Zur Einweihung des Casinos in Plauen veranstaltete das Unternehmen eine große Party.
Foto: Ellen Liebner/Archiv
Las-Vegas-Flair zieht auf die grüne Wiese
Mega-Vergnügungstempel erreichen Südwestsachsen
Chemnitz. Im Kampf um das Glücksspielgeschäft wächst der Druck privater Anbieter auf die großen staatlichen Casinos - nicht erst seit der Europäische Gerichtshof das in Deutschland geltende Monopol für Sportwetten und Glücksspiele vor zwei Tagen kippte. So genannte Entertainment-Center, großzügige Vergnügungstempel im Las-Vegas-Stil, liegen in der Branche derzeit im Trend. Jetzt hat diese Entwicklung auch Südwestsachsen erreicht. Die westfälische Gauselmann-Gruppe hat dieses Jahr im April und Juli zwei Mega-Spielstätten des Tochterunternehmens Merkur-Spielothek in Gewerbegebieten in Zwickau und Plauen eröffnet. Mit etwa 400 Spielstätten - die Hälfte davon in Deutschland - ist die Gauselmann-Gruppe der größte Spielstättenbetreiber Europas. Mit Leipzig gibt es nun insgesamt drei Standorte in Sachsen.
Auf einer Fläche von jeweils etwa 600 Quadratmetern sind in den beiden Hallen insgesamt knapp 100 Automaten untergebracht. Mit Glitzerambiente und hellen Räumen sollen die neuen Tempel sich vom Image der dunklen Spielhölle abheben. Auf der "grünen Wiese" könne großzügiger gebaut werden, sagt Mario Hoffmeister, Pressesprecher des Unternehmens. Besonders Frauen fühlten sich vom neuen Ambiente angesprochen. Das ist gewollt. Die Hemmschwelle eine Spielothek zu betreten sinke, wenn sie statt klein und verraucht hell und luftig ist, weiß der Sprecher. Waren 2006 nur sieben Prozent der Gäste Frauen, liegt der Anteil jetzt bei 20 Prozent.
Frauenanteil steigt
Einen gestiegenen Frauenanteil bei den Spielern verzeichnet auch Kerstin Knorr. Nur kann sie dem Trend wenig Positives abgewinnen. Knorr ist Leiterin des Suchtberatungszentrums der Advent-Wohlfahrtswerke Chemnitz. "Das Problem ist, dass sich Frauen viel später helfen lassen als Männer", sagt Knorr. "Ihr Schamgefühl ist größer." Eine Therapie ist langwierig, die Hälfte bricht ab. Inzwischen sind Spielsüchtige mit zehn Prozent zur drittgrößten Klientengruppe angewachsen. Die meisten sind junge Männer. Etwa 50 pathologische Spieler betreut die Beratungsstelle derzeit. Tendenz steigend. Dass Spielhallen zunehmend freundlicher gestaltet werden, verfolgt Kerstin Knorr mit Sorge. "Gerade Automaten weisen durch die hohe Spielfrequenz ein großes Suchtpotenzial auf. Die Spieler schütten dabei viel Adrenalin aus", weiß die Expertin. "Geld spielt da kaum noch eine Rolle. Der Spielsüchtige glaubt, er hat den Automaten im Griff." Laut Fraunhofer Institut schluckt ein Gerät im Schnitt 11,40 Euro in der Stunde. Was sich im ersten Moment nicht nach viel anhört, kann zur Gefährdung der Existenz führen. "Spielsüchtige zocken an mehreren Automaten gleichzeitig", erklärt Knorr. "In wenigen Stunden ist da ein kleines Monatsgehalt durch."
Nach Auskunft des statistischen Landesamtes in Kamenz gab es im Juni 245 Spielhallen in Sachsen. Vor fünf Jahren waren noch 266 gemeldet. Der Verein Arbeitskreis gegen Spielsucht, der sich als erklärter Gegner der Ausweitung des Glücksspiels bekennt, verfolgt seit 2006 eine Konzentration des Marktes: Weniger, dafür weit größere Spielhallen am Rande der Stadt verdrängen die kleineren Spielstätten in den Innenstädten. Besonders in den alten Bundesländern sei die Entwicklung zu beobachten. Dies ist aus einem in diesem Jahr veröffentlichten Bericht des Vereins ersichtlich. In den neuen Ländern dominiere noch die klassische Spielhalle.
