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Hildebrand Gurlitt - der Sachse hinter dem Münchner Kunstschatz

Jede Kommune, die auch nur einen Funken Ehrgefühl aufbringt, leistet sich ein Heimatmuseum, in dem man das Sammelsurium der Stadtgeschichte unterbringt. Auch in der Stadt Zwickau war da gegen Ende des 19. Jahrhunderts einiges zusammengekommen: Bilder und Bücher, eine Mineraliensammlung, Dokumente aus dem städtischen Archiv. Voller Stolz gründete der Rat eine Stiftung, die bis 1910 so viel Geld gesammelt hatte, dass es für einen respektablen Neubau reichte, ehrfürchtig nach dem vormaligen Sachsenkönig Albert benannt. Nun musste nur noch jemand Ordnung in den Laden bringen - eine einmalige Chance für den jungen Kunsthistoriker Hildebrand Gurlitt.

Augsburg, 05.11.13: Im Fall des spektakulären Kunstfundes in einer Münchner Wohnung hat die Staatsanwaltschaft Augsburg neue Details veröffentlicht. Unter den Bildern seien auch unbekannte Werke großer Künstler, so Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz.
Max Pechsteins "Frau auf dem Sofa" ist eines von zwei Pechstein-Gemälden, die Hildebrand Gurlitt als Museumsdirektor nach Zwickau holte. Im Jahr 1937 wurde das Bild beschlagnahmt und gilt seither als verschollen - nicht auszuschließen, dass es unter den 1500 Werken ist, die 2011 in München entdeckt wurden.

Foto: Kunstsammlungen Zwickau

Der Sohn des honorigen Dresdner Architekturprofessors Cornelius Gurlitt, der die sächsische Denkmalpflege mitbegründete, hatte einen Ruf zu verlieren - sein Bruder war Musikwissenschaftler, sein Cousin Kunsthändler. Als er 1925 seinen Dienst als Leiter des Museums antrat, hatte er mit Sammelsurium nichts im Sinn. Im Gegenteil: Der 29-jährige Gurlitt machte aus seiner damals durchaus rebellischen Sympathie für zeitgenössische Kunst nicht nur keinen Hehl, sondern ging ihr mit Sonderausstellungen und Ankaufspolitik forsch nach. Das hatte Auswirkungen auf die Dauerausstellung des Museums, die sich schnell zur Basis der heutigen Kunstsammlungen wandelte. So liest sich allein die Liste der Personalausstellungen unter seiner Ägide wie ein "Who is who" der damaligen deutschen Moderne. Bereits 1925 holte er Werke von Max Pechstein in die Säle am Nordrand der Zwickauer Innenstadt, kurz darauf Werke der damals 59-jährigen Käthe Kollwitz sowie eine Sonderschau mit dem Titel "Das junge Dresden". 1927 folgten Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff, 1928 Emil Nolde.

Auch sein früh ergangener Auftrag an das Bauhaus in Dessau für die Gestaltung der Wandflächen des Museums sowie die begleitende Präsentation der Bauhaus-Ideen in Ausstellungen und Vorträgen dokumentieren seinen engagierten Einsatz für die Moderne. Unter Museumskollegen und Kunstkennern in ganz Deutschland machte Gurlitt sich schnell einen Namen - doch für viele Zwickauer sah es nicht so aus, als würden da gerade die Grundlagen für ihre später einmal überregional bedeutsame, weitsichtige Sammlung gelegt: Sie hatten eher das Gefühl, ein junger Wilder fleddere ihren wunderbaren Bestand an guten, alten Gemälden, um diese gegen unverständlichen und obendrein hässlichen, neumodischen Kram einzutauschen: Lokalpresse und städtischer Museumsausschuss schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, als Gurlitt zahlreiche aus seiner (und heutiger) Sicht unbedeutende oder nachrangige Werke aussortierte und bei anderen Museen gegen modernere Arbeiten eintauschte - wenngleich auf Grundlage eines Gutachtens des Experten Hans Posse, Direktor der Staatlichen Gemäldegalerie Dresden.

Hildebrand Gurlitt war Kunsthändler im Auftrag der Nazis und organisierte den Verkauf moderner Kunst ins Ausland. Hildebrand Gurlitt war Kunsthändler im Auftrag der Nazis und organisierte den Verkauf moderner Kunst ins Ausland.

Foto: Kunstsammlungen Zwickau

Die neue, wesentlich stärker auf moderne Akzente setzende Dauerausstellung wurde am 18. Oktober 1926 eröffnet. Gurlitt schrieb hierzu: "Die scheinbar pietätlose Handlung, eine ziemlich große, bestehende Gemäldesammlung fast vollkommen aufzulösen und die vorhandenen Gemälde in die Amtszimmer des Rathauses usw. zu verteilen, erklärt sich aus einer langen und mit Gewissenhaftigkeit geführten Überlegung der Museumsleitung." Die alte Gemäldesammlung, so Gurlitt, sei kein Beitrag mehr zur "Förderung des künstlerischen Geistes der Stadt Zwickau" gewesen, sondern habe sich hemmend auf die "Verbreitung guter Kunst in der Stadt" ausgewirkt. Es habe "für die moderne Kunst in Deutschland gegolten, Beispiele nach Zwickau zu bringen". Das Resultat: Die Stadt verfügte in den Goldenen Zwanzigern über eine State-of-Art-Schau der wegweisenden Malerei, die zum Entstehungszeitpunkt eine wesentliche Wende der europäischen Kunst dokumentierte. Das gelingt nur wenigen großen Museen - und noch weniger Stadtmuseen.

