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Die Hoffnung eines Optimisten

Der in Dresden und Manhattan lebende Musiker Jan Vogler über die unglaubliche Toleranz der New Yorker und ihre trotzige Kraft, nach vorne zu schauen

Er ist ein Pendler zwischen den Welten. Jan Vogler ist in Dresden und New York zu Hause. Als Intendant der Dresdner Musikfestspiele und Leiter des Moritzburg-Festivals lebt der Musiker in Sachsens Hauptstadt. Als international anerkannter Solo-Cellist, der bereits mit 20 Jahren erster Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle war, wohnt der 47-Jährige mit Familie in Manhattans Upper West Side, in einem Musikerviertel. Als die Berliner Mauer fiel, war er in New York. Und wie hat er den 11. September 2001 erlebt? Darüber haben Ulrich Hammerschmidt und Matthias Zwarg mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Sie wurden 1964 in Berlin geboren, arbeiteten ab Mitte der 80er-Jahre in Dresden. Wann waren Sie, der als DDR-Bürger zur Welt kam, das erste Mal in New York?

Jan Vogler: Das war 1987. Ich war mit der Staatskapelle auf USA-Tournee. In Amerika habe ich mich sofort wohlgefühlt - und als DDR-Bürger sofort dieses Freiheitsgefühl, diese Offenheit gespürt und genossen. Denn für einen wie mich, der aus einer hermetisch abgeriegelten Welt kam, war die Weite des Landes absolut faszinierend. Von Chicago aus reisten wir damals nach New York.

Freie Presse: Wie hat New York auf Sie gewirkt? Denn diese Stadt ist ja noch einmal etwas ganz besonderes unter den Großstädten in den USA, ist eine eigene Welt …

Jan Vogler: Ja, New York sprach mich sehr an. Für einen Künstler ist diese Stadt ideal - mit all ihren Farben, allen Facetten, mit einer trotzigen Kraft, einer unglaublichen Toleranz und mit sehr viel Platz für Individualismus. Wir gaben zwei Konzerte in der Carnegie-Hall, danach ging es spät abends in einen Jazz-Club bis früh morgens, damals habe ich kaum geschlafen. Und ich konnte mir sofort vorstellen, dort zu leben.

Freie Presse: Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, da zu bleiben?

Jan Vogler: Diese Überlegungen waren immer da. Aber der Preis wäre hoch gewesen, das hätte ja bedeuten können, dass man seine Eltern, Geschwister, Freunde nie wieder sieht. Es konnte ja keiner ahnen, dass die Wende kommt. Doch gerade während dieser Tournee sind viele Entschlüsse gereift. So hatte ich - wieder zuhause in Dresden - die Frechheit, dem Intendanten der Semperoper zu sagen, dass ich ein Jahr im westlichen Ausland studieren möchte. Dazu wäre es ohne die Erfahrung USA vielleicht nicht gekommen.

Freie Presse: So sind Sie später nach Basel gegangen, um bei Heinrich Schiff, einem der weltbesten Cellisten, zu studieren. Doch Amerika hat Sie nicht losgelassen…

Jan Vogler: Stimmt, von 1988 an war ich vier Jahre lang jeden Sommer beim Marlboro Music Festival in Vermont. Dort lernte ich auch meine Frau Mira Wang kennen, die aus China kam und nach Boston gezogen war. Mit dem Marlboro-Festival war ich dann auch 1989 in New York auf Tournee, als in Berlin die Mauer fiel. Als 1996 der Zeitpunkt gekommen war, mich von der Staatskapelle Dresden zu trennen und mich ganz auf meine Tätigkeit als Solist zu konzentrieren, war meiner Frau und mir ziemlich schnell klar: Wir brauchen ein Musikzentrum, wo wir hineinhorchen können in den musikalischen Geist unserer Zeit. Also sind wir nach New York gezogen.

Freie Presse: Ein Ost-Berliner kriegt in New York mit, dass die Mauer gefallen ist. Wie haben die Amerikaner, mit denen Sie damals zusammen waren, darauf reagiert?

Jan Vogler: Die Leute fielen sich um den Hals und haben das sehr gefeiert. Und sie haben es viel schneller verdaut als wir Deutsche selbst. Sie haben mir gesagt: Hey schau mal, im Fernsehen zeigen sie, dass die Mauer gefallen ist. Ich war skeptisch: Nein, das kann nicht sein! Wir hatten einen ganzen Rucksack voller Bedenken, sodass wir uns nicht vorstellen konnten, dass all das so einfach erledigt ist, dieser lange Konflikt, diese schreckliche Teilung. Meine amerikanischen Freunde dagegen meinten: Jetzt ist die Mauer weg, ihr seid wieder ein Land. Punkt. Danach gab es keine Diskussionen, abgehakt. Schwer verständlich erschienen ihnen die Ost-West-Konflikte. Das war ihnen zu klein. Diese Perspektive hat auch meine Haltung beeinflusst.

