Franziska Glück und ihr Kater Erwin. "Tiere sind mein Leben", sagt sie.
Foto: Ellen Liebner
Ein Unfall, zwei Schicksale
Franziska Glück ist seit zehn Jahren schwer behindert - Der Unfallverursacher sorgt für sie
Plauen. "Wenn sie stirbt, springe ich vom Balkon." Das sagte Hanno Schneider* vor zehn Jahren.
Am Freitag waren sie im Aldi, Franziska Glück und Frau Schneider. Franziska kaufte nur Spittel, sagt sie. Weiße Rosen für den Tisch, Mozzarella-Käse und Hefe, weil sie Butterkuchen backen will. Sie hätte nicht einkaufen müssen. Aber weil Frau Schneider angerufen und gefragt hatte, ob sie mitfährt, tat sie das eben. Besser als daheimsitzen.
Franziska Glück würde gerne arbeiten. "In die Behindertenwerkstatt will ich mich aber nicht abschieben lassen", sagt sie. Eigentlich würde sie alles machen, Hauptsache unter Leuten, aber bitte nicht den ganzen Tag mit Menschen zusammen sein, die behindert sind. Aber wer stellt schon jemanden ein, dem es schwerfällt, sich die Butter aufs Brot zu schmieren? Also lebt sie von dem Geld, dass ihr die Versicherung jeden Monat zahlt. Seit zehn Jahren.
Der 4. Mai 2002 verändert ihr Leben. Es ist ein verregneter Samstag. Franziska, 16 Jahre alt, hat einen Freund, der schon Auto fahren darf. Sie waren in Tschechien, Zigaretten holen und tanken. Als sie am späten Nachmittag zurückkommen, passiert an der Oelsnitzer Straße dieser Unfall. Aus der Bickelstraße rollt ein Seat auf die Hauptstraße, so weit, dass Franziskas Freund ausweichen muss. Er gerät ins Schleudern und landet am Oberleitungsmast der Straßenbahn. Sie ist die Beifahrerin, und der Betonmast drückt sich so sehr in ihre Seite, dass der Sitz noch so breit ist wie ein Blatt.
"Jedes Mal, wenn ich ein Martinshorn höre, sind die Bilder wieder in meinem Kopf", sagt Hanno Schneider, 62. Der 4. Mai vor zehn Jahren veränderte auch sein Leben. Er war der Mann, der im Seat saß und dem schwarzen VW mit den jungen Leuten die Vorfahrt nahm. 1500 Euro musste er als Strafe zahlen, dazu kamen fünf Punkte in Flensburg. Später habe sich herausgestellt, dass der VW-Fahrer zu schnell gefahren sei. Die Schuld lastet ewig auf ihm, sagt Hanno Schneider.
Er ist ein Mann, der öfters für andere unterwegs ist. Ein Familienvater mit zwei erwachsenen Kindern, Schrebergarten, sicherer Arbeit und einer Frau, die ihn in den vergangenen Jahren wie ein Anker im Leben gehalten hat. "Damals haben viele Menschen für uns gebetet", erinnert sich seine Frau. Sie sagt, dass sie Angst hatte um ihn.
An jenem Samstagmorgen kauft Hanno Schneider im Elektroladen einen Kühlschrank für seine Mutter. Auf dem Anhänger fährt er ihn zur Mutter nach Weischlitz. Am späten Nachmittag will er den Hänger wieder in die Garage schaffen, und dazu muss er die Oelsnitzer Straße überqueren. Er hätte in zehn Minuten wieder daheim sein müssen. Sie haben ausgemacht, dass seine Frau vor die Haustür kommt, denn sie wollen die frisch gewaschene Wäsche zum kranken Schwiegervater fahren. Aber Hanno Schneider kommt nicht nach zehn Minuten.
So ungerecht ist das Leben, denkt er: Während sein Auto nicht mal einen Kratzer abkriegt, kämpft dieses Mädchen um sein Leben.