Doch in seiner Sortimentspolitik agierte Gurlitt nicht immer diplomatisch. So beschwerte sich etwa ein Stifter, dessen Schenkung Gurlitt aus der Sammlung entfernt hatte. Dinge, die auch der ihm gegenüber kritisch eingestellte Museumsausschuss registrierte. Das Gremium legte dem Leiter, der nur wenige Jahre zuvor eigentlich über Baugeschichte an der Universität Frankfurt promoviert hatte, nahe, bei künftigen Neuanschaffungen und Tauschaktionen auch die älteren Meister zu berücksichtigen: Man habe nun genug moderne Gemälde. Gegen solcherlei Kritik, auch aus der Presse, verteidigte sich der junge Chef: "Die neue Sammlung, die ich in den letzten Jahren zusammenbrachte, umfasst in der Hauptsache Arbeiten von Künstlern, deren Hauptwerke in der Nationalgalerie Berlin und in anderen großen Galerien Deutschlands zu finden sind. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Sammlung als Ganzes auch von den kommenden Generationen als das erkannt wird, was sie sein soll: Ein Überblick über das Schaffen der entscheidenden Künstler unserer Tage." Und doch waren es nicht die zunehmend polemischer geführten Kampagnen gegen die moderne Kunst allein, die dem Wirken Gurlitts in Zwickau ein Ende setzten. Sondern ebenso die sich infolge der Wirtschaftskrise verschärfende finanzielle Lage der Stadt. Die führte schließlich im Frühjahr 1930 zu Gurlitts Entlassung und zur dreijährigen Schließung des Museums.

In diesem unscheinbaren Haus im Münchner Stadtteil Schwabing machten die Zollfahnder den Sensationsfund. In diesem unscheinbaren Haus im Münchner Stadtteil Schwabing machten die Zollfahnder den Sensationsfund.

Foto: dpa

Gurlitt ging nicht mit leeren Händen: In der Zwickauer Zeit hatte er engen persönlichen Kontakt zu vielen Künstlern wie zum Beispiel Ernst Barlach oder Max Pechstein aufgebaut - Kontakte, die ihm eine Stellung als Direktor des Kunstvereins Hamburg eintrugen. Allerdings nur bis 1933, denn der aufstrebende Experte für die Moderne hatte jüdische Vorfahren. An dieser Stelle nimmt seine Karriere einen bis heute nebulösen Verlauf, denn die Nazis entfernten Gurlitt zwar als "Nichtarier" aus dem Amt, nutzten seine Kenntnisse und Kontakte aber weiter: Der Dresdner wurde als Einkäufer für das von Adolf Hitler persönlich geplante "Führermuseum" in Linz eingesetzt, außerdem erhielt er als einer von vier Händlern vom Goebbels-Ministerium den Auftrag, "entartete Kunst" aus deutschen Museen ins Ausland zu verscherbeln. Diesen einmaligen Zugriff nutzte Gurlitt in der Nazizeit offenbar auf vielschichtige Weise. Zum einen hat er zahlreiche Bilder an inländische Sammler wie den Schokoladenfabrikanten Bernhard Sprengel verkauft, der später dafür teilweise als Retter solcher Werke gefeiert, teilweise aber auch beschuldigt wurde, sich gemäß seines Kunst-sachverstandes billig eingedeckt zu haben. Zum anderen aber wurde Gurlitt offenbar vieles nicht los - wenn er es denn überhaupt loswerden wollte. Jedenfalls legt das der Jahrhundertfund von Werken der deutschen Moderne in der Münchner Wohnung seines Sohnes Cornelius nahe, der selbst Experten überraschte.

"Ich habe es erst durch die Berichte am Wochenende erfahren", sagt etwa der Dresdner Kunsthistoriker Gilbert Lupfer. Der Professor leitet das "Daphne"-Projekt der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, welches als beispielgebend für die Provenienzforschung gilt: Diese untersucht systematisch den Bestand deutscher Museen etwa nach Kunstwerken, die jüdischen Besitzern nach 1933 entzogen wurden.

Bei "Daphne" spielt Gurlitts Name bisher nur eine bescheidene Rolle - als Ankäufer für besagtes "Führermuseum", das allerdings nie realisiert wurde. "Gurlitt war von 1943 bis Mai 1945 Einkäufer für den ,Sonderauftrag'", sagt Lupfer.

In dieser Zeit scheint er ein Geist für die Forscher zu werden. Nach dem Krieg hatte er behauptet, viele Bilder bei der Bombardierung Dresdens ans Feuer verloren zu haben. Lupfers Leute wissen bislang nichts von einem Lager in der Familienwohnung in der Kaitzer Straße 26. "Gurlitt hat seinen Kunsthandel nach unserem Kenntnisstand nicht in Dresden, sondern in Hamburg betrieben." Das Entnazifizierungsverfahren nach dem Krieg bestand Gurlitt mühelos - seiner jüdischen Wurzeln und sein nachweislicher Einsatz für die verfemte Moderne machten ihn unverdächtig, Nutznießer des Systems gewesen zu sein. Nach dem Krieg arbeitete er als Leiter des Kunstvereins Düsseldorf, bis er 1956 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.

 
erschienen am 05.11.2013
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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