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Fatima Dyczynski als Segelflugschülerin mit Fluglehrer Kai Müller im Juli 2006 in Auerbach.

Foto: Joachim Thoss/Archiv

Fatimas Traum vom Fliegen

Hinter dem Flugzeugabsturz in der Ukraine stehen die Namen von 298 Opfern. Unter ihnen ist Fatima Dyczynski. Im Vogtland bestieg sie zum ersten Mal ein Segelflugzeug. Die 24-jährige Raumfahrt-Studentin wollte zum Mars - und schaffte es nicht zu den Eltern nach Australien. Wer ist verantwortlich für ihren Tod? Kremlchef Putin weist jede Schuld an der Katastrophe zurück.

Von Heike Mann, Ronny Hager und Oliver Hach
erschienen am 22.07.2014

Auerbach/Perth. Die junge Frau war auf dem Weg in ein neues Leben. Ein Leben, in dem alles möglich schien - dank innovativer Technologien in der Raumfahrt. Von deren Chancen war sie fasziniert. "Sie treiben mich um - 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche", schrieb sie in ihrem Business-Profil im Internet. Moderne Technik im Weltall sollte die Menschen auf der Erde vor Naturkatastrophen bewahren, Mini-Satelliten sollten Feuer im australischen Busch melden. Und Fatima Dyczynski, 24 Jahre alt, würde eines Tages bis zum Mars fliegen.

Am 17. Juli 2014 sind all ihre Träume auf einem Feld in der Ostukraine zerschellt.

Fatima Dyczynski, deutsche Staatsbürgerin, Raumfahrtstudentin an der Universität in Delft und Mitbegründerin des Amsterdamer Datenanalyse-Unternehmens Xoterra Space, ist unter den 298 Menschen, die vergangene Woche beim Absturz des malaysischen Passagierflugzeugs im ostukrainischen Kriegsgebiet ums Leben kamen. Sie war auf dem Weg zu ihren Eltern nach Australien. Dort wollte die junge Frau ein Praktikum bei IBM machen und später mit dem Mastertitel ihr Studium in Delft abschließen. Jezy und Angela Rudhart-Dyczynski warteten am Flughafen in Perth vergeblich auf ihre Tochter.

Die verzweifelten Eltern haben sich mit einem großen gerahmten Foto ihrer Tochter aufgestellt, das sie in einem Raumanzug zeigt. Fatima Dyczynski wollte Astronaut werden - wie der Nasa-Mann Leroy Chiao, mit dem sie seit einem Treffen in Peking befreundet war. Mit tränenerstickter Stimme sagt Fatimas Vater, ein aus Polen stammender Kardiologe, einem Journalisten der australischen Zeitung "The Courier Mail": "Sie war einer der fortschrittlichsten jungen Menschen, die ich jemals getroffen habe."

Die Eltern wollten ihre Tochter mit einem BMW Cabrio als Willkommensgeschenk überraschen. Die Flugreise von Amsterdam über Kuala Lumpur nach Perth sollte eine Heimkehr für Fatima Dyczynski werden. "Ihr Traum war es, hier zu leben. Sie liebte es vom ersten Moment an. Wir unterstützten ihren Traum und trafen die Entscheidung als Familie", sagte ihre Mutter aus-tralischen Medien.

Fatimas Traum vom Fliegen hatte im Vogtland begonnen. Bevor die Familie 2007 nach Australien ging, hatte sie lange in Bad Elster gelebt. Die Mutter arbeitete als Psychologin an der dortigen Brunnenbergklinik. Fatima ging in Oelsnitz zur Schule, in Auerbach bestieg sie zum ersten Mal das Cockpit eines Flugzeugs. Beim dortigen Fliegerklub machte sie ihren Segelflugzeugschein.

Stefan Witte, einer ihrer damaligen Fluglehrer, kann sich noch gut an die junge Frau erinnern. "Sie war herausragend unter meinen Flugschülern", berichtet er. Den späteren Berufswunsch vor Augen, habe sie sich "richtig reingedacht" in die Segelflugausbildung. "Sie war sehr aufgeschlossen und ehrgeizig, die theoretischen Prüfungen hatte sie schnell abgeschlossen und auch das englische Funksprachzeugnis hatte sie schon zeitig." Als sie nach dem Abitur im Ausland studierte, hielt sie weiter Kontakt zum Fliegerklub in Auerbach. "Wir waren immer informiert, wo sie steckt", so Witte.

