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Foto: Jörg Carstensen/dpa

Füchse bringen gefährlichen Bandwurm mit in die Stadt

Die Anzahl der Wildtiere, die in Städte kommen, steigt immens. Doch das allein ist nicht das größte Problem.

Von Renate Färber
erschienen am 20.03.2016

Chemnitz. Jeden Abend begegnet Markus im Wohngebiet "seinem" Fuchs. Das Tier schaut vertrauensselig drein und trottet ohne Eile weiter. Keine ungewöhnliche Begegnung. Denn in der Nähe des Menschen scheint sich Reineke Fuchs immer mehr wohlzufühlen. Und Jan-Walter Heikes, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes Sachsen, bestätigt, was viele ahnten: Es gibt in diesem Jahr mehr Füchse als üblich. "Durch die milde Witterung sind die Reproduktionsraten hoch. In solch guten Jahren bringen die Weibchen an die fünf, sechs Junge zur Welt."

Krankheitsgefahr wächst

Sobald mehr Füchse die Städte belagern, kommt auch er in die Diskussion: der Fuchsbandwurm. Denn der Winzling, drei Millimeter groß, kann Auslöser einer lebensbedrohlichen Wurmerkrankung beim Menschen sein, der alveolären Echinokokkose. Wurde sie früher eher bei Menschen diagnostiziert, die in der Natur arbeiten, wie Landwirten und Jägern, sind jetzt auch Städter betroffen. Tendenz steigend, so Experten. Der Grund? Der Fuchs hinterlässt seinen Kot, in dem sich Bandwurmeier befinden können, etwa in Grünanlagen, auf Gemüsebeeten oder Spielplätzen. Da die Zahl der Stadtfüchse wächst, wird dies immer mehr zum Problem. Nimmt der Mensch die Eier auf - etwa durch unzureichend gewaschene Nahrung - wandern diese vermutlich über den Zwölffingerdarm in die Leber. Ob jemand erkrankt, ist wohl auch genetisch bedingt, heißt es aus der Uniklinik Ulm. Dort behandelt ein interdisziplinäres Expertenteam aus Internisten, Chirurgen, Radiologen, Nuklearmedizinern, Mikrobiologen und Pathologen mit 400 Patienten deutschlandweit die meisten Fälle von Fuchsbandwurm-Erkrankungen. Das kommt nicht von ungefähr. Denn laut Uni liegt das "Epizentrum" des Fuchsbandwurmes in und um Ulm herum. Rund 70 Prozent der dort lebenden Füchse würden den Erreger in sich tragen.

Die Fuchsbandwurm-Erkrankung, potenziell tödlich, breitet sich schleichend aus. Unbehandelt wird die Leber zerstört, selten sind auch Lunge und Gehirn betroffen. Oft wird die Diagnose erst nach Jahren gestellt. Krankheitszeichen: Oberbauchschmerzen, Gelbsucht, Gewichtsverlust, eine Vergrößerung der Leber. "In einem Drittel der Fälle können wir den befallenen Teil der Leber chirurgisch entfernen und die Krankheit heilen", sagt Doris Henne-Bruns, ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie an der Uniklinik Ulm. Die Operation erfordere viel Routine. Die haben die Ulmer Ärzte. Und weil sich das herumgesprochen hat, kommen Patienten aus ganz Deutschland. Meistens sei die Leber allerdings schon so weit befallen, dass eine OP nicht mehr möglich ist. "Medikamente können trotzdem zu einer normalen Lebenserwartung führen", so Henne-Bruns. Die Ulmer Experten verfügen übrigens europaweit über eine der größten Datenbanken zu Fuchsbandwurm-Erkrankungen. Sie soll ausgebaut werden.