Freie Presse: Wie haben Sie und Ihre amerikanischen Freunde zwölf Jahre später den 11. September erlebt?

Jan Vogler: Ich war in Kanada, auf einer Konzertreise. Ich sah die Ereignisse im Fernsehen, Mira ebenfalls, sie war in Dresden. Wir waren alle in Schockstarre. Was machen wir? Meine Frau sagte sofort: hinfahren. Wir wollten unseren Freunden gegenüber nicht den Eindruck erwecken, uns fernzuhalten, abzuwarten, was passiert. Wir wollten dabei sein, das alles zu verarbeiten. Also habe ich ein Auto gemietet, machte mich von Montreal aus auf den Weg. Mira hatte Glück, fand noch einen freien Platz in einem Flugzeug nach New York. Wir trafen uns am JFK-Flughafen und fuhren gemeinsam in die Stadt.

Freie Presse: Auf welche Menschen sind Sie dann in New York getroffen, auf welche Stimmung?

Jan Vogler: Es herrschte Chaos, verstopfte, gesperrte Straßen, abgeriegelte Bezirke, trauernde, weinende Menschen. In den Fahrstühlen unseres Hauses hingen Todesanzeigen, und es lag ein sehr unangenehmer Geruch in der Luft. Dann war es so, wie es oft in Krisenzeiten ist: Es überwog eine gefasste und fast positive Stimmung, und die Bürger der Stadt sind in dieser Zeit auch zusammengewachsen. Es gab eine unglaubliche Solidarität.

Freie Presse: Ist diese Solidarität, von der Sie sprechen, typisch für New York?

Jan Vogler: Eigentlich nicht, eigentlich ist der New Yorker der typische Individualist, dessen Lebensmotto ist: Lass mich mein Leben leben, dann lass ich dich dein Leben leben. Jeder baut sich seine eigene Existenz, aber das mit großer Rücksicht auf den anderen, sonst könnten so viele Leute in einer Stadt gar nicht so zusammenleben. Ansonsten kann sich jeder alles komplett so einrichten, wie er will - ob Filmstar oder Klempner. Jeder hat seine Privatsphäre. Nach dem 11. September war es das erste Mal, dass ich die New Yorker so mitfühlend erlebt habe.

Freie Presse: Ist von dieser Solidarität bis heute etwas geblieben?

Jan Vogler: Auf jeden Fall. New York lebt ein anderes Leben nach dieser Katastrophe. Es ist eine gewisse Selbstverständlichkeit im Umgang mit Gefahr geblieben. Katastrophen prägen einen Menschen. Ich selbst bin mit Großmüttern aufgewachsen, die vom Krieg erzählten, von Bombenangriffen und Zerstörung. Ich habe als Kind vom Krieg geträumt. Als ich Mitte der 80er-Jahre nach Dresden kam, waren da immer noch Berge von Trümmern. Das Stadtschloss bestand aus verkohlten Mauern, das Taschenbergpalais war eine Ruine, in der ein paar Katzen lebten, Birken wuchsen. So sind wir mit den Zeichen der Zerstörung aufgewachsen.

Freie Presse: Kann man das, was in New York geschah, mit der Zerstörung Dresdens vergleichen?

Jan Vogler: Nein, überhaupt nicht! Das eine geschah in einem Krieg, den Deutschland als Aggressor verschuldet hatte. Das andere war ein für mich völlig unerklärlicher Terrorangriff auf eine Stadt, die zuvor das Glück hatte, unverwundet zu sein. Solche Städte kannte ich nicht, auch meiner Heimatstadt Berlin sah man die Zerstörung an. Aber die Folgen kann man vergleichen, Leid und Trauma für die Bevölkerung. Was mich beschäftigte: Ausgerechnet dem toleranten New Yorker, der mit jeder Religion, mit jeder Lebensweise einverstanden ist - ausgerechnet dieser Hochburg des Internationalen, in der Leute aus aller Welt arbeiten, wo alle Kulturen friedlich zusammen leben, widerfährt diese Katastrophe.

Freie Presse: Wie ernüchternd war die Vertreibung aus diesem Paradies?

Jan Vogler: Die ernüchternde Erkenntnis war: Man kann sich selbst durch Toleranz, durch Offenheit nicht davor schützen, in derartige Konflikte hineingezogen zu werden.