In der Fliegerklause auf dem Auerbacher Flugplatz gibt es sogar ein Erinnerungsstück an Fatimas ersten Alleinflug am 26. Juli 2007: eine abgebrochene Flugzeugkufe. Das Holzbrett unter dem Bug des Segelflugzeuges soll beim Landen den Aufprall abfedern. Bei Fatimas Jungfernflug brach diese Kufe. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass das Teil schon einen Riss hatte - "normaler Verschleiß", sagt Witte, "mit Fatimas Fliegerqualitäten hatte das nichts zu tun". Er ist überzeugt, dass die junge Frau eine große Karriere vor sich gehabt hätte. Deshalb sei es umso schockierender, dass sie auf so tragische Weise so plötzlich aus ihrem jungen Leben gerissen wurde. "Mir geht es da wie anderen auch: Sonst sind die Opfer eines solchen Unglücks anonyme Personen, jetzt ist es ein persönliches Schicksal, das man nachvollziehen kann."

Karen Awetisjan hielt über Facebook Kontakt zu Fatima. Er hatte einst ihre Parallelklasse am Oelsnitzer Gymnasium besucht. "Wir waren sehr gute Freunde. Es ist ein großer Schock. Ich begreif das noch gar nicht richtig, erst nach und nach. Man denkt immer, das ist weit weg, uns trifft es nicht. Nun trifft es doch - da fängst du echt an nachzudenken", sagt der ehemalige Oelsnitzer. "Sie war ein lebensfroher Mensch, ein bisschen verrückt, viel unterwegs, nie lange an einem Ort", sagt er und spricht von vielen Hürden, die sie meisterte. "Jeder konnte sie gut leiden, sie hatte einen sehr guten Lauf und noch viel vor sich. Ich hätte gern gesehen, was sie in den nächsten 30 Jahren geschafft hätte."

Die Firma Xoterra Space hat im Internet ein Kondolenzbuch für Fatima Dyczynski eröffnet. Wo sich ihr Leichnam befindet und wann die junge Frau bestattet werden kann, ist unklar. Zwischen den Kriegsparteien in der Ukraine hatte es ein unwürdiges Gezerre um die Toten gegeben. Gestern Abend meldete die Agentur Interfax, ein Zug mit knapp 250 Leichen sei aus dem Rebellengebiet abgefahren. In Charkow richteten niederländische Experten ein Zentrum zur Identifizierung ein. Sie wollen die Opfer jedoch so schnell wie möglich außer Landes bringen. Auf dem Flugplatz in Charkow stand eine Herkules-Maschine der niederländischen Armee für den Heimflug bereit.

Youtube-Video

In diesem Youtube-Video berichtet Fatima Dyczynski von ihrem großen Traum: den grenzenlosen Möglichkeiten der Raumfahrttechnologien.

 

© Fatima Dyczynski

Vier Deutsche waren an Bord der Maschine

Bei dem mutmaßlichen Abschuss der malaysischen Passagiermaschine sind nach Angaben der Behörden in Kuala Lumpur 298 Menschen aus fast einem Dutzend Staaten ums Leben gekommen. Darunter waren nach bisherigen Erkenntnissen 173 Niederländer, 44 Malaysier, 27 Australier, 12 Indonesier, 9Briten, 4 Deutsche, 4 Belgier, 3 Philippiner, 1 Kanadier und 1Neuseeländer.

Malaysia Airlines hat den Familien der 298 Opfer des in der Ukraine abgestürzten Flugzeugs 5000 US-Dollar (3700 Euro) Ersthilfe angeboten. "Geldmittel für diesen Zweck wurden bereitgestellt", teilte die Fluglinie gestern mit. Die Summe sei unabhängig von späteren Entschädigungszahlungen und den rechtlichen Ansprüchen der Familien auf Wiedergutmachung.

Es sei nun wichtig, sich um die Verwandten der Passagiere und Crew von Flug MH17 zu kümmern, hieß es seitens Malaysia Airlines. "Die Fluglinie wird die Familien in dieser schwierigen Zeit unterstützen und Hotelunterkünfte, Mahlzeiten und Transport zur Verfügung stellen".

 
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