Letzten Sommer ist Franziska Glück umgezogen, weil in ihrer alten Wohnung Schimmel war. Sie lebt allein in Neundorf. "Du glaubst nicht, wie schwer das ist, eine behindertengerechte Wohnung zu finden. Im Erdgeschoss, ohne Türschwellen und ohne Teppich", sagt sie. Ruhig sollte die Wohnung auch sein, weil ihre beiden Katzen rausmüssen, der Erwin und die Minna.
Mit den Schneiders fuhr sie zu Ikea, um Möbel für die neue Wohnung zu kaufen. Als Überraschung brachte ihr Hanno Schneider einen neuen Fernseher vorbei. "Sie guckt ja viel", erklärt er.
Diese Unfall-Meldung stand vor zehn Jahren in der "Freien Presse".
Nach dem Unfall liegt sie vier Monate lang im Wachkoma und bleibt auf der rechten Seite gelähmt. Die Ärzte diagnostizieren Hirnblutungen und Schädelverletzungen. Sie muss das Sprechen neu lernen, ist eineinhalb Jahre in Reha-Zentren. Dass sie wieder laufen kann, ist ein medizinisches Wunder. Sie läuft langsam, ein bisschen wie ein Roboter sieht das aus. Aber sie läuft.
"Das waren die Delfine. Bevor ich bei denen war, ging es mir extrem schlecht", erzählt Franziska. Zwei Jahre nach dem Unfall war ihre Schwester Sandra mit dem Schicksal an die Öffentlichkeit gegangen. Sie sammelte Spenden für eine Delfintherapie, zwei Jahre lang. 2006 fuhren die beiden zusammen nach Florida zu den Wunder-Säugern. Danach machte sie ihre ersten Schritte.
Franziska war ein Mädchen voller Träume vor diesem Unfall. Sie träumte von einem Bauernhof und einer großen Familie. Damals machte sie eine Hauswirtschaftslehre. Heute kommt zweimal am Tag eine Hauswirtschafterin zu ihr. Sie schmiert das Frühstücksbrötchen, weil dieses Zittern in den Händen, das Ataxie heißt, nicht aufhören will. Sie wäscht, bügelt, fährt Franziska zu den Therapien, die sie beinahe täglich hat. Die Versicherung zahlt dafür. Manchmal fragt sich Franziska, ob sie ohne diesen Unfall heute wohl auch einem Schwerbeschädigten Brötchen schmieren würde. Bizarr ist das: Sie braucht heute jemanden, der den Beruf hat, den sie damals gelernt hatte.
"Franzi ist wie ein drittes Kind für uns", sagt Hanno Schneider. Der schlimmste Tag in ihrem Leben hat die Familie und dieses junge, ausgeflippte Mädchen zusammengebracht. Franziska liebt es, sich ihr Haar so zu färben, dass es auffällt. Zurzeit trägt sie Schwarz-Rot-Gold, "aber nicht wegen Fußball, um Gottes Willen".
Damals schrieb Hanno Schneider einen Brief an Franziskas Mutter. Er suchte Worte, um sich zu entschuldigen. Und er schrieb, dass er helfen will. Später telefonierten sie. Er soll sich nicht so viele Gedanken machen, habe die Mutter gesagt. Kurz danach starb sie an Brustkrebs. Zum Vater hat Franziska keinen Kontakt.
Hanno Schneider begann, Tagebuch zu führen. Er schrieb auf, wann er sie bei der Reha besuchte, wann er vor Gericht musste, wann er erfuhr, dass sie aus dem Koma erwachte. Das Unfall-Tagebuch endet 2005, als das Mädchen begann, zum Alltag der Schneiders zu gehören.
Er blättert auf das, was er am 27.12.2004 eingetragen hat - 15.15 Uhr, Franzi ruft an. Bis dahin hatten sie sporadisch voneinander gehört, doch an jenem Tag zwischen Weihnachten und Neujahr meldete sich Franziska Glück von selbst, sie wollte Hanno Schneider sprechen, und sie sagte ihm, er soll aufhören, sich Sorgen zu machen.
Sie waren beide zur falschen Zeit am falschen Ort, tröstete Franzi. "Das sei ganz liebe Leit", sagt sie heute über die Schneiders.
*Name geändert