Freie Presse: Kam Ihnen nach dem 11. September der Gedanke, das könnte der Beginn eines Krieges gewesen sein, vielleicht eines Dritten Weltkrieges sogar?

Jan Vogler: Nein. Viele meiner Freunde sagten zwar, als Präsident Bush seinen Krieg begann: Jetzt folgen Vergeltungsschläge. So dachte ich nicht, weil ich unter Terror nicht Krieg verstehe. Terror ist für mich das Unerklärliche. Ein Terrorakt geht aus von einer Gruppe, die eine politische Motivation vorgibt, diese aber in Wahrheit nicht hat.

Freie Presse: Welche Motivation stand Ihrer Meinung nach also hinter diesem Terrorakt?

Jan Vogler: Das einzuschätzen, steht mir nicht zu. Das können Fachleute besser. Zumindest hab ich diesen Terrorakt als Einzelaktion gesehen und nicht als einen beginnenden Krieg zwischen den USA und der islamischen Welt. Denn ich glaube, dass gerade jetzt mit Blick auf die Konflikte in Libyen oder Syrien klar ist, dass die arabische und vom Islam geprägte Welt nicht über einen Kamm zu scheren ist, und die schlimmste Verallgemeinerung wäre: Das sind alles Fundamentalisten. Dort hat man ja auch die Hoffnung, dass andere Kräfte zum Zuge kommen.

Freie Presse: Sie glauben also weiterhin an das, was Sie als den Geist von New York beschreiben: an die friedliche Koexistenz  - und nicht an einen heraufziehenden Kampf der Kulturen?

Jan Vogler: Man lebt sehr aufgeklärt in New York, das ist das, was ich an dieser Stadt liebe. Man lernt zum Beispiel einen Taxifahrer aus Syrien kennen, der gegen die Regierung seiner Heimat wettert. Das ist ein winziges Stück gelebte Globalisierung - so wie es sie auch in Dresden beim Moritzburg-Festival gibt: Wir merken gar nicht mehr, ob ein Musiker aus Afrika, Asien, Europa kommt.

Freie Presse: Probleme, die die Globalisierung mit sich bringt, sehen Sie nicht?

Jan Vogler: Oh doch! Wir jetten zwar um die Welt, treffen den Taxifahrer aus dem Iran und den Programmierer aus Indien, aber verstehen wir wirklich die anderen Kulturen? Nein! Haben wir ein tiefes Verständnis der jüdischen Kultur, der jüdisch-christlichen Wurzeln von Europa oder auch für Asiens Bevölkerung, an die wir Europäer unsere Waren verkaufen? Nein! Dieses gegenseitige Verständnis braucht lange. Musiker und Wissenschaftler sind schon sehr gut vernetzt, auch die Wirtschaft kann sehr schnell global agieren. Die langsamste Art der Globalisierung ist die politische, die zudem von den Menschen viel Toleranz verlangt. Laut einer Studie verbringen die meisten Menschen den Großteil ihres Lebens in einem Zehn-Kilometer-Radius, den sie nur selten verlassen. Da ist es sehr schwer, Menschen 1000 Kilometer weiter entfernt wirklich zu verstehen. Es ist also eine große politische Herausforderung, den Menschen zu zeigen, was andere Menschen in einem anderen Umfeld bewegt.

Freie Presse: Können Sie nachvollziehen, dass Globalisierung etliche Menschen nicht als Chance begreifen, sondern sie verängstigt, weil sie die eigene Individualität und Identität in Gefahr bringt?

Jan Vogler: Globalisierung gefährdet nicht die eigene Identität. Im Gegenteil. Sie verhindert die Isolation der eigenen Kultur. Globalisierung heißt, es herrscht mehr Funkverkehr zwischen den Kulturen, heißt aber nicht, dass man seine eigene Kultur aufgeben muss. Gesellschaftliche Globalisierung bedeutet, dass man Verständnis aufbaut für andere Kulturen und Lebensweisen.

Freie Presse: Nach dem New Yorker Prinzip: Ich mache mein Ding und du deines …

Jan Vogler: Teilweise sicher. Aber nur in Verbindung mit einem Verantwortungsgefühl für die gesamte Erde - das funktioniert bisher am schlechtesten. Das merkt man auch bei Katastrophen wie in Fukushima: Das ist ein Problem der gesamten Menschheit, aber wir bewältigen es nicht zusammen, sondern viele stehen abseits, schauen nur zu, hoffen, dass dies nie in unserem Lebensraum passiert.

