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In neun Minuten vom Fichtelberg zum Keilberg schweben

Ringen um das größte länderübergreifende Skigebiet Mitteleuropas - Verbündete gesucht

Von Gabi Thieme
erschienen am 09.03.2010

Oberwiesenthal/Bozi Dar. Die Zufahrt zum 1244 Meter hohen Klinovec (Keilberg) hoch über dem kleinen Örtchen Bozi Dar (Gottesgab) ist nicht nur wegen der rekordverdächtigen Schlaglöcher abenteuerlich. Autos kommen auch jetzt gegen Ende des Winters kaum aneinander vorbei, und oben auf dem Gipfel muss Ordnungshüter Pawel Falschparker immer wieder zurechtweisen und auf den gebührenpflichtigen Parkplatz schicken. "Dabei müsste man hier eigentlich noch was rauskriegen angesichts des trostlosen Anblicks, den das Plateau bietet", meint Bernd Heilmann. Er hatte sich von dem Ausflug eigentlich mehr versprochen. Von den großen Plänen einer Länderschaukel, die hier oben alles verändern könnten, weiß er noch nichts. Der Berliner kann es gar nicht fassen, dass der einstmals attraktive Ausflugskomplex mit seinem verspielten Aussichtstürmchen kurz vor dem Einsturz steht. Wehmütig denkt Heilmann an die Zeiten zurück, als hier noch die Post abging.

Die geht zwar auch jetzt noch ab, aber nur an den Skihängen. Vor allem die Nordostseite des Keilbergs ist mit jedem Tag, den der Frühling näher kommt, gefragter. Wenn im benachbarten Oberwiesenthal auf den Hauptpisten der meiste Schnee schon geschmolzen ist, haben Brettl-Fans auf böhmischer Seite noch lange gute Karten. Meist zieht erst nach Ostern Ruhe auf dem Keilberg ein. Die Besucher, die dann noch - wegen der Aussicht - den höchsten Gipfel des böhmischen Erzgebirges ansteuern, müssen sich nicht um Parkplätze streiten. Die meisten kommen ohnehin gewandert oder mit dem Mountainbike.

Ziel: Ganzjährig attraktiv sein

Jan Hornik weiß als langjähriger Bürgermeister von Bozi Dar um das Dilemma auf dem Keilberg. Der 100 Jahre alte Komplex ist Kulturdenkmal und darf nicht abgerissen werden. Für die Sanierung sind 200 Millionen Kronen, also rund neun Millionen Euro kalkuliert. Alles sollte längst geschehen sein. Denn genauso wie sein Amtsbruder in Oberwiesenthal, Bürgermeister Mirko Ernst, weiß auch Hornik, dass Tourismusregionen in Mittelgebirgen angesichts der Klimaprognosen nur eine Zukunft haben, wenn sie ganzjährig attraktiv sind. Dazu gehört für Hornik, den Schandfleck Keilberg "zu einem Leuchtturm" zu machen. Im Vorjahr wurde deshalb eine Gasleitung zum Gipfel gebaut. Als nächstes sollen Trink- und Abwasserleitungen gelegt werden. Dann müsse die Zufahrtsstraße von Grund auf erneuert werden. "Danach gehen wir den Gaststättenkomplex an." Der Wiederaufbau von Turm und Restaurant soll nach dem historischen Vorbild erfolgen.

"Wir sehen das Fichtelberg- und Keilberggebiet als eine gemeinsame touristische Destination. Deshalb wollen wir auch von Gipfel zu Gipfel", betont Jan Hornik. Dem Vorhaben, mit einer Seilbahn beide Berge zu verbinden, steht er mehr als aufgeschlossen gegenüber. Nur 3700 Meter Luftlinie liegen sie auseinander. Als die "Freie Presse" im vergangenen Sommer erstmals über die "Länderschaukel" berichtete, hätte er tschechischen Journalisten schon am nächsten Tag Interviews geben müssen. "Die dachten, es geht 2010 los", erzählt der Kommunalpolitiker.

