiert", stellte Tino Fritzsche (CDU) fest. Und Detlef Müller (SPD) fragt sich, ob mit dem reduzierten Budget überhaupt etwas erreichbar sei: "Wir werden uns in einigen Jahren fragen lassen müssen, was wir mit den 150.000 Euro Baukosten geschafft haben."
Dass begehbare Markt-Pfade wegen der Förderbedingungen derzeit die Maximal-Lösung sind, stellte Tiefbauamtsleiter Bernd Gregorzyk klar. Wegen des gebrauchten Großpflasters sei die Barrierefreiheit "in der Qualität, die uns vorschwebt", nicht erreichbar. Hinzu komme der zu große Abstand zwischen den Fugen von bis zu 3,5 Zentimetern, statt der beim Neubau im Jahr 2000 angestrebten 1,5 Zentimeter: "Das ist und bleibt Pfusch." Zwar könne man die Fugen in kürzeren Zeiträumen mit Sand verfüllen. Doch das Grundproblem werde damit nicht beseitigt: Mit der zu großen Fugenbreite müsse man leben.
Nach der Ablehnung durch den Ausschuss forderten die Grünen am Mittwoch schnellstens ein neues Gesamtkonzept für den Markt - "und nicht erst in vier Jahren". Dieses Konzept könne in Jahresscheiben verwirklicht werden: Noch in diesem Jahr müsse ein neuer Bauausführungsbeschluss her, "um die 2010 zur Verfügung stehenden 150.000 Euro sinnvoll und nachhaltig in die ,Renovierung' unseres ,Wohnzimmers' investieren zu können."
Die Liberalen schlugen vor, bis zu einer "vernünftigen Lösung" das bislang für die Marktsanierung geplante Geld in andere, kleine Projekte für mehr Barrierefreiheit im Stadtgebiet sowie zur Beseitigung von Schäden an Straßen und Gehwegen nach dem Winter zu stecken.