Noch heute blickt Christian Angermann bewegt auf jene Bilder, die 2002 während der Flut aus seinem Helikopter entstanden sind.
Noch heute blickt Christian Angermann bewegt auf jene Bilder, die 2002 während der Flut aus seinem Helikopter entstanden sind.

Foto: Uwe Mann

Flutbilder lassen Dresdner Hubschrauberpiloten nicht los

Zehn Jahre nach Überschwemmung in Sachsen gibt Christian Angermann spektakuläre Aufnahmen frei

Dresden. Immer, wenn er über Sachsen fliegt, werden die Bilder von damals wieder real. Braune Brühe ergießt sich über das Land - übermächtig. Rettungskräfte stehen auf dem Hof der Flöhaer Feuerwache, eingeschlossen von den Wassermassen der Zschopau. Deren gigantische Kraft ist es auch, die das Stahltau des Fahrgastschiffes Hainichen kappte, es gegen die Staumauer der Talsperre Kriebstein drückt. Gleise biegen sich unter dem enormen Druck und werden weggerissen. Komplette Verkehrswege versinken in den Fluten.


Das Motorschiff Hainichen wurde gegen die Mauer der Kriebstein-Talsperre gedrückt.
Das Motorschiff Hainichen wurde gegen die Mauer der Kriebstein-Talsperre gedrückt.

Foto: Christian Angermann

Christian Angermann, 59 Jahre alt, hat Tränen in den Augen. Vor den hochauflösenden Monitoren in seinem Büro liegt ausgebreitet die Flugkarte von 2002. Grün umrandet die Namen der Ortschaften stromaufwärts aufgefädelt entlang der Zschopau, Mulde und Weißeritz. Eine recht eigenwillige Methode des erfahrenen Hubschrauberpiloten, um in knapp 75 Metern Höhe am 13. August nicht die Orientierung zu verlieren.

Das wird nie im Leben wieder alles aufgebaut, dachte er damals. Wie das August-Hochwasser seine Heimatstadt Dresden zurichtete, berührt den 1,88-Meter-Hünen. Fast noch mehr aber das Schicksal der kleinen Ortschaften, deren Schreckensbilder es nicht in die Abendnachrichten schafften.


Das Gehöft liegt zwischen Flöha und Falkenau im Landkreis Mittelsachsen.
Das Gehöft liegt zwischen Flöha und Falkenau im Landkreis Mittelsachsen.

Foto: Christian Angermann

Und dann mischt sich Zorn in die Erinnerung. Zorn darüber, dass die Sachsen doch größtenteils unvorbereitet von der Katastrophe heimgesucht worden seien, sagt Christian Angermann. Wie viele in der Landeshauptstadt hatte er die Wasserstandsmeldungen verfolgt. Obwohl die Menschen noch zwei, drei Tage vor der Katastrophe hörten, es könne nicht so schlimm werden, traf der Dresdener Vorkehrungen zum Schutz vor dem Hochwasser. Schon der Großvater wusste das Grundstück im Stadtteil Trachenberge vor der Elbe abzuschotten. "Ohne diese Sicherung hätte das Wasser garantiert im Keller bis zu 20 Zentimeter hoch gestanden", sagt Christian Angermann. Das Notstromaggregat half über die Zeit. Auf der nur wenige Meter entfernten Döbelner Straße stand das Wasser einen Meter hoch.

Was er in seinem Leben wollte, habe er getan, sagt Christian Angermann. Der gelernte Elektromonteur investierte in den 1980er-Jahren in die eigene Sandstrahlerei und zählt die Semperoper zu einem seiner ersten großen Aufträge. Drei Tage nach dem Mauerfall kaufte er in Strausberg aus NVA-Beständen zehn Mehrzweckflugzeuge Z-43. "Die Fliegerei hat mich gereizt, weil wir zu DDR-Zeiten nicht fliegen durften. Ich hab's eben probiert." Wenig später wechselte der Sachse zum Hubschrauber. "Mit dem bin ich nicht eingeschränkt. Ich kann machen, was ich will", sagt Christian Angermann, der 1997 seinen Luftbildservice gründete. 15 Jahre danach hat sich das Vier-Mann-Unternehmen auf die Erfassung und Auswertung von hochauflösenden Luftbildaufnahmen spezialisiert.


Auch die Innenstadt von Waldheim stand am 13. August unter Wasser.
Auch die Innenstadt von Waldheim stand am 13. August unter Wasser.

Foto: Christian Angermann

Und da ist er wieder, der Zorn über Bürokratie und Unflexibilität. Als Böhmen in den Fluten versank, habe er helfen wollen. "Wir boten an, Lebensmittel und Hilfsgüter zu fliegen - unentgeltlich. Doch die deutsche Seite bügelte uns ab. Sachleistungen seien nicht gefragt", erinnert sich Christian Angermann. Dann wurde Sachsen heimgesucht. "Ich wollte in den Heli steigen und helfen. Niemanden interessierte unser Angebot. Die Bundeswehr habe alles im Griff, so die Antwort", erzählt Christian Angermann. Losgeflogen sei er trotzdem.

Während des zweieinhalbstündigen Fluges über Döbeln, Waldheim, den Stausee im Zschopautal, Flöha, zurück über Muldenhütten und Tharandt krampft sich das Herz zusammen. Der Pilot sieht aus 75 Metern das Ausmaß der Katastrophe, die über Sachsen hereingebrochen ist, - als Einziger.

Zehn Jahre danach geht es ihm beim Blick auf den Monitor nicht anders. Gewinn aus dem Leid der anderen zu schlagen, sei ihm zu keinem Zeitpunkt in den Sinn gekommen. Deshalb verschenkte der Dresdner nur einige wenige Abzüge seiner Luftbilder. Drei landeten in Augustusburg, blieben aber bis heute in der Originalverpackung. Der Besitzer dieser Aufnahmen stellte sie nie zur Schau.

 
erschienen am 05.08.2012 ( Von Katrin Kablau )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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