Los gehen wird es mit dem Bau weder in diesem noch im nächsten Jahr. Aber immerhin fanden sich jetzt erstmals all jene zusammen, die mit dem Vorhaben zu tun haben und davon profitieren könnten: die Bürgermeister, die beiden Protagonisten, der Geschäftsführer der Fichtelberg-Schwebebahn und der Landrat des Erzgebirgskreises. "Es fehlt nur noch der, der den Koffer voller Geld bringt", kommentierte Landrat Frank Vogel (CDU) das Treffen.

Finanzierung ist Hauptproblem

Baukosten in Höhe von 20 Millionen Euro hat Initiator Lutz Heinrich nach mehrmaligen Präzisierungen gemeinsam mit dem führenden österreichischen Lifthersteller Doppelmayr kalkuliert. Geld, das weder die Stadt Oberwiesenthal, noch der Erzgebirgskreis hat. Auch wenn sich die Länderschaukel damit rühmen könnte, dann eine der drei längsten freischwebenden und modernsten Seilbahnen der Welt zu sein, bleibt die Finanzierung das Hauptproblem. Jan Hornik hält eine Förderung durch die EU für möglich, die Frage ist nur, in welcher Höhe.

Erschwerend für die Stadt Oberwiesenthal kommt hinzu, dass 2011 die Betriebserlaubnis für die 85 Jahre alte Fichtelbergschwebebahn abläuft. Ihr Geschäftsführer Wolfgang Schmiedl plädiert dafür, statt zwei Millionen in die Rekonstruktion zu stecken, für sieben Millionen eine neue Kabinenumlaufbahn zu bauen. "Im Bereich der neuen Bergstation sollten wir uns zugleich die Option für die Länderschaukel offen lassen." Schmiedl ist für deren Bau. Für ihn hat aber die Schwebebahn Priorität. Neben zwei Millionen Euro Förder- und 1,5 Millionen Euro Eigenmittel braucht er eine Bank, die ihm einen Kredit über 3,5 Millionen gibt. "Die Banken wollen ein Klimagutachten für die nächsten 35 Jahre", erzählt er.

Landrat mahnt Einigkeit an

Vor genau diesem Hintergrund ist es für Mitinitiator Wolfgang Laas aus Oberwiesenthal wichtig, die Länderschaukel als Ganzjahresattraktion zu konzipieren. Er ist überzeugt, dass dieses größte deutsch-tschechische Seilbahnprojekt durch seine Superlative eine Eigendynamik entwickeln wird. "Technische Bauwerke von Einzigartigkeit sind auf der ganzen Welt schon immer besondere Anziehungspunkte."

Das sieht auch der Landrat so. Für Frank Vogel ist aber wichtig, dass sich auch Dresden und Prag hinter das Vorhaben stellen. Davon werde maßgeblich die Förderung abhängen. Sachsens CDU-Fraktionschef Steffen Flath tat das zumindest verbal. Zugleich erwartet Vogel "ein klares Bekenntnis aus Oberwiesenthal". "So lange dort die Zerstrittenheit nicht aufhört, habe ich Bedenken. Wenn sich alle einig sind, bin ich mit im Boot. Ich werde aber nicht den Schiedsrichter spielen, welche Prioritäten die Stadt setzt."

Initiator Lutz Heinrich wurde beauftragt, je eine Projektbeschreibung mit Wirtschaftlichkeitsberechnung für die Sächsische Aufbaubank, die zuständigen Ministerien in Dresden und Prag sowie die Landtagsfraktionen zu erarbeiten. Auch einen Privatinvestor aus Leipzig hätte er in der Hinterhand. "Das wäre für mich aber nicht die ideale Lösung. Denn dann hätten wir neben der städtischen noch eine zweite private Betreibergesellschaft, was zusätzliche Probleme bringt. Ich bin überzeugt, dass wir einen Betrieb schaffen, der Gewinne erwirtschaftet. Diese sollte sich die Stadt oder der Kreis sichern."

 
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