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"Das Herz rast, und du schwitzt wie ein Tier" : Bushaltestelle in Hoyerswerda Neustadt.

Foto: IMAGO

Kein Zurück

Ein junges Paar aus Hoyerswerda wird von Neonazis bedroht. Die Polizei kann Ronny und Monique nicht schützen und bringt sie aus der Stadt. Die Geschichte einer Flucht.

Von Ulrike Nimz
erschienen am 13.01.2014

Hoyerswerda. Als das Licht ausgeht und der Fernsehbildschirm schwarz wird, ahnt Ronny, dass es diesmal ernst ist. Dass er Feinde hat, weiß er schon lange. Jetzt stehen sie vor seiner Haustür. Es ist der 17. Oktober 2012, Robert-Schumann-Straße, Hoyerswerda, Sachsen. 15 Männer sind vor den Block gezogen, in dem Ronny in einer Zwei-Raum-Wohnung lebt. Seine Freundin Monique ist bei ihm, als gegen 21 Uhr jemand brüllt: "Komm raus, du Ratte, du Antifa-Sau. Wir machen dich tot."

Die Angreifer stellen den Strom ab und kleben Türspione zu. Um 21.15 Uhr geht bei der Polizei der erste Notruf ein, wenig später sind zwei Beamte vor Ort, schaffen aber nicht, den Angreifern Einhalt zu gebieten. Jemand macht sich am Schloss von Ronnys Wohnungstür zu schaffen, ein anderer ruft: "Blondie, deine Muschi gehört mir heute Nacht."

Um 21 Uhr 55 wählt Monique zum zweiten Mal den Notruf. Verstärkung trifft ein, die Polizisten suchen das Gespräch mit den Angreifern. Zu freundlich, findet Monique, haben die sich gerade geduzt? Fakt ist: Am Tatort selbst werden keine Personalien festgestellt, sondern erst später, an einer Tankstelle. Es vergehen zwei Stunden, bis vor Ronnys Haustür wieder Ruhe einkehrt.

Das alles ist nun mehr als ein Jahr her. Ronny und Monique sitzen in einem Eckcafé, veganes Frühstück, Bio-Törtchen, an den Tischen Aufkleber: "Rassismus tötet". Beide möchten nicht, dass bekannt wird, wo sie jetzt leben oder wie sie mit vollem Namen heißen. Dass man erfährt, was ihnen passiert ist, möchten sie sehr wohl. "Es ist etwas anderes, ob man auf der Straße angerempelt oder zu Hause überfallen wird", sagt Ronny. Der Bartschatten lässt ihn müde aussehen. Monique sitzt dicht bei ihm. Wenn er den Faden verliert, beendet sie seinen Satz.

Wie für die meisten Menschen waren auch für Ronny und Monique zwei Dinge selbstverständlich: Die eigenen vier Wände sind sicher. Und wer die Polizei ruft, bekommt Hilfe. Seit jener Nacht aber ist nichts mehr wie vorher. Am Tag nach dem Überfall kommt ein Mann vom Staatsschutz und bittet beide, ihre Sachen zu packen. Versuche, das Paar in einer Pension unterzubringen, sind zuvor gescheitert. Ein Polizist fährt Ronny und Monique zu einer Wohngemeinschaft auf dem Land. Dem MDR sagt ein Polizeisprecher, es sei einfacher, zwei Personen an einen sicheren Ort zu bringen, als fünf Streifenwagen vor ein Haus zu stellen. Die Kapitulation der Behörden macht Schlagzeilen. Auch eine nachgeschobene Entschuldigung ändert daran nichts.

Drei Monate bleiben Ronny und Monique "im Exil", wie sie es nennen. Sie versuchen sich abzulenken, gehen mit Ronnys zwei Hunden spazieren. Jedem Auto schauen sie nach: Saß da ein bekanntes Gesicht hinter der Windschutzscheibe? Begann das Nummernschild mit HY? Als der Winter Einzug hält, baut Ronny einen Schneemann. Am Abend glaubt er vor dem Haus die Umrisse mehrerer Personen zu erkennen. Am nächsten Morgen sind Fußspuren im Vorgarten. Der Schneemann hat jetzt einen hochgereckten Arm. Aus Laub und Ästen hat jemand Schnurrbart und Scheitel modelliert. Vor ihrer geheimen Bleibe steht ein Hitler aus Schneematsch. Ein Scherz? Eine Botschaft, meint Ronny: Ihr könnt euch nicht verstecken. Und auch nicht zurück.