Hysterie unangebracht

Bei aller Gefährlichkeit des Wurmes, Hysterie ist nicht angebracht, sagen die Wissenschaftler. Schließlich sei die alveoläre Echinokokkose eine seltene Erkrankung, und zur Infektion müsse es nicht kommen: Generell sollte man bodennahes Obst und Gemüse vor dem Verzehr waschen. Neben der Beachtung gängiger Hygieneregeln sei es sinnvoll, Hunde und Katzen alle drei Monate zu entwurmen. Und mit dem Vorurteil, dass Waldbeeren besonders stark mit Wurmeiern belastet sind, könne man aufräumen. Dass Fuchsbandwurm-Erkrankungen hierzulande relativ selten sind, beweisen Zahlen. Dem Robert-Koch-Institut wurden im vergangenen Jahr bis August 96 Fälle gemeldet.

Wenig Fälle in Sachsen

In Sachsens Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen wurden seit 2013 rund 500 Untersuchungen bei Füchsen durchgeführt - auf Tollwut, Bandwurm, Trichinen und Staupe. Die Tollwut spielt keine Rolle mehr - Deutschland gilt seit 2008 als tollwutfrei. Beim Bandwurm wurden 2013 kein, 2014 ein und 2015 vier positive Ergebnisse angezeigt. Seit 2002 gibt es in Sachsen allerdings kein flächendeckendes Monitoring der Füchse auf den Fuchsbandwurm mehr. "Damals wurde eingeschätzt, das der Fuchsbandwurm flächendeckend verbreitet ist und mit einer durchschnittlichen Häufigkeit von vier bis fünf Prozent vorkommt", so das Gesundheitsministerium.

Die Verringerung der Fuchs-Population ist die wirksamste Methode, den Bandwurm zu bekämpfen. Doch in der Stadt darf das Tier nicht gejagt werden. "Es sollte daher nicht noch angelockt werden", sagt Jäger Heikes. Fakt sei, dass das Nahrungsangebot in der Stadt besser als im Wald sei - weggeworfenes Essen, offene Abfallkübel. "Auf keinen Fall sollten die Füchse gefüttert werden." Wobei das manch einer unbewusst tut. Denn auch Fressschälchen für Katze und Igel locken die schlauen Füchse an.

 
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Kommentare
2
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  • 21.03.2016
    13:11 Uhr

    andreasrichter: Dieser Artikel ist schlecht recherchiert und übernimmt kritiklos die von Jägern geschürte Panikmache vor dem Fuchsbandwurm. Zunächst einmal: Die im Artikel angeführte Zahl von 96 Erkrankungen bis August 2015 ist falsch; es waren tatsächlich nicht einmal 30 Neuinfektionen an alveolärer Echinokokkose, wie jeder auf der Website des Robert Koch Instituts in Berlin nachlesen kann. Die 96 Fälle schließen Infektionen mit dem deutlich häufigeren Hunde(!)bandwurm mit ein. Zum zweiten: Hauptinfektionsquelle sind heutzutage schlecht entwurmte Hunde und mangelnde Hygiene im Umgang mit diesen auf Seiten des Menschen. Zum dritten: Das Füchse "Städte belagern" und ihr Bestand zunimmt, ist Jägerlatein. Tatsächlich ist der Fuchsbestand seit Jahrzehnten etwa konstant und entwickelt sich unabhängig von der Bejagung. Und als "belagern" kann man das, was Füchse tun, kaum bezeichnen: Wir Menschen nehmen ihnen vielmehr den natürlichen Lebensraum weg. Im Gegensatz zu anderen Tieren sind Füchse anpassungsfähig genug, um auch in Siedlungsräumen zu überleben.

    Wir sollten uns darüber freuen, statt Panik zu verbreiten und einer Gruppe nach dem Mund zu reden, die Angst instrumentalisiert, um die Fuchsjagd vor den Augen einer kritischer werdenden Öffentlichkeit aufrecht zu erhalten.

    1 4
     
  • 21.03.2016
    11:01 Uhr

    Argusauge: Zitat: "Sobald mehr Füchse die Städte belagern" -
    falsch, nicht die Füchse belagern die Städte, sondern umgekehrt. Die Städte vergrößern sich ständig, genauso wie die Nutzflächen, so dass die eigentlichen Wildtiere immer weniger ihrer ursprünglichen Territorien zur Verfügung haben und gezwungen sind, sich auch neue Reviere zu suchen.
    Schade, dass dies hier völlig unerwähnt bleibt.

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