Freie Presse: Sollte also die ganze Welt auf dem Weg, gemeinsam Verantwortung für diesen Erdball zu übernehmen, ein bisschen wie New York sein?

Jan Vogler: Ja, Großstädte mit einem solch internationalen Mix haben eine Vorreiterrolle. Bei Berlin sieht man das jetzt auch, es entwickelt sich zu einer Stadt, in der Toleranz notwendig geworden ist, weil so viele Kulturen aufeinandertreffen. Ich will New York dennoch nicht glorifizieren. Ist New York besser als Dresden? Nein! Dresden steht für gewachsene Kulturgeschichte, New York für neue Energie, die dafür sorgt, dass diese Stadt nach dem 11. September nicht in diesem Trauma stehen geblieben ist, sondern sich sofort wieder nach vorne orientiert hat.

Freie Presse: Manchmal würde man sich für Dresden auch etwas mehr von dieser Energie wünschen, oder?

Jan Vogler: In Dresden gibt es viel Neues, zum Beispiel in der Wissenschaft. Außerdem ist es für mich persönlich sogar so, dass ich durch den erlebten Kontrast zwischen den beiden Orten wieder das Gegenteilige schätze und nicht dem einen etwas von den Eigenschaften des anderen aufdrängen möchte. In Dresden lebt man inmitten von vielen Traditionen in einer wunderbaren Umgebung, es ist eine ganz andere Art von Leben.

Freie Presse: In Dresden führt Sie mancher Weg sicher an der wieder aufgebauten Frauenkirche vorbei. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie sich in New York dem Ground Zero nähern?

Jan Vogler: Die schlimmste Phase war sicher die, in der das riesige Loch am Ground Zero klaffte. In dieses konnte man reinschauen, man sah irgendwo am Rand auf halber Höhe eine U-Bahn raus- und wieder reinfahren, diese Bahn wirkte wie eine Spielzeug-Bahn - wie ein Regenwurm. Jetzt, wo es wieder nach oben geht, man wieder aufbaut, ist das einfach ein schönes Gefühl, sagen zu können: Diese Wunde wird wieder geschlossen. Auch wenn man mit einem Vergleich sehr vorsichtig sein muss - das sagen zu können, war auch für die Dresdner mit Blick auf die Frauenkirche sehr schön.

Freie Presse: Die Weltkriege, der 11. September 2001. Hat sich die Welt dazwischen und danach verändert?

Jan Vogler: Ja, das hat sie. Man muss in größeren Zeiträumen denken, zurückblicken auf ein Jahrhundert voller Katastrophen. Immer wieder hat es furchtbare Rückschläge gegeben, sicher. Aber wenn man auf die Kriege des 20. Jahrhunderts zurückschaut, sich in Erinnerung ruft, wie viele Millionen Menschen sinnlos gestorben sind, finde ich, dass die Welt sich insgesamt zum Positiven verändert - und dass wir vielleicht die Chance haben, diese positive Entwicklung schnell genug vorantreiben, um die Probleme, die uns vor dem Ziel noch zerstören könnten, in den Griff zu kriegen. Ich glaube an die menschliche Kreativität, die den destruktiven Energien zehn Prozent voraus ist.

Freie Presse: Ihr Optimismus scheint ja grenzenlos zu sein. Gibt es wirklich keine Grenzen für Sie?

Jan Vogler: Eigentlich nicht, weil ich finde, Optimismus ist als Lebenseinstellung eine Verpflichtung. Aber auch Skepsis gehört zum Leben.

Freie Presse: Dennoch: Dieser Optimismus scheint typisch amerikanisch zu sein. Hat die Lebensart auf Sie abgefärbt, den deutschen Bedenken-Träger, der Sie beim Fall der Mauer noch gewesen sind?

Jan Vogler: Im Augenblick sind die Amerikaner eher pessimistisch. Die Wirtschaftsentwicklung ist schwierig, viele Leute haben ihre Arbeit verloren. Deutschland dagegen erscheint mir im Moment viel optimistischer zu sein als die USA - trotz Euro-Krise. Da ist es mein kleiner Vorteil, dass man zwei Lebensmittelpunkte hat, man kann sich raussuchen, wo es gerade gut läuft. (lacht) Ich bin generell an positiver Energie interessiert und nicht an negativer, das habe ich schon sehr früh entschieden in meinem Leben. Das ist eine Lebenseinstellung, die nichts mit Amerika oder Deutschland zu tun hat. Ich war auch in der DDR schon sehr optimistisch, schon als Kind. Ich bin vielleicht als Optimist geboren worden ...

 
erschienen am 10.09.2011
 
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