"Hoywoy, dir sind wir treu / Du blasse Blume auf Sand / Heiß, laut, staubig, dicht und verbaut / Du schönste Stadt hier im Land." So hat der Liedermacher Gerhard Gundermann die Planstadt in den späten 1980er-Jahren besungen. "Hoywoy" sagen auch Monique und Ronny. Doch wenn man sie fragt, was sie denn mögen an ihrer Heimatstadt, dann ist Stille im Raum.

In der DDR war Hoyerswerda Schlafstadt für die Arbeiter des Gaskombinats Schwarze Pumpe. Von 1950 bis 1980 verzehnfachte sich die Einwohnerzahl auf 70.000. Nach der Wende verloren Tausende ihren Job. In dieser Trostlosigkeit sehen manche Sozialwissenschaftler die Ursache für das, was kam.

1991 kapitulierte man schon einmal in Hoyerswerda. Ein rechter Mob belagerte über Tage einen Plattenbau, in dem ehemalige DDR-Vertragsarbeiter lebten, hauptsächlich Vietnamesen und Mosambikaner. Molotow-Cocktails und Pflastersteine flogen, Scheiben zerbarsten, Gardinen gingen in Flammen auf. Auf der Straße vor dem Haus: hunderte Menschen, viele applaudierten. Am 20. September schätzte das Landratsamt Hoyerswerda die Lage wie folgt ein: "Es besteht einheitliche Auffassung dazu, dass eine endgültige Problemlösung nur durch Ausreise der Ausländer geschaffen werden kann". Die Neonazis feierten Hoyerswerda daraufhin als erste "ausländerfreie" Stadt. Der Begriff wurde das erste Unwort des Jahres überhaupt. Heute liegt der Ausländeranteil bei 1,3 Prozent.

Ronny und Monique sind damals elf Jahre alt. "Ich stand da draußen und habe geheult", sagt er. Sie sieht den Feuerschein von ihrem Kinderzimmer aus. "Dieser grundlose Hass. Das verändert einen", sagt Monique.

Jung sein in Hoyerswerda, das habe bedeutet, sich entscheiden zu müssen: links oder rechts, Zecke oder Glatze, rote oder weiße Tücher ums Handgelenk. Dahinter oft kaum mehr Ideologie, als das andere Lager zu bekämpfen, auch mit Gewalt. Ronny beschreibt einen Alltag im Alarmzustand. Mütze im Gesicht, Hände in den Taschen, bloß nicht provozieren: "Was glotzt'n so hieß es sonst - und ruckzuck warste mittendrin, beim Bäcker, überall."

Als Jugendlicher ist Ronny für alle nur "Sox", weil er eine Kappe des Bostoner Baseballteams trägt. Förster will er werden, doch noch lieber sprüht er Graffiti. Ronny hat nur wenige Freunde. Unter ihnen Ahmed, dessen Familie vor Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, und Mike Zerna. 1991 kippen Neonazis während einer Schlägerei vor einem Jugendclub einen Transporter auf den 22-Jährigen. Er stirbt später im Krankenhaus, auch weil Polizei und Notarzt über eine Stunde zum Tatort brauchen. Über die Jahre ist auch Ronny immer wieder gewarnt worden: Sei vorsichtig. Man beobachtet dich. Einmal bekommt er eine anonyme E-Mail: "Du bist jetzt vogelfrei". Ronny ignoriert die Drohung.

Als er Monique kennenlernt, ziehen sie gemeinsam los, kratzen Nazi-Aufkleber von Laternenmasten, Stromkästen, Klettergerüsten. "Du rennst früh los und machst die Dinger ab. Abends gehst du ne Runde, da sind schon wieder neue da." "Hoyerswerda bleibt braun" steht auf den Stickern. Und: "Unsere Stadt unsere Regeln".