Die Entdeckung des Ostens
Zur Begründung gibt die Organisation an, dass die strukturschwächeren neuen Länder weniger attraktiv für große Ketten seien. Die Gauselmann-Gruppe beweist das Gegenteil. Auch in Sachsen-Anhalt soll ein gigantischer Vergnügungstempel entstehen. Die Sybill-Unternehmensgruppe mit Deutschlandsitz in Berlin schmiedet Pläne für ein Ressort mit Spielcasino in Vockerode, nahe der Autobahn 9. Von einer Investitionssumme bis zu 500 Millionen Euro ist die Rede.
Die Stadt Plauen nimmt laut Rathausauskunft bei 160 aufgestellten Automaten jährlich 250.000 Euro über die Vergnügungssteuer ein. Ende Februar schloss dort eine Sächsische Spielbank die Pforten, da nicht genug Gäste kamen. Mit der Standortwahl für das Merkur-Casino habe das nichts zu tun, sagt Unternehmenssprecher Hoffmeister. Eher mit der guten Anbindung an die Autobahn 72. "Wir haben eine ganz andere Zielgruppe, wollen den Durchschnittsbürger ansprechen, nicht den Spitzenverdiener." Um mehr Automaten aufstellen zu können, wurde das Center als ein Komplex aus vier Hallen bei der Stadt eingetragen. "Die Kleinteiligkeit wurde so beantragt, sicherlich aufgrund der Spielverordnung", erklärt Sandra Fischer, Sachbearbeiterin Gewerbe. Denn laut dem Gesetz von 2006 dürfen in einer Spielhalle höchstens zwölf Geräte aufgestellt werden. Dank des Tricks der Vierteilung können jedoch 48 laufen, wie es auch der Fall ist. In Zwickau wurde mit dem Neubau für 1,1 Millionen Euro ebenso verfahren, lautete die Auskunft aus dem Rathaus. 365.000 Euro nimmt die Stadt über die Vergnügungssteuer ein. Knapp 240 Geldspielautomaten gibt es in Zwickau. Vor fünf Jahren ratterten noch 60 Unterhaltungsgeräte ohne Gewinnmöglichkeit. Inzwischen wurden fast alle gegen Geldspielautomaten getauscht.
Markt in Chemnitz gesättigt
Die westfälische Firma, die weltweit über 6000 Mitarbeiter beschäftigt und 2009 ein Geschäftsvolumen von 1,27 Milliarden Euro verzeichnete, sei an der Anmietung von Objekten in allen Orten der Bundesrepublik interessiert. So heißt es auf der Internetseite der Firma. Gebäude ab 800 Quadratmeter Fläche sind von Interesse. Wenn der Standort passt, zieht das Unternehmen auch geschwind selbst eine Halle hoch. So auch vor einem Jahr in einem Gewerbegebiet im oberfränkischen Kulmbach. Räume in der Hofer Innenstadt werden indes derzeit zum Verkauf angeboten. Im Freistaat seien in nächster Zeit nach Auskunft des Firmensprechers keine weiteren Hallen geplant.
Die ehemalige Spielstätte im Chemnitzer Zentrum betreibt seit vergangenem Jahr ein Berliner Unternehmer. Insgesamt gibt es 37 Spielhallen in Chemnitz, zudem eine Spielbank. 800.000 Euro plant die Stadt dieses Jahr als Einnahme an der Vergnügungssteuer ein. Die Zahl der Automaten ist jedoch rückläufig. Waren 2005 mehr als 640 aufgestellt, sind es heute gut 100 weniger. Besonders in Kneipen werden sie immer öfter abgeschraubt. Das vorhandene Spielerpotenzial sei wohl ausgeschöpft, lautet die Erklärung seitens der Stadt.