Viel hat man versucht in Hoyerswerda, um das Image der braunen Hochburg loszuwerden. Seit 2010 darf die Stadt sich "Ort der Vielfalt" nennen. Diesen Titel erhält nur, wer ein breites Engagement für Demokratie und Toleranz vorweisen kann. Trotzdem macht die Stadt immer wieder Schlagzeilen. Kurz vor Weihnachten startete das Operative Abwehrzentrum der sächsischen Polizei eine Razzia im rechten Milieu: Die Beamten fanden Reizgassprühgeräte, Elektroschocker, einen Teleskopschlagstock, Baseballschläger, Gewehrmunition, illegale Feuerwerkskörper. 25 Neonazis sollen in Hoyerswerda leben, so viele sind polizeibekannt. Sie sind gut organisiert, nennen sich "Autonome Nationalisten Hoyerswerda" und "Freie Kräfte Lausitz Niederschlesien".

Auch Ronny ist keiner, der die körperliche Auseinandersetzung scheut. Er kann sich verteidigen, hat geboxt. Einmal ist er mit einem Messer verletzt worden, hat selbst schon zugestochen, saß dafür im Knast. Als er das Gefängnis 22-jährig verlässt, schwört er, sich von Gewalt fernzuhalten. Seitdem sind Aufkleber seine Aufgabe. Auch am neuen Wohnort gibt es genug davon.

Derzeit leben Ronny und Monique in einer Drei-Raum-Wohnung und von Hartz-IV. Das Amt lässt sie vorerst in Ruhe. Wenn es klingelt, schrecken beide hoch. "Das Herz rast, und du schwitzt wie ein Tier. Auch wenn es nur der Postbote ist", sagt Ronny. Trotzdem ist das Paar nicht in psychologischer Behandlung. Sie wollen das Erlebte gemeinsam verarbeiten, sagen sie, allein.

Am Dienstag sollen acht Beschuldigte im Alter von 18 bis 36 Jahren vor dem Amtsgericht Hoyerswerda erscheinen. Der Vorwurf: Nötigung und Beleidigung. Das Versagen der Polizei wird höchstens am Rande Thema sein. Auch die rechte Gesinnung der mutmaßlichen Täter drohe zu kurz zu kommen, sagt Klaus Bartl. Der stellvertretende Fraktionschef der Linken im Sächsischen Landtag ist der Anwalt von Ronny und Monique, die als Nebenkläger auftreten. Obwohl zehn Zeugen geladen sind, ist nur ein Verhandlungstag angesetzt. Bartl befürchtet, dass kurzer Prozess gemacht werden soll, kritisiert zudem, dass die Staatsanwaltschaft nicht auch Anklage wegen Haus- und Landfriedensbruchs erhoben hat. "Ein Angriff in den eigenen vier Wänden hat nur ein Ziel: Vertreibung", so Bartl.

Ronny und Monique sind 34 Jahre alt, geboren am selben Tag, im selben Krankenhaus. Morgen werden sie für einen Tag nach Hoyerswerda zurückkehren. Dorthin, wo viele nichts mehr mit Politik zu tun haben wollen. Manch einer nimmt ihnen übel, dass sie mit der Presse reden. Ihr zieht die Stadt in den Dreck, sagen sie. "Wir haben an jenem Abend nur ferngesehen", sagt Ronny. "Wir sind nicht das Problem."

 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 14.01.2014
    20:29 Uhr

    f1234: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.... Der Kampf gegen rechts fordert den ganzen Mann bzw. Frau, da bleibt natürlich keine Zeit, einer Arbeit nachzugehen.

    Doch unabhängig davon, ob sich hier Links-Rechts-Radikale an die Wäsche gegangen sind, ist es Aufgabe der Polizei, die Bürger zu schützen. Deswegen sollte das Geld, was in die unzähligen linken Projekte gegen rechts fließt, besser in die Aufrüstung der Polizei investiert werden.

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  • 14.01.2014
    18:51 Uhr

    TommyD: @KarlChemnitz
    Keiner kommt darauf den guten Jungen "vorzuverurteilen". Das hat schon ein Gericht gemacht, als er wegen Messerstecherei ins Gefängnis kam.
    Vielleicht erhellt ja die Verhandlung etwas die Lebensumstände des jungen Mannes.

    Ganz so auf der Buttermilch bin ich wirklich nicht durchs Leben geschwonnen, das ich da nicht erst das Umfeld hinterfrage. Das klingt schon alles sehr nach verfeindeten Rechten und Linken wie es sie in solchen sozialen Brennpunkten nicht selten gibt. Für weiteres fehlen mir jedoch die Infos. Aber um Helden zu machen ist es hier noch zu früh!

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  • 14.01.2014
    08:28 Uhr

    KarlChemnitz: @ruediger1683: Wie kommen Sie darauf, die beiden im Beitrag beschriebenen Menschen als Linksextremsiten vorzuverurteilen ? Was hat Ihr Handeln bitte mit kommunistischem Terror zu tun ? Wo steht im Beitrag etwas von Gewaltaktionen in Hamburg oder Berlin ?
    Frau Nimz hat einen Beitrag darüber geschrieben, dass die staatlichen Schutzorgane in einer Stadt in unserem Bundesland vor Gewalttätern den Kürzeren gezogen haben, und nicht in der Lage sind, die Sicherheit von zwei jungen Menschen zu gewährleisten.
    Das Thema, womit sich Frau Nimz Ihrer Meinung nach befassen soll, ist auch sehr interessant, hat aber mit dem beschriebenen so erst mal nichts zu tun.
    Ihr Kommentar bweist doch viel mehr eines: Wer sich gegen Neonazis engagiert, wir unweigerlich zum Linksextremisten. Nur der politisch Untätige ist frei von Verdacht. Wir werden noch erleben, wo das endet. Die Vertagsarbeiter in Hoyerswerda haben es schon erlebt.

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  • 13.01.2014
    16:38 Uhr

    gelöschter Nutzer: Gewalt, gleich von wem und gegen wen, ist zu verurteilen. Trotzdem verwundert der Tenor dieses Berichtes. Nazis und die Antifas sind die zwei Seiten derselben Medaille, einig im Hass gegen die Demokratie, im Hass gegen alle, die eine andere Meinung als die selbst vertretene haben. Bereits konservative Haltungen reichen, um von der Antifa terrorisiert zu werden. Deren extreme Gewalttätigkeit wurde deutlich in Hamburg, ihre widerwärtige Verherrlichung von Massenmördern wie Stalin und Mao zur LL Demo in Berlin, anlässlich derer auch wieder die Schändung des Gedenksteines für die Opfer des Stalinismus durch die Linksextremen erfolgte, unter den Augen der Polizei. siehe auch http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/linksradikale_ll_demonstranten_schaenden_gedenkstein_unter_den_augen_der_po
    Frau Nimz, befassen Sie sich mit dem Thema. Die Demokratie braucht weder Links- noch Rechtsextremisten. Der kommunistische Terror hat in diesem und vor allem im letzten Jahrhundert zigfach mehr Ofer gefordert, als der braune Terror. Und ich frage mich, wieso die Träger dieser verbrecherischen Ideologie heute als Demokraten behandelt werden.

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  • 13.01.2014
    15:05 Uhr

    TommyD: Den Artikel mußte ich erst dreimal lesen um einigermaßen auch zwischen den Zeilen Eindrücke zu bekommen.
    1. Eindruck: Sympathisches Paar, Veganer, wird bedroht, weil es Aufkleber von Neonazis abkratzt. Schwere Kindheit im Osten, in der schlimmsten Plattenbausiedlung.

    2. Eindruck: Ja eigentlich war "er" ja auch ein verurteilter Gewalttäter, auch wenn er mit "Er kann sich verteidigen, hat geboxt. Einmal ist er mit einem Messer verletzt worden, hat selbst schon zugestochen, saß dafür im Knast." schon mehr als Opfer beschrieben wird. Zwischen den Zeilen liest man das "er" in der Szene kein unbeschriebenes Blatt war. Wenn man Berichte von Auseinandersetzungen zwischen "rechten und linken" Jugendlichen kennt, dann kann sich schon einen Reim drauf machen.

    3. Eindruck: Die Geschichte mit dem Schneemann ist schon niedlich, entweder ist denen die ihn umbauten hier die Phantasie durchgegangen oder dem Erzähler der Geschichte. Soviel Ideenreichtum traut man den Rechtsradikalen manchmal gar nicht zu. Und ein Schneemann mit Arm und dann auch noch einem hochgereckten, das ist schon toll. Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt!

    Fazit: Ohne die rechte Szene verharmlosen zu wollen, aber hier ist Frau Nimz wirklich eine schöne Geschichte gelungen: Friedliche Antifaschisten die von brutalen Neonazis gejagt werden und die vielgescholtene Polizei hat wieder mal versagt!

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